9-Euro-Ticket: Traum oder Trauma?

Was für eine tolle Idee: Wir reisen durch die Lande, sparen einen Haufen Geld, und tun dabei noch ´was für die Umwelt. Die Rede ist natürlich vom 9-Euro-Ticket der Deutschen Bahn, und was kann bei solch einem Angebot schon schief gehen?

Jede Menge, wie sich herausstellt. Volle und überfüllte Züge sowie unklare Regeln sorgen für Enttäuschungen, und hätte man gründlich nachgedacht, wären die 2,5 Milliarden Steuergelder an Subventionen für dieses Projekt anderswo vielleicht besser investiert worden.

Einer von mittlerweile mehr als 7 Millionen, die das Ticket für den Juni gekauft haben, bin ich. Damit ihr wisst, was auf Euch zukommt, teile ich hier meinen ersten Eindruck mit Euch. Eigentlich wollte ich schon am ersten Tag los, zum Beispiel von Offenburg mit dem Rad nach Freudenstadt, und von dort auf dem Kinzigtalweg zurück. Dann war aber unklar, ob das mit der Fahradmitnahme überhaupt klappt, und was man sonst noch so bedenken sollte. Außerdem habe ich viel zu tun, das Finanzamt will all mein Geld, und so habe ich erst mal den Schreibtisch gehütet und all die Berichte gelesen.

Gestern aber, am 4. Tag der Gültigkeit des 9-Euro-Tickets, stand ein Familienfest an, und so hatte ich einen Anlass, dies mit einem Test zu verbinden. Ziel war es, an diesem Samstag möglichst ohne weitere Zahlungen, ohne ständiges Umsteigen und bei akzeptabler Reisedauer von Offenburg nach Neckargemünd und noch am gleichen Tag wieder zurück zu fahren. Und so ist es gelaufen:

Abschnitt 1: Pünktlich um 14:02 von Offenburg nach Karlsruhe mit der Regionalbahn RE 2. Die läuft von Konstanz kommend und hatte dementsprechend schon viele Passagiere. Dazu kam der recht volle Bahnsteig in Offenburg – aber es hätte schlimmer sein können. Ärgerlich, dass im Nahverkehr noch immer Maskenpflicht herrscht. Auf meiner jüngsten Reise durch Kroatien, Slowenien, Montenegro und Albanien war das weder in Bussen noch in Bahnen nötig – warum also bei uns?

Nun ja. Eigentlich habe ich mich ja daran gewöhnt, dass Deutschland im Allgemeinen und die Deutsche Bahn im Besonderen anderen Ländern hinterherhinkt. Wer hier Bahnfahren will, muss leiden, ist meine Erfahrung aus den letzten Jahren. Ich gehe also mit niedrigen Erwartungen und großen Befürchtungen in dieses Experiment. Und so ging’s weiter:

Die Auslastung des Regionalexpress ist geschätzt 90 %, keiner muss stehen, und ich finde sogar meinen bevorzugten Platz, oben und am Fenster. Die Schaffnerin ist gut drauf und erklärt fröhlich einem Reisenden, dem es hochpeinlich ist, sie für einen Mann gehalten zu haben, dass sie tatsächlich eine Frau sei und woran man das erkennen könne. Ein guter Start, denke ich mir, genieße die relative Ruhe unter meinen Kopfhörern und komme fast pünktlich um 14:53 in Karlsruhe an.

Abschnitt 2: Mit der S-Bahnlinie 3 geht es von Karlsruhe nach Heidelberg. Sie wartet bereits am Gleis gegenüber und bietet bei 2/3 Auslastung genug Platz für alle. „Sehr geehrte Fahrgäste, leider ist der vor uns liegende Abschnitt noch durch einen anderen Zug belegt“, verkündet der Lokführer und verspricht: „Wir setzen unsere Fahrt in Kürze fort.“ Das stimmt sogar, und um 15:02 geht es weiter, mit nur 4 Minuten Verspätung. Am nächsten Bahnhof kommen wieder ein paar Minuten Verspätung hinzu. „Bitte treten Sie aus den Türen zurück, dann können wir auch weiterfahren“ belehrt freundlich der Lokführer.

Ja, es gibt einen Haufen Idioten, die mit der Bahn reisen, denke ich und blicke zu den drei Maskenverweigerer nebendran. Aber haben andere Länder weniger Idioten? Oder reisen die nur bei uns bevorzugt mit der Bahn? So viele Fragen.

Schöne Aussichten übrigens. Erst von der Rheinebene auf den Schwarzwald, von Karlsruhe dann durch den Kraichgau und entlang den Hängen des südlichen Odenwalds bis Heidelberg.

Derweil wird die Verspätung der S-Bahn immer größer, der Anschluss in Heidelberg nach Neckargemünd um 15:49 ist schon weg, während wir noch aus unerfindlichen Gründen in Wiesloch-Walldorf stehen. Gut, dass ich einen Sitzplatz habe, denn wer jetzt noch einsteigt, kriegt keinen mehr.

Abschnitt 3: Die Verspätung von einer Viertelstunde durchkreuzt meinen Plan, in Heidelberg noch einen kleinen Spaziergang zu machen. Lediglich direkt vorm Bahnhof reicht es für eine kleine Entdeckung: 

Zum ersten Mal sehe ich die Skulptur des Dienstmanns „Muck“, dessen schöne Geschichte ich hier gerne wiedergebe:

„1837 in Heidelberg Neuenheim mit Namen Johannes Fries geboren.
In seiner Jugend arbeitete er als Gänsehirt am Neckar, später im Schreinerhandwerk, dann wurde er zum Dienstmann Nr. 73 am Heidelberger Hauptbahnhof.

Bei den Heidelberger Korps in der „Suevia“ und „Corona“ war er Aufpasser bei Mensuren und erhielt von Ihnen den Namen „Muck“ Gleichzeitig spielte er für die Studentenschaft mit Zuverlässigkeit den Postillion d‘ Amour. Seine große Beliebtheit verdankte er seiner Originalität, Hilfsbereitschaft, Bescheidenheit, Schlagfertigkeit und Loyalität. Johannes Fries verstarb am 19.05.1905 in Heidelberg, mittellos, aber als unvergeßliches Heidelberger Original.“

Ich nehme mir vor, von Muck Bescheidenheit zu lernen, und nicht so viel zu meckern. Dann laufe ich zurück zum Bahnsteig, und nehme, um zum Familienfest nicht zu spät zu kommen, die nächste S-Bahn der Linie 2. Sie fährt durchs Neckartal nach Seckbach und sollte um 16:25 abfahren, hat aber auch wieder 20 Minuten Verspätung. Damit ist mein Zeitpuffer von einer Stunde aufgebraucht.

Am Ende dieser Hinfahrt schaue ich nach, was die schnellste Verbindung gekostet, und wie lange sie gedauert hätte. Ich komme auf 15 – 20 Euro mit meiner Bahncard 25. Unter der optimistischen Annahme, dass die Fernzüge pünktlich gewesen wären, hätte das dann 2 Stunden gedauert, statt der 3 Stunden unter den Bedingungen des 9-Euro-Tickets.

Für die Rückfahrt blieb die Wahl zwischen einer späten Verbindung, ausschließlich mit dem 9-Euro-Ticket, 3,5 Stunden Fahrzeit und vier Mal (!) Umsteigen. Oder schon nach gut drei Stunden zurück und teilweise Fernverkehr, was natürlich extra kostet. Oder gibt es noch weitere Möglichkeiten? Dies herauszufinden, sollte eigentlich kein Problem sein.

Eigentlich. Mit der App der Deutschen Bahn, dem „DB Navigator“, aber wird die Suche zur Herausforderung. Es gibt nämlich keine Option, ausschließlich nach Verbindungen zu suchen, auf denen das 9-Euro-Ticket gültig ist. Aber Hey – was kann schon erwarten für 2,5 Milliarden Euro an Subventionen? Also suche ich einerseits mit der Option „schnellste Verbindung anzeigen“, dann nochmal ohne diese Option, und schließlich noch nach Teilabschnitten, notiere mir die Ankünfte und Abfahrtszeiten, und kombiniere diese in meinem Kopf, während ich alle naselang prüfe, ob es Verspätungen gibt, die meine Pläne durchkreuzen und mich zu später Stunde an einem Bahnhof fern der Heimat zurücklassen würden. Unter „Abenteuer Reisen“ stelle ich mir etwas anderes vor. Aber wer nicht flexibel ist und reichlich Zeit für Verspätungen mitbringt, sollte ohnehin lieber mit dem Auto fahren. Wie auch immer: Folgendes kam bei dem ganzen Rumhirnen heraus:

Abschnitt 4: Pünktlich mit der nur halbvollen S2 um 20:17 ab Neckargemünd in Richtung Kaiserslautern, mit Ankunft in Mannheim um 20:51. Das Einzelticket hätte 10 Euro gekostet, die habe ich also heute auch noch gespart und war dafür sogar auf der schnellsten Verbindung zwischen Neckargemünd und Mannheim unterwegs. Alternativ hätte ich auch in Heidelberg auf einen verspäteten ICE warten können, dann aber nochmals 23 Euro bezahlen müssen, um in einer Gesamtzeit von zwei Stunden heimzukommen.

Dann doch lieber die folgende Variante: In Heidelberg sitzen bleiben und in der mittlerweile vollen S-Bahn in engem Körperkontakt mit einer dicken Dame im rosa Sommerkleid bis nach Mannheim. Ich stelle mir vor, wie sich das an den richtig heißen Tagen anfühlen wird, bei Temperaturen um die 35 Grad, und bei nochmals volleren Zügen wegen Ferienzeit. Nein, eigentlich will ich mir das gar nicht vorstellen.

Abschnitt 5: 8 Minuten Zeit zum Umsteigen, 7 Gleise sind zu unterqueren. Dennoch erreiche ich problemlos in Mannheim die S9, die mich ab 21:06 in einer knappen Stunde nach Karlsruhe bringt. 5 Minuten vor Abfahrt bin ich drin. Für ein Getränk hat es nicht mehr gereicht, und so blicke ich neidisch auf meinen Nachbarn, dessen Maske auf Halbmast hängt, und der ein Sixpack Becks im Arm hält.

Auch seine Kumpels links und hinter mir sind Maskenverweigerer. So wie ca. jeder Zehnte im Zug. Ich wünschte mir wirklich einen Schaffner, der eine klare Ansage macht, und die Jungs dann rausschmeißt. Klar weiß ich, dass die Dummköpfe ein höheres Infektionsrisiko haben, und da sie wahrscheinlich nicht geimpft sind im Ernstfall schneller in der Klinik landen – oder im Grab. Trotzdem fühl ich mich als Depp, wenn andere die Regeln ignorieren, und dies keine Konsequenzen hat. Nächstes Mal lass ich die Maske dann eben auch weg.

Abschnitt 6: Ich komme pünktlich um 22:02 in Karlsruhe an. Somit bleiben mir acht Minuten für den Gleiswechsel zum Regionalzug nach Offenburg mit der Nummer 2. Das reicht sogar, um in der Passage ein Tannenzäpfchen abzugreifen. Natürlich muss man dabei immer im Hinterkopf haben, dass in dieser einen zusätzlichen Minute andere Leute die letzten Plätze belegen könnten. Aber ich habe Glück, und bei 70 Prozent Belegung erwische ich wieder einen meiner Lieblingsplätze, oben und am Fenster. In meiner Reihe sitzen 4 Leute. Keiner trägt Maske. Jetzt habe ich die Schnauze voll und setze meine auch nicht mehr auf. Ein Schaffner kommt sowieso nicht, aber wenn werde ich auf mein Bier hinweisen, das ja schließlich auch konsumiert sein will.

Kurz vor Offenburg erfahren die sehr verehrten Fahrgäste, dass sich die Fahrt noch ein wenig verzögert. Grund ist, dass vor uns noch ein Zug fährt. Aha. So gibt es auf der sechsten Fährt die dritte Verspätung, die aber unter 10 Minuten bleibt, und die ich gut verschmerzen kann.

Premiere mit dem 9-Euro-Ticket: Sechs Züge, sechs Stunden, 216 Kilometer

Um 23:15 bin ich wieder daheim. Sechs Stunden lang saß ich heute in sechs verschiedenen Zügen, wurde ein Mal kontrolliert, und habe laut Google Maps 281 Kilometer mit der Bahn zurückgelegt, plus nochmals knapp 2 Kilometer zu Fuß zum Startbahnhof und für die Umsteigerei. Zur Bilanz gehört allerdings auch, dass ich am Ziel mit dem Auto abgeholt und wieder zum Bahnhof gebracht wurde, sonst hätte ich weitere 2 – 3 Kilometer laufen müssen. Wenn das Ziel in einer Kleinstadt wie Neckargemünd nahe dem Bahnhof liegt, und man nicht viel zu tragen hat, ist das kein Problem. Auf dem Land aber sieht´s wohl anders aus. Für mich zeichnet sich daher jetzt schon ab, dass ein erklärtes Ziel des 9-Euro-Tickets nicht erreicht wird, nämlich mehr Menschen zum Umstieg auf die Bahn zu bewegen. Ganz im Gegenteil liefert man hier eine eindrucksvolle Demonstration, warum das Auto für viele Menschen unverzichtbar bleibt. Insbesondere für jene, die wenig Zeit und viele Ortstermine haben, kann die Bahn in Deutschland auf sehr vielen Strecken einfach nicht mithalten. 

Meine persönliche Bilanz fällt trotz allem recht positiv aus: Letztlich habe ich das Tagesziel erreicht, und bin pünktlich zum Geburtstag und wieder zurück gekommen. Preislich hat sich das 9-Euro-Ticket jetzt schon gelohnt, auch wenn man es nur mit dem Preis eines Baden-Württemberg-Tickets (€ 24) vergleicht. Nicht aber, wenn man so wie ich als Freiberufler in der extra Stunde auch hätte arbeiten und Geld verdienen können.

Meine Erwartungen an die Deutsche Bahn waren wie gesagt gering, nebenher ist dieser Blog-Beitrag entstanden, und so will ich nicht knauserig sein. Für heute gebe ich dem 9-Euro-Ticket die Schulnote 2-3 , freue mich über Eure Kommentare, und bin gespannt auf die nächste Tour.

Die „Altstadt“: Fußballkneipe mit Atmo

Für Fußballfans und solche, die es werden wollen ist die „Altstadt“ sicher die beste Adresse in Offenburg. Hier hängen die Schals und andere Memorabilia des Offenburger Fußballverein 1907 – kurz OFV. Auch die Schals sämtlicher Bundesliga- und vieler ausländischer Mannschaften schmücken die Wände. Die Spiele kann man an mindestens vier Bildschirmen / Leinwänden verfolgen. Das Publikum ist – wenig überraschend – zumeist männlich. Man trinkt Bier vom Fass oder Weinschorle, und meistens hängen Rauchschwaden in der Luft. Der Service ist aufmerksam und freundlich, die Wirtsleute Dirk und Heike sind wie alle hinter Tresen einfach sympathische Menschen. Weitere Pluspunkte sind die beiden Dart-Automaten, und kürzlich wurde nach mehrjähriger Corona-Abstinenz auch mal Karaoke geboten (naja…).

Das klingt alles ganz normal, und doch ist die Altstadt eine besondere Kneipe. Sie ist authentisch und voller Leidenschaft. Ganz besonders bei den Spielen des FC Freiburg, oder wann immer es gegen meinen Verein Bayern München geht. Dann wird es schon mal laut, und die Tacklings und Nickligkeiten springen vom Platz in die Kneipe über. Abseits oder nicht? Foulspiel oder Schwalbe? Die Interpretationen sind so unterschiedlich wie die Lieblingsvereine der hier versammelten Fans. Beschimpfungen, Häme und Schadensfreude werden verbal oder in Form von Schlachtgesängen ausgetauscht. Es wird geraucht und manch einer hat schon vor dem Abpfiff einen sitzen. Danach noch einen Tequila zur Versöhnung, und es war ´mal wieder ein schöner Abend. Und wer das nicht vertragen kann, der soll doch bitte zuhause bleiben.

Die Öffnungszeiten orientieren sich an den Übertragungen der Spiele – sei es Bundesliga, Pokal, UEFA-Cup oder Championsleague. So ist die Altstadt zwar theoretisch Montag bis Donnerstag von 16:00 bis Mitternacht geöffnet, an Freitag bis 2:00 und Samstag schon ab 13:00. An spielfreien Sonntagen kann aber auch geschlossen sein. Im Zweifel checkt man die Facebook-Seite (https://www.facebook.com/Altstadt-Offenburg-1534243143298650), wo auch aktuelle Events bekannt gemacht werden.

Übrigens: Bei Google heißt der Laden fälschlicherweise „Alt Offenburg“, doch droht Verwechselungsgefahr, weil es auch in 250 Metern Entfernung ein gleichnamiges Parkhaus gibt. Also besser gleich das Navi auf die Spitalstraße 5 einstellen oder sich von Google Maps leiten lassen (https://goo.gl/maps/ho5wnchuymu1JJis8). Eine Aktualisierung habe ich beantragt.

Zagreb – mehr als ein Sprungbrett

Zagreb ist der erste Stopp auf meiner Balkan-Reise 2022 und erst mein zweiter Aufenthalt im schönen Kroatien. Zwar war ich bereits 1979 hier, aber das zählt nicht. Denn erstens bin ich damals mit einem Interrailticket nach Griechenland gefahren und habe nur ein paar hässliche Wohnblocks aus dem Fenster fotografiert. Und zweitens war Zagreb damals noch ein Teil des Vielvölkerstaates Jugoslawien, der mittlerweile wieder in ein halbes Dutzend Nationen zerfallen ist.

Nicht schön: Hochhaussiedlung in Zagreb im Jahr 1979

Eigentlich sollte mir die Hauptstadt Kroatiens mit ihren 820000 Einwohnern nur als Sprungbrett dienen für die Tour, auf der ich erstmals Slowenien, Montenegro und Albanien bereisen will. Die gute Erreichbarkeit und ein billiges Ticket von Ryanair haben den Ausschlag gegeben – vom Baden Airpark waren es mit kleinem Gepäck kaum 30 Euro und der Flug über die Schweizer, Österreichischen und Slowenischen Alpen dauerte keine 90 Minuten.

Obwohl ich innerhalb der EU reise, dauert die Passkontrolle 30 Minuten und ist keinen Deut schneller als bei den Briten, die zeitgleich aus London gelandet sind. In der Ankunftshalle dann die übliche Abzocke an den Geldautomaten. Statt dem aktuellen Wechselkurs von 105 Euro für 800 Kuna verlangt man 124 Euro. Aber nicht mit mir! Zum Glück nimmt der Fahrer des Flughafenbusses auch Euro und zwar 7 Stück statt 45 Kuna. Das ist zwar ein Aufschlag von einem Euro, aber immer noch besser, als am Geldautomaten 20 Euro mehr zu zahlen als nötig.

An der Bustür hängt zwar ein Hinweis auf die Maskenpflicht – aber der ist entweder veraltet oder wird ignoriert. Maskenfrei geht also auf die ca. halbstündige Fahrt in die Stadt. Die Straße ist breit, neu und wird schon weit draußen von einem Radweg und vielen Grünstreifen begleitet.

Wir überqueren die Sava, einen Fluss, der dem Abstand der Deiche nach zu urteilen gerne Mal über die Ufer tritt. Einzige Haltestelle und zugleich Endstation ist der Busbahnhof, wo auch noch andere Unternehmen wie z.B. Flixbus angesiedelt sind.

Auf dem Weg zum Hotel probiere ich den nächsten Geldautomaten, und der zahlt mir exakt das, was der Wechselkurs anzeigt, nämlich 1000 Kuna für 132 Euro. Mittagessen im „GoodFood“, wo ich einen ordentlichen Burger plus einheimischem Bier für 64 Kuna kriege, also etwa 8 Euro. Nun ist es Zeit, einzuchecken im Manda Heritage Hotel, das ich für € 69 über Hotels.com gebucht habe und damit deutlich günstiger als die € 105 Euro der offiziellen Preisliste, die in meinem Zimmer ausliegt.

Das Hotel ist modern eingerichtet, sauber und relativ groß, inklusive Schreibtisch, Kaffeemaschine, Sofa, und einem Fernseher, der größer ist als daheim, und auf dem z.B. Netflix und Amazon Prime bereits eingerichtet sind, sodass man sich gegebenenfalls mit dem eigenen Konto einloggen kann. Die Bedienungsanweisungen und touristischen Hinweise für die Gäste sind sorgfältig zusammengestellt und zweisprachig (kroatisch/englisch) abgefasst, außerdem gibt es ein (für mich nicht enthaltenes) Frühstücksbuffet, Wäscheservice und – wer´s braucht – einen benachbarten Schönheitssalon, wo Frau sich mit Massagen und Gedöns zwischen € 40 und 60 verwöhnen lassen kann. Wie ich dem Hotelverzeichnis entnehmen kann, gibt es im näheren Umkreis bzw. werden empfohlen ein halbes Dutzend Museen, einschließlich dem Museum der zerbrochenen Beziehungen, dem Dolac-Markt, 20 Restaurants, einem Dutzend Kneipen und Nachtbars, sowie 7 Bäckereien/Konditoreien und ein paar Geldautomaten.

Das „Alcatraz“ war eine der vom Hotel empfohlenen Kneipen und scheint auch sehr beliebt zu sein. Man trinkt meist ausländische Biere und die feinen einheimischen Weine, beides zu günstigen Preisen (Mein Weißer hat 20 Kuna für 0,1 gekostet). Die Nichtraucher sind in der Minderzahl und haben ihren eigenen kleinen Raum. Nur habe ich leider einen dieser unaufmerksamen Kellner erwischt, die mich ärgern. Insgesamt nicht besonders genug für eine Empfehlung. Dann laufe ich die Tkalciceva- Straße runter und finde unter all den Kneipen eine, die das Frankfurt-Spiel überträgt. History heißt sie, und spielt belanglose Disco-Dudel-Musik. Aber der Service stimmt und 28 Kuna (35 mit Trinkgeld) für einen halben Liter IPA sind ok.

Den zweiten Tag beginne ich mit einem Frühstück bei Verde brunch & caffe. Der Laden steht auf der Google-Liste weit oben, enttäuscht mich aber ein bisschen mit einer wenig freundlichen (weil gehetzten) Kellnerin und statt Auswahl lediglich Croissant, O-Saft, und (guter) Cappuccino. Für 28 Kuna (35 mit Trinkgeld) trotzdem ok, aber dennoch muss ich auf dem Rückweg meine Fleischeslust mit einem Börek stillen. Das Blätterteiggebäck gibt es auf dem ganzen Balkan in verschiedenen Varianten – mit Käse, Spinat, oder so wie meiner mit Hackfleisch. Für 15 Kuna (knapp zwei Euro) werde ich satt und mache mich auf einen ausgedehnten Stadtspaziergang.

Gleich zu Beginn lasse ich mich in die Ausstellung „Parasiten“ im Hdlu Mestrovicev Pavviljon locken. Auch wenn ich wieder einmal schmunzeln muss über die Wichtigtuerei, mit der so mancher hier sein Projekt erklärt (z.B. Ein Schaf vom Kosova nach Albanien zu bringen, und die Reise zwischen den einst verfeindeten Staaten aus der Sicht des Schafs zu betrachten). Trotzdem eine „nette“ Ausstellung in einem der wenigen Museen, die wegen der Schäden des Erdbebens vom 22.März überhaupt auf haben.

Sehr schön, und auch günstig: Zagreb hat sich ´rausgeputzt und steckt voller Überraschungen.

Durch mehrere Parks, in denen überall Tulpen blühen, laufe ich bis zum geschäftigen Bahnhof, wo ich Informationen in Kroatisch, englisch und deutsch finde. Auf dem Platz davor gibt es eine Infosäule in 6 Sprachen, außerdem Leihfahrräder von Nextbike und darunter ein unterirdisches Einkaufszentrum. Dann geht es am Botanischen Garten vorbei wieder zurück in den von Touristen besonders frequentierten Teil der (Alt)stadt, und hoch zur Kathedrale, und später vorbei an vielen lebhaften Kneipen, vielversprechenden Restaurants und Weinstuben.

Tags darauf fahre ich weiter nach Maribor in Slowenien. Aber weil Zagreb mich so positiv überrascht hat, weil es eine sympathische und recht preiswerte Stadt ist, und weil es hier noch Einiges zu entdecken gibt, habe ich meinen Reiseplan angepasst und einen dritten Tag eingeplant, mit dem ich diesen Eintrag aktualisieren werde.

Life Nachtcafe – Bei Kalle im Keller

Kalle kann Kneipe.

Hinter jeder guten Kneipe steht ein guter Kneiper. Im Life Nachtcafe in Offenburg ist das Karl-Heinz Adelmann, besser bekannt als „Kalle“. Sein Laden liegt nur wenige Schritte von den Bushaltestellen der Hauptstraße entfernt in einem Gewölbekeller, der früher ´mal das „Bax“ beherbergte.Das war von jeher ein Treffpunkt für Nachteulen, doch unter Kalles Leitung ist das „Life“ viel mehr geworden, als nur die letzte Tränke auf der Tour. Zwischen Dienstag und Samstag treffen sich Jung und Alt in dieser Wohlfühloase.

Der Name ist Programm. Freitags und Samstags gibt es meistens Life-Musik von Rockbands oder Singer-Songwritern aus der Region; hin und wieder legen DJs auch mal Techno auf. Der Eintritt ist frei, der Hut geht ´rum. Es gibt ein Dutzend verschiedene Biere aus der Flasche, eine schöne Sammlung schottischer und irischer Whiskys, natürlich auch Cocktails, ein paar Kleinigkeiten zu essen, eine Dartmaschine und einen Billiardtisch. Es darf geraucht werden. Und es wird geraucht. Nichts besonderes, könnte man meinen, wäre da nicht der Kalle.

 
Sein Elefantengedächtnis speichert die bevorzugten Getränke der Stammgäste, und scheinbar deren Lebensgeschichten gleich mit. Und das ist erst der Anfang. Dass der Mann hinterm Tresen ein offenes Ohr für die Sorgen seiner Kundschaft haben sollte, versteht sich von selbst. Doch Kalles Repertoire an Lebensweisheiten und klugen Ratschlägen, an aufmunternden Worten und klaren Ansagen ist legendär. Die Erfahrung hat er sich hart erarbeitet. Ob als Maurer, Call-Center-Chef, Koch oder Thai-Boxer – Kalle hat viel erlebt und viel zu erzählen. Seit Jahrzehnten ist er eine feste Größe in Offenburg. Scheint alle zu kennen und weiß auch, wer wann mit wem und warum. Das behält er natürlich meistens für sich, es sei denn, dass die gelegentliche Info dem Weltfrieden dient und das Lebensglück seiner Kundschaft mehrt. Kein Wunder, dass ihm auf Facebook mehr als 2000 Anhänger folgen, die er gefühlt rund um die Uhr mit einer endlosen Reihe von Sinnsprüchen versorgt.
 
Wer artig ist darf schon ´mal unter der Woche ein paar eigene Songs abspielen, und mitunter sind daraus auch spontane Partys geworden. Hier geht eigentlich alles, solange man sich benimmt. So ist das „Life“ binnen kurzer Zeit zu einem Ort der Begegnung für freundliche, liebenswerte, interessante und respektvolle Menschen jedweder Herkunft und Orientierung geworden. Einen herzlichen Glückwunsch, mein Freund – Dein Plan ist voll aufgegangen.
 
Aktuelle Events und Aktionen stehen auf Facebook, Kalle selbst samt seinen Weisheiten findet man dort ebenfalls, und die Wegbeschreibung gibt´s auf Google Maps

Blütenwanderweg Ebersweier

Das Timing ist wichtig für diese einfache, flache Wanderung rund um das Dorf Ebersweier. Man sollte dafür zwischen Ende März und Ende April anpeilen. In diesem Zeitraum entfalten die ersten Obstbäume zaghaft ihre Blüten, verwandeln dann – manchmal über Nacht – die Landschaft zu Tausenden in ein pointillistisches Gemälde, bis schließlich die weiße Pracht wie Schneeflocken herabrieselt und vom Wind verweht wird.
 
Bei Ebersweier im Frühling: Hier blüht Euch was!

Wer aus der Wanderung einen Event machen will, der sollte sich Mitte April am nächstgelegenen Sonntag einfinden. Dann findet nämlich der Ebersweirer Blütenwandertag statt, bei dem Freiwillige aus den örtlichen Vereinen, Winzer, Obstbauern, Schnapsbrenner und Gastronomen entlang der Strecke für abwechslungsreiche Bewirtung sorgen. Der Parkplatz im Dorf kann dann schon mal voll werden, die Wanderung selbst ist aber auch an diesem Tag (noch) nicht überlaufen.

 
Die Strecke ist identisch mit dem gut beschilderten Rundweg Ebersweier 1, der zum Beispiel auf der sehr gepfegten Webseite von Durbach zu finden ist. Dort kann man auch die zugehörige gpx-Datei herunterladen, oder – falls ihr das bevorzugt – die exakten, von mir gelaufenen Strecken inklusive der Einkehr in der Weiler Mühle bei
 
Los geht es an der Halle am Durbach, wo es fast immer reichlich Parkplätze gibt. Dann über Bach und Straße ein paar Meter bis zum „Stöcken“, dort links ein kurzes Stück dem Badischen Weinradweg folgen. Nach Querung der Landstraße kommt die erste Attraktion (für mich ist es jedenfalls eine): An der Weißkopfhütte („Wisskopf“) steht eine überdachte Schnapsbar, die rund um die Uhr geöffnet ist, und eine Selektion von Vetters Edelbränden anbietet (Mirabell war fein!).
 
Bezahlt wird ins Kässle oder per PayPal, und auf dem weiteren Weg wird man die vielen Obstbäume hier womöglich mit anderen Augen sehen. Außerhalb des Blütenwandertages gibt es keine weiteren Stände und Verpflegungsmöglichkeiten entlang der Strecke, doch dafür steht kurz vor dem Ziel jenseits des Baches und der Straße das Gasthaus Weiler Mühle mit kleinem Biergarten. Nun wird´s Zeit anzustoßen auf diese kleine, aber feine Wanderung und – leicht befügelt – vielleicht gleich die nächste der zahlreichen schönen Touren in dieser Gegend zu planen.
 

Ebersweier bei Durbach

Dort, wo sich das Durbacher Tal zur Rheinebene hin öffnet, liegt das Dorf Ebersweier. Links und rechts des Durbachs leben seine 1250 Einwohner, von denen sich mindestens 50 hauptberuflich oder nebenher der Schnapsbrennerei widmen. Das Obst dafür stammt von den ungezählten Kirsch-, Zwetschgen-, Apfel-, Birnen-, Mirabellen und wasweißichfür-Bäumen in der allernächsten Umgebung. Von der Qualität der Schnäpse konnte ich mich zuletzt am Blütenwandertag überzeugen – ein toller Event, der jährlich Mitte April an einem Sonntag stattfindet. Von dort habe ich folgende Empfehlungen mitgebracht (es wird um telefonische Voranmeldung gebeten!):

  • Vetter Edelbrände. Am Durbach 3, 77770 Durbach. Tel. 0781-6300770. 
  • Destillerie Werner. Windschlägerstr. 10, 77770 Durbach Ebersweier. Tel 0781-41933. info@destillerie-werner.de

Gastronomisch hat mir die Weiler Mühle gut gefallen (Besprechung hier); die zweite Wirtschaft des Dorfes – das Gasthaus Kreuz – kenne ich noch nicht.

Umgeben von Obstwiesen – das Dorf Ebersweier bei Durbach

Ebersweier, das zur wesentlich bekannteren Gemeinde Durbach gehört, hat mindestens drei leichte Wanderwege zu bieten. Am schönsten sind sie zur Kirschblüte, etwa Ende März bis Ende April (Tourbeschreibung hier).

Ein bisschen mehr über das Dorf bieten die Wikipedia, Facebook und die eigene Webseite. Letztere erinnert mich von der Aufmachung her ein wenig an die Ortsblättchen meiner Jugend, erfüllt aber ihren Zweck, indem sie aktuelle Informationen liefert und das Dorf zusammenhält.

Weiler Mühle – Wirtschaft ohne Schnick-Schnack

Freundliche Wirtschaft mit kleinem Biergarten, leicht zu finden am Ortsausgang Ebersweier in Richtung Durbach. Die Gerichte sind recht typisch für die Gegend, die Karte fleischlastig und übersichtlich. Angefangen vom Vesper mit Bauernbratwurst und zweierlei Wurstsalat, zu vollständigen Mahlzeiten wie dem Mühlenschnitzel mit Pommes (und natürlich Sauce dazu) geht´s weiter mit Cordon Bleue, Schweinerückensteak, Putenmedaillion etc. Vegetarier haben die Wahl zwischen Pfannkuchen, Käsespätzle und Camembert. Für Veganer wird´s also eng und beim Dessert bleibt nur die Wahl zwischen Eis und Panna cotta.
 
Aber Hey – ich war ja nicht auf der Suche nach einem Gourmet-Tempel, sondern einer ordentlichen Wirtschaft, um am Ende der famosen Ebersweirer Blütenwanderung in der Sonne sitzend den Tag ausklingen zu lassen. Und dafür war die Mühle genau richtig. Die Weine sind übrigens von der Winzergenossenschaft Durbach, und nicht vom hochgelobten Weingut Alexander Laible direkt nebenan. Den schätze ich auch, aber irgendwie passt es so besser und für Bodenständigkeit gibt´s bei mir immer einen Punkt extra.
 
„Schön, dass Du da bist“ steht auf der Serviette, und das werde ich hier voraussichtlich noch öfter lesen.
 
Noch zu erwähnen wäre, dass die Weiler Mühle wie fast alles in Durbach gut vernetzt ist. Man kann sich also verlassen auf die Öffnungszeiten und weiteren Infos unter  https://weiler-muehle.eatbu.com/?lang=de oder https://www.durbach.de/gastronomie/weiler-muehle-7226621179.

Spitalkeller – Hotspot für Musikfreunde

Kaum sind die Corona-Beschränkungen aufgehoben, gibt man im Spitalkeller Offenburg schon wieder richtig Gas: Gestern spielten dort „Muddy What?“ ihren preisgekrönten Blues, heute dann die britische Band „Henge“, die – als Außerirdische verkleidet – ihren „intergalaktischen Rave“ auf die Bühne bringen. Wer Musik lieber live hört als aus der Konserve, der ist hier bestens bedient.
 
Musik hautnah: Muddy What? am 8. April 2022 im Spitalkeller Offenburg.

Nur etwa 120 Leute passen in den kuscheligen Gewölbekeller im Herzen Offenburgs. Und das ist gut so. Denn es bedeutet Musik zum Anfassen. Hier kann man eine Armlänge entfernt dem Gitarristen auf die Finger sehen und das Wirbeln der Drumsticks ohne Verstärker hören. Oder der Sängerin in die Augen schauen und ihr nach dem Konzert an der Bar Komplimente machen.

 
Immer wieder Samstags lockt die „Tanzbar“, mit ihren wechselnden DJs und Stilrichtungen. Der Name ist Programm, die Atmosphäre familiär, und der Alltag schnell vergessen. Kein Wunder, dass Gäste aller Altersklassen hier ihre Leiber in Bewegung setzen. Die Getränke an der Bar gibt´s zu moderaten Preisen, gefeiert wird gerne mal so lange, dass auf dem Heimweg schon die Amseln singen.
 
Kaum zu glauben, aber all das wird organisiert von einer Handvoll Freiwilliger aus dem Verein 361 Grad e.V. Für den optimalen Sound sorgt beispielsweise der „Ton-Claus“ – und der ist immerhin promovierter Physiker, Tontechniker und Gitarrist. Dazu gibt´s eine Light-Show vom feinsten, orchestriert von DJ und Vorstandsmitglied „Josh“. Andere Mitglieder sitzen hinter der Kasse, stehen hinter dem Tresen, bauen auf und ab, kaufen ein und räumen auf, betreuen die Bands, kümmern sich um die Technik, versorgen die Mitglieder mit Infos, und sorgen sich auch sonst um alles und jeden. Seit 20 Jahren geht das nun schon so. Und nun, da die Beschränkungen wegen Corona endlich aufgehoben wurden, blüht er wieder auf, der Spitalkeller.
 
Zugegeben: als Mitglied dieses Vereins bin ich womöglich etwas voreingenommen. Aber ich kenne keinen besseren Laden zwischen Freiburg und Karlsruhe. Nehmt mich beim Wort und checkt es aus. Über alle Veranstaltungen informiert ein kostenloser Newsletter 2 – 3 Mal pro Woche, den kann man einfach anfordern unter der Mailadresse presse@361grad.de.
 
Hier ist die Wegbeschreibung von Google Maps, und natürlich ist der Verein auch auf allen angesagten Kanälen zu finden: Webseite, Facebook, Streams auf TwitchYouTubeInstagramReservierungen & Tickets.
 

Costa Rica in Zeiten von Corona – Ein Update

Während ich derzeit im wunderschönen Costa Rica unterwegs bin, die Natur genieße, Vögel beobachte, gelegentlich arbeite, und mich dabei nach einem neuen Wohnsitz umsehe, verfasse ich in lockeren Abständen Berichte von unterwegs. Hier ist die aktuelle Übersicht:

Folge Inhalt
01 Einleitung
02 Costa Rica & Corona
03 Ankunft / Santa Ana
04 Mobilität / Escazu
05 Orosi & Offroad
06 Turrialba ohne Vulkan
07 Bananen und Baustellen
08 Selva Bananito Lodge

… und dann verließen sie ihn. Statt weitere Nachträge auf dem Bog hinzuzufügen möchte ich nämlich alles zusammenfassen in einem eBook zum Thema „Ab nach Costa Rica“.  Wenn´s fertig ist, werdet ihr hier zuerst davon erfahren.

Costa Rica Update 08 – Selva Bananito Lodge

Heute geht´s mal weniger um die Suche nach einem Wohnsitz, sondern eher um Natur im Allgemeinen und Ökotourismus im Besonderen. Da Ökotourismus einschließlich der Vogelbeobachtung eine der Haupteinnahmequellen des Landes ist, findet man zahlreiche Lodges, die sich auf Verrückte wie mich spezialisiert haben.

Eine davon ist die Selva Bananito Lodge, am Fuße des Talamanca-Gebirges auf der karibischen Seite von Costa Rica und an der Grenze zum riesigen Nationalpark La Amistad, den man sich mit Panama teilt. Zu erreichen ist die Lodge ab Bananito Sur nur über eine ca. 15 Kilometer lange Allradpiste inklusive Durchquerung eines breiten und mehrerer kleiner Bäche. Wieder darf ich mich fühlen wie auf der Camel Trophy – und schiefgehen kann ja eigentlich nichts, weil die Betreiber der Lodge zur Not noch ein paar ernsthafte Geländewagen haben, um einen abzuholen.

Gerne erzählt der deutschstämmige Besitzer Jürgen Stein die Geschichte des Anwesens mit seinen 850 Hektar (!) Land, die der Vater hier 1974 den Einheimischen abgekauft hat. Der in Kolumbien nach dem ersten Weltkrieg eingewanderte Papa war ein erfolgreicher Agarunternehmer hatte sich aber wegen drohender Entführung / Schutzgelderpressung entschlossen, mit seiner Familie das Land blitzartig zu verlassen. Erst wurde die neue Heimat landwirtschaftlich (zur Viehzucht und zum Bananenanbau) genutzt, außerdem wurde auch Holz gewonnen – was man damals halt so unter der Erschließung des Landes verstanden hat. Dies war damals so gewünscht und aus dieser Zeit stammt wohl auch noch eine interessante Klausel im Besitzrecht Costa Ricas: Wer sein Land 5 Jahre lang nicht nutzt / bewirtschaftet, kann den Anspruch darauf verlieren und hat dann angeblich auch keine Handhabe gegen Leute, die dieses Land besetzen.

Ich finde, das ist eine recht interessante Auslegung von „Eigentum verpflichtet“, und womöglich eine ganz gute Maßnahme gegen Grundstücksspekulationen. Außerdem ist beim Immobilienerwerb zu bedenken, dass auch ältere Verträge angefochten werden können, insbesondere in Regionen, die als traditionelles „Indianerland“ gelten, und wo die Grenzziehungen nicht eindeutig nachzuvollziehen sind – z.B. weil es noch kein GPS gab, Flüsse ihren Lauf verändert haben etc.). Getrieben wird dies offenbar weniger von den „Ureinwohnern“ (Indigenes), sondern von Anwälten, die sich eine ordentliche Provision aus der resultierenden Abfindung sichern wollen. 

Solche Dinge nebenbei zu lernen ist einer der Gründe, warum sich diese Reise jetzt schon gelohnt hat. Aber zurück zur Geschichte der Lodge – so wie sie vom Sohnemann gerne erzählt wird: Der hatte nämlich als Jugendlicher jede Menge Ökoflausen im Kopf: Bewahrung der Natur, nachhaltiges wirtschaften, Geld verdienen mit Umweltschutz usw., die dem Senior wohl zunächst als Hirngespinste erschienen (eine Kontroverse, die mich ein bisschen an meine eigene Jugend erinnert hat). Jedenfalls haben die beiden sich geeinigt, der Senior lies dem Junior freie Hand, und der Junior hat über die Jahre das Anwesen in ein privates Reservat umgewandelt, eine Stiftung gegründet, eine Cabina nach der anderen hineingestellt, und ein umfassendes „ökotouristisches“ Angebot entwickelt. Hier kann man reiten, lernen auf einen Baum zu klettern, wandern und im Dschungel übernachten, oder einfach „nur“ birden.

Jürgen Stein und seine Angestellten leiden natürlich ebenso unter der Corona-Krise wie das ganze Land. Nur 3 der 19 Hütten waren besetzt, eine US-Reisegesellschaft, die sonst im Alleingang alles belegt hatte, hat die Buchungen storniert. So kam ich mit zwei Schweizer Pärchen in den Genuss einer besonders intensiven Betreuung inklusiver zweier Vorträge. Der eine drehte sich um die letzten hier noch vorkommenden Großkatzen – sowohl Pumas als auch Jaguare, die mit zahlreichen Fotofallen dokumentiert wurden, aber teilweise der Wilderei zum Opfer fielen (oder genauer: Dem Aberglauben reicher, impotenter Chinesen). Jürgens Verbitterung darüber, dass einer der Wilderer unbehelligt von den Behörden im Nachbarort lebt, obwohl er auf Facebook mit einem abgetrenntem Jaguar-Kopf posiert hat, verstehe ich gut. Seine Reaktion – die Schulklassen aus der Umgebung auf die Lodge einzuladen und die Einzigartigkeit dieser Wildkatzen zu erklären – finde ich großartig.

Der 2. Vortrag ist Jürgens neuestem Hobby und Angebot gewidmet: Er bietet Flüge mit dem Gyrocopter an, einer Art Mini-Helikopter mit offener Kabine für 2 Personen. In geringer Höhe hat man ein tollen Blick auf den Regenwald, samt Wasserfällen oder checkt ´mal eben die Lage im 70 Kilometer entfernten Puerto Viejo. Merian, GEO und natürlich das deutsche Fernsehen waren auch schon da, und haben alles ganz toll gefunden. Ich verkneife mir die Frage, wie sich das Rumfliegen mit dem Umweltschutz verträgt. Der Schweizer Kollege pflanzt tags darauf einen Baum (für 20 Dollar), aber meine Skepsis zum Thema Ökotourismus wird damit nicht kleiner.

Jeder von uns 5 Gästen muss ca. 20000 Kilometer für die Hin- und Rückreise zurücklegen. Wir fahren mit Geländewagen von Lodge zu Lodge, übernachten in Hotels mit Klimaanlagen (die ich auch häufig brauche), gelegentlich auch mit Pool, selbst in Gegenden absoluter Dürre. Also für meine CO2-Bilanz ist das nicht so toll, und wer glaubt, er könne dies durch eine Zahlung an Plant for the Planet oder ähnliche Firmen wettmachen, dem sei der Artikel „Der Märchenwald“ aus der Zeit empfohlen. Andererseits: Welchen Anreiz hätten Länder wie Costa Rica, die letzten Wildnisse der Erde zu bewahren, wenn Typen wie ich sie nicht dafür bezahlen würden? 

Genug philosophiert für heute: Der freundliche Allen, der hier als Guide und Mädchen für Alles arbeitet, entdeckt im Dunkeln im Baum einen Wickelbär – der erste, den ich in freier Wildbahn sehe. Weniger süß, und lieb, und niedlich ist die Lanzettotter, die einer der Schweizer Kollegen kurz darauf auf dem Weg zu seiner Cabina sieht. Laut Wikipedia ist sie „leicht erregbar, bewegt sich sehr schnell und ist extrem giftig“.  Es ist meine 2. Begegnung mit dieser Schlange. Zwar gibt es hier an die 130 Arten, darunter Dutzende giftige. Die Lanzettotter ist aber für die meisten schwerwiegenden Vergiftungen und Todesfälle verantwortlich, weshalb ich abseits der angelegten Pfade hier nur in Stiefeln unterwegs bin. In meiner Cabina, die auf Holzpfeilern steht, fühle ich mich aber recht sicher und träume schön, mit offenen Verandatüren in Richtung Dschungel. 

Die Lodge ist einer der ganz wenigen Orte in Costa Rica, an dem ich weder Handy-Empfang noch W-LAN hatte – aber das ist Teil von Jürgens Plan. Schon um 5:30 treffe ich mich mit Allen zur Vogeltour auf einem kleinen Rundweg. Er hat ein gutes Auge und ein hervorragendes Spektiv von Swarowski. Am Ende habe ich ca. 35 Vogelarten auf der Liste und wir sind beide happy. Die Selva Bananito Lodge ist ein gelungenes Experiment in Sachen Umweltschutz. Meine Empfehlung hat sie und Jürgen Stein meinen Respekt für seine Weitsicht. Dass ich der Verlockung eines Gyrocopter-Fluges widerstanden habe, möge er mir verzeihen… 

Fortsetzung folgt – aber anders als ursprünglich geplant.
Statt Nachträge auf dem Bog möchte ich nämlich alles zusammenfassen in einem eBook zum Thema „Ab nach Costa Rica“.  Wenn´s fertig ist, werdet ihr hier zuerst davon erfahren.