Hügel um Offenburg – Keugeleskopf und Silberlöchlebühl

Sie suchen extreme körperliche Herausforderungen und unberührte Bergwelten? Dann sind sie hier falsch. Meine Wahlheimat Offenburg liegt am Fuße des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord und inmitten einer vielfältigen Kulturlandschaft, so dass man hier Rhein, Reben und Wald jeweils in kürzester Zeit erreichen kann. Für diese Miniserie habe ich einfach nur systematisch die Hügel um Offenburg besucht und aufgeschrieben, was es dort zu sehen gibt. Laut Wikipedia gelten in Deutschland bereits Erhebungen ab 300 Metern als „Berge“. Es ist bei uns also ziemlich einfach, zum Gipfelstürmer zu werden – sogar mit dem Mountainbike.

Wir fangen an mit Keugeleskopf und Silberlöchlebühl. Beides sind (angeblich) „Dreihunderter“, und damit die niedrigsten Erhebungen, die  in meiner Landkarte und bei OpenStreetMap verzeichnet sind. Der schönere und mit 7 Metern auch Höhere der beiden ist mit 372 Metern der Keugeleskopf, manchmal auch „Kügelskopf“ genannt (Geokoordinaten: 48,4439508; 7,9831146). An seinem Westhang liegt Schloss Ortenberg und nicht weit entfernt in südöstlicher Richtung das urige, aber nur Sonntags geöffnete Naturfreundehaus Nothalde. Will man den Keugeleskopf aus südlicher Richtung von Ohlsbach her an einem anderen Tag erwandern, so bietet sich „Im Schlauchberg“ (Geokoordinaten: 48,4418519; 7,9845933) als schöner Rats- und Aussichtspunkt an.

Blick vom Hohen Horn auf den Keugeleskopf (Bildmitte links), einen Hügel oberhalb von Ohlsbach am Eingang zum Kinzigtal.

Vom flachen Gipfel sind es in nordöstlicher Richtung nur etwa 600 Meter bis zum Freudentaler Eck (Geokordinaten: 48,44592367,9869662), wo gleich ein halbes Dutzend Wege zusammentreffen und ebenfalls eine Hütte zur Rast einlädt. Von dieser Seite lässt sich der Keugeleskopf übrigens auch mit dem Mountainbike fahrenderweise erreichen, die anderen Zugangswege sind über weite Strecken dafür zu steil. Ein Fahrverbot, das dort noch vor einigen Jahren wegen archäologischer Ausgrabungen galt, ist offenbar aufgehoben.

Der Hügel selbst ist zumeist mit Buchenwald bedeckt, und die kahl gefegten Flächen, die der Sturm Lothar an Weihnachten 1998 hinterlassen hat, sind weitgehend zugewachsen. Leider bedeutet dies, dass man von hier oben nicht in die Ebene schauen kann. Aber was soll´s – dafür hat man einen schönen Wald und sobald man ihn wieder verlässt gibt´s entlang der Reben wieder Aussicht satt.

Geschichtsträchtig ist der Keugeleskopf auch, wie die Ortsverwaltung Ortenberg auf ihrer Webseite verkündet. Demnach hausten hier etwa 600 v. Ch. die Kelten, und 1000 Jahre später auf den Überresten der alten Befestigungen die Alemannen. Von dort oben hatte man wohl die Kontrolle über eine wichtige Handelsroute, die zu Zeiten der Römer von Straßburg durch das Kinzigtal nach Rottweil ging. Zahlreiche Gegenstände aus Metall und Keramik hat man auf dem Keugeleskopf entdeckt, lese ich. Wo die ausgestellt sind, habe ich aber nicht heraus gefunden. Nun ja, wer mehr darüber wissen will kann ja bei Amazon die Bücher bestellen, die der Leiter der Ausgrabungen Michael Hoeper geschrieben hat.

Dann wäre noch die Sache mit dem Zweitnamen „Kügelskopf“ zu klären. Der kommt – so wird vermutet – aus der Zeit des französisch-holländischen Krieges als als Ludwig XIV. die Burg zu Ortenberg zerstören ließ. Die Kanonenkugeln (Kügels) wurden demnach von hier oben auf das tiefer liegende Ziel abgefeuert.

Der zweite „Dreihunderter“ sollte laut Open Street Map das Silberlöchlebühl sein. Es liegt demnach in nordöstlicher Richtung auf dem Gebiet der Gemeinde Ohlsbach und hat die Geokoordinaten 48,4500223; 8,0030067. Zunächst musste ich ein wenig über meinen Karten brüten , um letztlich eine sinnvolle Anfahrtsroute zu entwerfen. Ein guter Orientierungspunkt ist, von Ohlsbach kommend, die Kapelle Maria im Weinberg (Geokordinaten 48,43643057,9950024), die gleichermaßen prominent und schön in den Reben oberhalb der Ortschaft thront. Im Inneren informiert ein Gedicht über den Stifter und die vielen Freiwilligen, die die Kapelle binnen kürzester Zeit erbaut haben.

Die kürzeste Verbindung von hier zum Silberlöchlebühl führt über den Kammweg, der oberhalb der Kapelle am Waldrand links beginnt. Das ständige auf und ab mag Wanderer erfreuen, für Mountainbiker ist diese Route aber nicht so spaßig. Denen würde ich daher empfehlen, vom Kammweg die erste Abzweigung links zu nehmen, und die nächste rechts, sodass man auf der nördlichen Seite des Kamms bleibt, bis man auf einen breiten Fahrweg trifft. Von hier sind es dann in Fahrtrichtung leicht bergab nochmals ca. 100 Meter, bis zu… Ja bis wohin eigentlich? Tatsächlich handelt es sich beim Silberlöchlebühl um eine Wegkreuzung und mitnichten um einen Gipfel! Denn die ursprünglich auf der Karte angegebene Position liegt 50 Meter weiter im Wald, und die einzigen Hügel, die ich dort gesehen habe, gehören mehreren Ameisenvölkern. An der Kreuzung selbst steht dagegen ein Pfosten mit drei Wegweisern und darauf ganz unmissverständlich die Positions- und Höhenangabe: „Silberlöchlebühl“, 370 Meter (Geokoordinaten 48,45035988,0040632).

Erst habe ich mich geärgert, dass ich dermaßen um den Gipfel betrogen wurde, nur weil vor acht Jahren jemand in der Karte einen falschen Eintrag gemacht hat. Dann aber habe ich es positiv gesehen: In einer Zeit, in der es fast nichts mehr zu entdecken gibt, habe ich einen falschen Gipfel enttarnt. Wieder daheim wurde der dann auch bei Open Street Map entfernt und in eine Kreuzung zweier Waldwege umgewandelt. Wie dem auch sei, gibt es von hier aus zwei Wege zurück nach Ohlsbach. Der eine führt von der Kreuzung talwärts durch den Riesenwald, bis er unweit des Naturfreundehauses Nothalde (nur Sonntag geöffnet) wieder auf den Ortsrand von Ohlsbach trifft. Die andere Route geht zunächst einige wenige Höhenmeter bergauf und dann am Jugendheim Schindelhof durchs Dorf zurück.

Merke: es gibt bei Offenburg nur einen „Dreihunderter“, und das ist der Keugeleskopf. Und was es an „Vierhundertern“ zu erklimmen gibt, will ich in der nächsten Folge ausloten.

Essen in Offenburg

Hab´ schon so lange nichts mehr geschrieben, und auch bei der letzten großen Reise keine Zeit dafür gefunden. Aber jetzt geht´s wieder weiter. Ich starte vor der Haustüre mit meinen Empfehlungen zum Essen, Trinken, und Spaß haben. Hier kommen die ersten drei aus meiner Bestenliste:

Gasthaus Biergarten Brandeck

Zellerstraße 44, 77654 Offenburg. Webseite. Facebook.
geöffnet täglich von 10:30 – 23:30, Sonntags bis 23:00. Tel: 0781-30352

Die Betonung liegt auf „Biergarten“. Davon gibt´s in unserer Gegend leider nur wenige, die den Namen verdienen. Dieser hier ist der Beste. Die Kronen-Brauerei die einst hier stand ist umgezogen, und macht Platz für einen ganzen Block von Eigentumswohnungen. Doch obwohl der Biergarten dadurch noch längere Zeit von einer Baustelle umgeben ist, hat er sich seinen Charme als beliebter Treffpunkt für jedermann bewahrt. Die Speisekarte ist badisch, bietet neben Schnitzeln, Hähnchen und Flammkuchen auch Salate und ist stets variabel.  Das kühle Bier dazu genießt man am besten aus dem Steinkrug. Tagesessen gibt´s auch, und zwar jeweils zwei Speisen zur Auswahl für unter 8 Euro. Der Service ist freundlich und auch bei Vollbetrieb meist ziemlich schnell. Kinder haben ihre Spielecke und einen ganzen Fuhrpark an Tretrollern und ähnlichen Gefährten zur Auswahl, sodass auch viele Familien gerne hierher kommen.

„Alles im Griff“ heißt es auch, wenn wieder einmal eine Fußball-Meisterschaft läuft und die alte Bühne zur Großleinwand umfunktioniert wird. Dann kriegt man die Speisen und Getränke an seinen schattigen Platz unter den Kastanien gebracht – und zwar in einem Bruchteil der Zeit, in der man anderswo für sein Bier ansteht! Das Schlimmste, was einem hier passieren kann ist, dass der Winter kommt oder es anfängt zu regnen – aber selbst dann gibt´s ja immer noch die gemütliche Gaststube.

Wolfsgrube

Obertal 102, 77654 Zell-Weierbach bei Offenburg. Facebook.
geöffnet 14:00 – 20:00, Sonntags 11:00 – 19:00.
Ruhetage: Montag & Dienstag. Tel.: 0160-1873962

Zu Recht ist „die Wolfsgrube“ (offizieller Name „Schützenhaus Wolfsgrube“) eines der beliebtesten Ausflugsziele in der Nähe Offenburgs. Die Straße, die von Zell-Weierbach heraufführt endet direkt vor der Tür, sodass neben den zahlreichen Wanderern und Radfahrern auch Fußkranke und Faulpelze hierher kommen, um bei einem Flammenkuchen oder anderen einfachen Speisen die fantastische Aussicht über die Reben bis hinüber ins Elsaß zu genießen. Dazu gibt es ein sorgfältig ausgewähltes Angebot hiesiger Weine oder für Biertrinker das beliebte Ulmer. Er herrscht Selbstbedienung und manchmal steht man ein bisschen länger an. Aber die Stimmung ist freundlich, die Preise sind moderat und mit einem großen Kinderspielplatz sowie ein paar eingezäumten Ziegen ist auch für die Unterhaltung der Kleinen gesorgt. Also: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?
 

Gasthaus Bleiche

Badstraße 63, 77652 OffenburgWebseite
geöffnet ab 10:30. Ruhetage: Montag & Dienstag. Tel 0781 -71 100

Gemütlich und im Grünen nahe dem Mühlbach gelegen ist diese Wirtschaft mit angeschlossener Kegelbahn auf sympathische Art in die Jahre gekommen. Wahrscheinlich findet man deshalb hier meist Einheimische, und Schnösel verirren sich nur selten hierher. Markenzeichen waren lange Zeit die gegrillten Hähnchen, und die haben nach einem Intermezzo minderer Qualität ein schönes Comeback erlebt. Mit € 6,50 markieren sie so ziemlich das preiswerte Ende der Speisekarte, gefolgt von Flammkuchen, Wurstsalat, Schnitzeln und anderen Klassikern. Steaks gibt es nicht nur von heimischen Rindern, sondern auch aus Irland (Hereford) und den USA (Black Angus, € 26). Abwechslung bringen täglich wechselnde Tagesessen und Freitags Fischgerichte. Viele Plätze im Freien und ein guter Service runden die Sache ab.

Den Namen hat die Wirtschaft übrigens daher, dass einstmals die Leinenweberei Clauss eine Rasenfläche nutzte, um ihre Stoffe in der Sonne zu bleichen. Dies taten im 19. und bis Anfang des 20. Jahrhunderts in der Nähe auch viele Offenburgerinnen, nachdem sie ihre Wäsche im benachbarten Mühlbach gewaschen hatten (nachzulesen bei der Stadt Offenburg).

GR 221 – 17. Lluc – Pollenca

Ab sieben Uhr erwachen die Schnarcher im Refugi Son Amer. Statt deren nächtlichen Geräuschen erfüllt nun das Gequietsche der Matratzen den Raum. Um acht Uhr gibt es das eher bescheidene Frühstück, und eine halbe Stunde später bin ich wieder im Wald. Es wird noch einmal eine ziemlich lange Etappe, allerdings ohne große Kletterpartien und auf vergleichsweise angenehmen Untergrund.

Gut 16 Kilometer laufe ich so unter 5 Stunden, 250 Meter bergauf und 700 bergab. Bin eher schnell, kann aber der Realität nicht entkommen. Muss ständig an die Opfer islamistischer Terroristen denken. Gestern in Stockholm, davor in London, und in Oslo wurde eine Bombe heute noch rechtzeitig entschärft. Ich dachte, wenn ich alleine laufe, könnte ich solche Gedanken besser ausblenden, und mich auf Landschaft und Natur konzentrieren, statt auf die Suche nach den Verantwortlichen. Doch das ist ein Irrtum. Bestimmte Dinge schleppe ich offenbar immer mit mir herum…

Erst nach der Hälfte der Etappe gelingt es mir, das Kopfkino zu stoppen. Ich lasse ich den Wald hinter mir und passiere schöne Fincas entlang des Torrent de la Vall d´en Marc. Bazillionen von Rennradfahrern auf der nahe gelegenen Ma-10 machen mir vor, wie man sich entspannt. Und dann, kurz vor dem Zielort Pollenca, scheint mir Mallorca wie zur Belohnung einen Vogel vorbei zu schicken, den ich bisher noch nie gesehen hatte: Ein Wiedehopf, der auf der Wiese nach Nahrung sucht. In Deutschland steht er mit wenigen hundert Brutpaaren auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.

Im schönen Pollenca, das ich vor zwei Jahren erstmals besucht habe, endet der GR 221 an der letzten Herberge, der Refugi del Pont Roma. So zeigt es meine Wanderkarte mit Stand Februar 2017, so schreibt es die Wikipedia, und so steht es auch in der offiziellen, mit unseren EU-Beiträgen gesponserten Broschüre zum Trockenmauerweg.

Doch was ist das? Auf der Landkarte am Refugi geht die rote Linie einfach weiter. Nochmals 1,5 Stunden wären da zu laufen bis zum Meer nach Port de Pollenca. Und zwar zu 90 % direkt an der Landstraße, vorbei auch am Industriegebiet von Pollenca. Nicht zum ersten Mal fühle ich mich auf diesem Weg veräppelt. Das Consell de Mallorca weist das kurze Stück jetzt kurzerhand als 8. Etappe des Weges aus. Und von da ab bis zum Cap de Formentor ganz im Osten ist der Weg gemäß dieser Karte geplant. „In Planung“ sind auf dieser Karte aber auch vier weitere Abschnitte, die ich in den vergangenen 11 Tagen ohne Probleme gelaufen bin: Port d´Andraxt – Sant Elm, Sant Elm – Sa Trappa, Coll de Sa Gramola – Ses Fontahelles, und Valldemossa – Deiá !

Offiziell endet der Trockenmauerweg GR 221 in Pollenca. Laut diesem Schild geht´s aber noch weiter nach Port de Pollenca. (Copyright 2017, Michael Simm)

Wenn ich mir dieses Chaos anschaue, kann ich eigentlich nur den Kopf schütteln. Wie viel besser haben wir es doch daheim im Schwarzwald, wo fast jede Kreuzung sauber ausgeschildert ist, mit eindeutigen Wegmarkierungen, Entfernungsangaben, Haltestellen für Busse und Bahnen und natürlich dem Hinweis auf die nächste Wirtschaft!

Epilog: In Pollenca gab´s noch eine feine Dorade bei dem Italiener La Trencadora, den ich mit meiner Foursquare-App gefunden habe. Dann ging´s mit dem Bus zum Touristrand Platja del Muro, ins Sportlerhotel Viva Blue & Spa mit vergleichsweise günstigen Preisen. Überlegte kurz, ob ich mir ein Rennrad leihen sollte und entschied: Vielleicht ein anderes Mal. Freute mich stattdessen an der Poollandschaft, dem riesigen Frühstücksbuffet und dem quasi hinterm Haus gelegenen Parc Natural de s´Albufera mit erstaunlich vielen Wasservögeln. Stieg zwei Tage später in den Bus nach Palma, fuhr von dort zum Flughafen und von Basel mit den Bahn nach Hause.

Die Tour hier war gut, keine Frage. Mein Plan ist weitestgehend aufgegangen, das Projekt gelungen. Allerdings war die Aktion auch ziemlich teuer. Alleine zu reisen ist eben ein Luxus. Und so werde ich nach meiner Rückkehr wohl einige Zeit brauchen, um die Reisekasse wieder aufzufüllen. Derweil werde ich den Frühling und den Sommer in Baden genießen und sicher auch ein paar Touren machen, um die nähere Heimat zu erkunden…

GR 221 – 16. Sa Font de Noguer – Lluc

Gar nicht so einfach, nach der gestrigen Niederlage weiter zu schreiben. Aber wenn ich schon eine Lücke beim Wandern verschuldet habe, so will ich doch wenigstens den Rest des Projektes zu Ende bringen. Also geht es heute früh planmäßig weiter; schon um 8:30 stehe ich an der Bushaltestelle in Soller. Der Bus besorgt denn auch zunächst die Kletterei für mich und zahlreiche weitere Wanderfreunde. Schraubt sich über zahlreiche Serpentinen bergauf vorbei an Fornalutx, entlang an militärischem Sperrgebiet und immer weiter bis zum Cúber Stausee auf ca. 750 Metern. Kurz danach ist Sa Font des Noguer erreicht – so heißt die Bushaltestelle im Nirgendwo, von der die heutige Wanderung startet.

Zum Glück wenden sich vier Fünftel der Wanderfreunde in Richtung Stausee – offenbar wollen sie die Route zurück nach Soller laufen oder zur Herberge Tossals Verds, in der ich vor zwei Monaten vergeblich versucht hatte, ein Bett für die Nacht zu kriegen. Nur ein halbes Dutzend Wanderer läuft vor mir her in nordöstlicher Richtung, einem kleinen Beton-Kanal folgend, der Wasser talwärts leitet.

Es ist frisch, so weit oben und so früh am Morgen. Dafür gibt es auf dem zunächst ebenen Weg schöne Ausblicke auf den Gorg Blau Staussee und auf den höchsten Gipfel der Insel, den Puig Major (1447 Meter). Der ist zwar nicht einmal so hoch wie der Feldberg im Schwarzwald, dennoch hat die Landschaft hier oben schon alpinen Charakter.

Das merke ich mit zunehmender Höhe beim Aufstieg zum Coll des Prat (1205 Meter), wo der Wind so heftig pfeift, das die Rastenden Zuflucht hinter einer Mauer suchen und ich mich frage, ob ich nicht doch ein paar Handschuhe hätte einpacken sollen. Während ich ein Schild auf dem Gipfel fotografiere gestikuliert ein Spanier heftig, aber leider erfolglos. „Hinter mir“, hat er wohl gerufen und mich darauf hinweisen wollen, dass dort ein Adler am Himmel zu sehen war.

Bis ich es endlich kapiere, ist der aber schon wieder weitergeflogen und hinter den Felsen verschwunden. Den Rest des Tages ärgere ich mich, dass ausgerechnet mir als passioniertem Vogelbeobachter der Adler entgangen ist. Immer wieder schaue ich während des Abstiegs gen Himmel, doch will sich partout keiner mehr zeigen.

Im Gegensatz zu den Etappen zwischen Valdemossa und Soller sind hier oben mehr „ernsthafte“ Wanderer unterwegs. Das sieht man zwar auch an der Größe der Rucksäcke, vor allem aber an der Geschwindigkeit, mit der manche an mir vorbei zischen. Zwei sind mir sogar begegnet, die den Wanderweg gerannt sind, und auch ein Mountainbiker hatte sich hier hoch verirrt, der jedoch eher unglücklich aussah.

Restaurierte Trockensteinmauer auf dem Cami Vell de Ses Voltes d´en Galileu (Copyright 2017, Michael Simm)

Zunehmend unglücklicher werde auch ich bei den fast 1000 Metern Abstieg an diesem Tag. Zwar gibt es weiterhin schöne Ausblicke und an manchen Stellen geradezu spektakuläre Abschnitte jener restaurierter Trockensteinmauern, die diesem Weg seinen Namen geben. Mir erscheint der Weg heute jedoch besonders schwierig, steinig, und unfallträchtig. Mehrfach komme ich ins Stolpern und frage mich, ob es am Weg liegt, oder an mir. Später melden mir meine Apps, dass ich für 14,5 Kilometer 6,5 Stunden unterwegs war, und dabei 45 Minuten Pause gemacht haben soll… 

Irgendwann erreiche ich dann aber doch das Kloster Lluc, wo ich auf Heerscharen von Rennradfahrern und Touristen treffe. Kaum zu glauben, dass dies hier das „spirituelle Zentrum“ Mallorcas sein soll. Aber nochmals 20 Minuten später ist dann auch die Herberge erreicht, das Refugi Son Amer. Gut, dass ich vor zwei Monaten schon reserviert habe, denn der Laden ist komplett voll und muss sogar einige Wanderer abweisen, die dann im Wald kampieren.

Hut ab vor den Betreibern, die hier eine wirklich schöne Hütte errichtet haben, und zum kleinen Preis ein überraschend gutes Abendmahl servieren – Rotwein inklusive. Friedlich richten sich daraufhin 24 Männlein und Weiblein ihre Betten im großen Schlafsaal, und um 23:00 geht das Licht aus. Das anschließende Konzert für Gewisper, Quitschbetten, Sägen, Pfeifen und sonstige Körpergeräusche war heftig. Am Ende aber hat meine Müdigkeit gesiegt und mir doch satte fünf Stunden Schlaf beschert, mit denen ich morgen die letzte Etappe angehen werde.

GR 221 – 15. Soller

Eigentlich wäre heute meine 9. Etappe auf dem GR 221 angesagt, und der 10. Wandertag in Folge. Aber ich will gar nicht lange drum herum reden: Der Michel hat verkackt. Und ist den Weg zum Cuber-Stausee bzw. nach Sa Font de Noguer NICHT gelaufen. Und das kam so:

Spät aufgestanden in Palma mit schweren Beinen habe ich zunächst noch einige dringende Mails beantwortet, und bin dann mit dem Bus erst zur Mittagszeit nach Soller gekommen, wo diese Etappe ihren Ausgang nehmen sollte. Unterwegs nochmal meinen Wanderführer studiert und das beeindruckende Höhenprofil angeschaut: Der Weg wird zwar in der umgekehrten Richtung beschreiben, in meiner Richtung wären es aber 990 Höhenmeter bergauf, die im Wesentlichen auf nur 5 der insgesamt 12 Kilometer Strecke entfallen.

Hier verläuft ein alter Pilgerweg durch die wilde Schlucht Barranc de Biniaraix. Über Felsabstürze, die jeden Aufstieg unmöglich zu machen scheinen, so das Tourbuch. Um Felsen herum, unter Felsen hindurch und in vielen Serpentinen bergauf. Das alles müsste ich in gut 5 Stunden hinkriegen, damit ich den einzigen Bus nicht verpasse, der in der zweiten Tageshälfte am Zielpunkt durchkommt und mich wieder hinunter bringen würde nach Soller.

Das war der Punkt, auf den der innere Schweinehund gewartet hatte. „Warum tust Du Dir das eigentlich an?“ hat er mich gefragt. „Macht Dir das etwa Spaß?“ Mit Bonuspunkten aus meinem Hotelprogramm hatte ich mir eine Übernachtung im Grand Hotel leisten können. Die haben nicht nur komfortable Zimmer, sondern auch ein Spa und einen Pool auf der Dachterrasse…

Und so kam es, dass der Schweinehund mich besiegt hat, und ich die eigentlich für heute geplante Etappe nur aus den Schilderungen anderer Wanderer kenne, die ich tags darauf in der Refugi Son Amer getroffen habe.

„Und – wie fühlt man sich so Versager?“ höre ich Euch fragen. „Ach, eigentlich ist es gar nicht so schlecht, hier auf der Dachterrasse“, antworte ich darauf. Man kann sogar direkt auf die lange steile Schlucht schauen, die ich ja eigentlich hinaufhecheln sollte. Doch wenn ich mir so die Nebelschwaden ansehe, die dort um den Gipfel jagen, sage ich mir: „Eins geschissen!“

Heute ´mal lieber auf der Dachterrasse chillen, als in der Steilwand schwitzen (Copyright 2017, Michael Simm)

Vielleicht ist so ein innerer Schweinehund manchmal ja auch ein guter Berater, sinniere ich dann in der Sauna. Und später, auf der Plaza des schönen Ortes Soller bei einem völlig unverdienten Bierchen: Man soll ja auch seine Feinde lieben.

Das also war Tag 11, und während ich mit drei Tagen Abstand diese Zeilen schreibe, will sich immer noch kein rechtes Schuldgefühl einstellen. Mal wieder habe ich mich an den Rat von Sean Brummel gehalten, der da sagte: „Einen Scheiß muss ich.“ Recht hat er.

GR 221 – 14. Deià – Refugi Muleta – Port de Soller

Einen „Klassiker“ nennt mein Wanderführer den Weg von Soller nach Deià. Ich will ihn in die andere Richtung laufen, schließlich folge ich ja dem GR 221. Darüber, wie lange diese Etappe sein soll, gehen die Angaben wieder einmal auseinander. Laut Dietrich Höllhuber, dem Autor des Wanderbüchleins, sind es 3:40 für 8,8 Kilometer, und in meiner Richtung 270 Meter Aufstieg und 400 Meter Abstieg. Noch in Deià sehe ich eines der Schilder des GR 221, wonach es bis nach Soller nur 2:30 sind.

Na prima, denke ich mir, da ist das Ankunftsbier ja nicht mehr weit. Aber der Weg zieht sich wie Kaugummi, und es quälen mich Heerscharen von Landsleuten. Statt Rucksäcken tragen die meisten schwere Kameras vor ihren Bäuchen, und manch einer wackelt hier auch mit Sandalen entlang. Alle scheinen sie nur das eine Ziel zu haben: Entlang des Weges einmal einen frisch gepressten Orangensaft zu trinken, dazu noch ein Törtchen ´reinzudrücken, und sich dabei gegenseitig fotografieren.

Allerlei Klischees gehen mir durch den Kopf: Walldorfschullehrer, vegane Fair-Trade-Gutmenschen. Weiß gar nicht, warum ich heute so mies ´drauf bin. Der Trubel geht mir auf die Nerven. Das muss er sein: Der Ort, an dem Gerhard Polt und Loriot sich ihre Inspirationen geholt haben. Also schnell einen Orangensaft mit Schokotörtchen bestellt und dann gleich weiter.

Immer dem GR 221 nach, der hier einen Abstecher an die Küste vorsieht, zum Refugi de Muleta. Dumm nur, dass es von dort nach Soller laut Schild noch 1:50 sein sollen. Dabei bin ich jetzt doch schon länger gelaufen, als die ganze Tagesstrecke dauern sollte! So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Zur Besänftigung meiner selbst bestelle ich mir im Refugi „Pa amb oli“, das typische Brot mit Olivenöl und in diesem Fall Schinken und Käse. Und natürlich ein Bier dazu.

Vesper heißt auf mallorquinisch: Pa amb oli (Copyright 2017, Michael Simm)

Und während ich so in der Sonne sitze und aufs Meer hinaus schaue schwindet sie dahin, meine Willensstärke. Gemäß meinen eigenen Spielregeln dürfte ich heute eigentlich gar nicht ans Wasser. Statt dessen müsste ich jetzt auf dem GR 221 zurück bis zur Abzweigung, und dann nochmals 90 Minuten laufen bis nach Soller. Doch dann habe ich mich an ein Buch erinnert, das ich im Vorjahr mit großem Gewinn gelesen habe: „Einen Scheiss muss ich„.

Bloß weil da einer eine gestrichelte Linie eingezeichnet hat, darf ich nicht ans Meer? Pah! Also runtergewackelt am Leuchtturm Far de Cap Gros vorbei, an einigen fetten Villen durch, und mit schönen Ausblicken auf Port de Soller bis zum Strand hinunter. Ja, hier wäre ich gerne noch etwas verweilt. Hätte dann aber drei Stunden auf den nächsten Bus nach Palma warten müssen, und das wollte ich nun auch wieder nicht.

Mit dem Tag versöhnt habe ich mich dann spätabends in einer angesagten Tapas Bar ganz in der Nähe meiner Unterkunft. In der Casa Gallega genoss ich von meinem Platz am Tresen den Blick auf all die Leckereien und schaute den Obern bei der Arbeit zu. Sie hatten sogar einen, der den ganzen Abend nichts anderes tat, als hauchdünne Scheibchen von einem anfangs noch ziemlich großen Schinken ´runterzuschneiden.

Das war ein richtig schöner Ausklang für meinen letzten Abend auf Palma. Zwar tut sich durch die heutige Entscheidung jetzt auf meiner Route eine Lücke zwischen dem Refugi Muleta und Soller auf. Im Großen und Ganzen ist mein Plan bisher jedoch aufgegangen. Und morgen geht es dann wieder mit dem Bus nach Soller, und von dort erneut in die Berge, wo noch drei große Etappen auf mich warten.

GR 221 – 13. Valldemossa – Deià

Von Valdemossa, dem meistbesuchten Dorf Mallorcas ging es heute über den Berg nach Deià. Eigentlich ist diese Route, die vom Wanderführer als „eine der großartigsten Touren, die man auf Mallorca machen kann, ohne zu klettern“, gelobt wird, nur 9,3 Kilometer lang und in gut vier Stunden zu bewältigen. Dann kamen einige Schlaumeier auf den Gedanken, eine Stiftung zu gründen, deren Ziel es sein soll, den Mönchsgeier hier wieder anzusiedeln. Sagt mein Wanderführer. Und das ist natürlich eine hervorragende Begründung dafür, den Zugang zu beschränken und nur eine begrenzte Zahl von Wandern pro Tag durchzulassen.

Da der Michel aber eher ein Skeptiker ist, und nicht alles glaubt, was man ihm erzählt, hat er die Sache hinterfragt. Und herausgefunden, dass hinter dem Verein Muntanya del Voltor einfach nur drei Fincas mit zusammen 300 Hektar Fläche stecken. Sieht für mich nach Großgrundbesitzern aus, die der Meinung waren, dass zu viele Wanderer über ihr Gebiet tappen würden. Einen Hinweis, dass irgendjemand ernsthaft hier Mönchsgeier wieder ansiedeln möchte, habe ich auf der Webseite nicht gefunden. Aber es gibt sie auf Mallorca. Übermorgen werde ich wohl durch deren bevorzugtes Gebiet marschieren, wenn ich einem älteren Spiegel-Artikel glauben darf. Und ich werde dafür keine Erlaubnis brauchen.

Für heute werde ich das vermeintliche Schutzgebiet nördich von Valldemossa umlaufen. Das tut auch der GR 221, der auf dieser Etappe laut offizieller Webseite noch geplant ist, auf meiner Wanderkarte (Stand Februar 2017) jedoch bereits fertig – zumindest bis kurz hinter dem Gipfel Puig de Caragoli. Die typischen hölzernen Wegweiser des GR 221 habe ich zwar vergebens gesucht, konnte mich auf dem langen Aufstieg über einen arg ramponierten Fahrweg jedoch nicht wirklich verlaufen.

Auf dem Hochplateau angekommen umschwirren mich Mauersegler, Boten des Sommers, deren Ankunft mich daheim immer in Hochstimmung versetzt. Eine Zeitlang verläuft der Weg ziemlich plan, mit tollen Ausblicken in alle Richtungen. Einzig, dass hier oben solch ein Trubel herrscht, trübt ein wenig die Entdeckerfreude. Besser wird es erst, als ich den Puig de Caragoli passiere, der mit seinen 944 Metern in Schottland als Munro durchgehen würde.

Ein Abstieg von mehr als 700 Metern erwartet den Wanderer auf dieser Tour nach Deià (Copyright 2017, Michael Simm)

Ein kleines Stück geht es noch eher sanft bergab, dann aber kommt der Ausblick, auf den mein Wanderführer mich vorzubereiten versucht hat: 700 Meter unter mir liegt Deià, das Ziel meiner heutigen Wanderung. „Der Weg windet sich in die Steilwand, die senkrecht bis überhängend abbricht“, heißt es. Die Warnung, dass man schwindelfrei und trittfest sein muss, hat mich im Vorfeld schon etwas eingeschüchtert. Abgesehen davon, dass meine Knie sich beschweren, ging es dann aber doch besser als erwartet.

Die Rückfahrt mit dem Bus klappte reibungslos. Am Ende hatte ich für die 12,5 Kilometer 5:20 gebraucht, was einerseits den 670 Höhenmetern bergauf zu verdanken war, und mehr noch den 940 bergab. Morgen geht es von Deia nach Port de Soller, dann sind es nur noch drei Etappen. Die Knie schmerzen, aber dafür kann ich unter meiner Wampe schon wieder die Füße sehen. Alles wird gut…

GR 221 – 12. Esporles – Valldemossa

Dank meines genialen Planes (siehe den gestrigen Eintrag) musste ich heute nicht mein Zimmer räumen und konnte als Bonus sogar die Hälfte meines Geraffels in Palma lassen. Derart unbeschwert ging es dann auf den Bus, der ziemlich pünktlich in den Kellergewölben unter meiner Herberge, dem Hostal Terminus, ankam. Binnen einer halben Stunde war ich in Esporles und auf dem Fernwanderweg GR 221.

Die heutige Etappe nach Valdemossa sorgte mit 650, teils ziemlich steilen Höhenmetern wieder für straffe Waden. Die Strecke von fast genau 10 Kilometern schaffte ich in gut 3:30 Stunden und damit ein bisschen schneller als die vorherigen Etappen. Gerne würde ich darin einen Trainingseffekt sehen. Wahrscheinlicher ist es aber, dass die erste Stunde auf Asphalt einfach leichter zu laufen war. Obwohl ich jetzt seit sechs Tagen unterwegs bin, ist mir der morgendliche Muskelkater treu geblieben.

Dabei habe ich eine Seite meiner Wanderkarte bereits abgelaufen, und heute das erhebende Gefühl, mit der Rückseite quasi ein neues Kapitel aufschlagen zu dürfen: Stolz und Scham kämpfen miteinander als ich feststelle, dass ich erstmals in meinem ganzen Leben eine ganze Woche am Stück gewandert bin. Der Weg von Esporles ist anfangs gut gekennzeichnet und läuft eher sanft bergauf. Nach zwei Kilometern verlässt der Weg die Fahrstraße, und das Gelände wird schwieriger.

Zwei Mountainbiker, die hinter mir den Berg erklommen haben, ficht das nicht an. Sie schultern kurzerhand ihrer Sportgeräte und stapfen bergauf, als könne es kein größeres Vergnügen geben. Nun gehöre ich ja selbst im heimischen Schwarzwald auch zu dieser Zunft, aber was die hier treiben?

Nach 3,5 Kilometern bin ich – den Steinmännchen sei Dank -am Col de sa Basseta mit seinen 435 Metern angelangt, sehe die beiden Sportsfreunde ein kleines Stück fahren, und wundere mich, wie sie schlussendlich wieder ins Tal gekommen sind. Auf dem GR 221 jedenfalls nicht, denn der ist für Normalbiker nicht zu schaffen. Egal.

Vorbei an den Überresten mehrerer Kalkbrennöfen und zweier gut erhaltener Backöfen stapfe ich weiter durch den Wald, sehe bald sogar Palma in der Ferne und erreiche nach knapp 7 Kilometern beim Sa Communa mit 702 Metern den höchsten Punkt dieser Wanderung. Ohne große Verirrungen geht es von dort bergab nach Valdemossa, und so spare ich Euch die Details des Abstiegs zugunsten dreier Gestalten, die offenbar in keinem Reisebericht über Mallorca fehlen dürfen.

Es begab sich also zu der Zeit, genauer im Winter 1838/1839, das Frederic Chopin und George Sand als Pärchen der Pariser Society entflohen und ausgerechnet hier, im gerade aufgelösten Kloster, eine Zelle bezogen. Dass Frederic Chopin ein Komponist war, hätte ich ja noch gewusst, dass George Sand nicht etwa sein schwuler Liebhaber war, sondern eine Schriftstellerin – das war mir neu.

Gehofft hatten sie, dass Chopin hier oben seine Tuberkulose würde auskurieren können, aber dann regneten sie ein, und mit Chopin ging es bergab. Die wilde Ehe der beiden Zugereisten fanden die Dorfbewohner auch nicht so dolle, was George Sand ihnen dann mit ihrem Klassiker „Ein Winter auf Mallorca“ heimgezahlt hat. Heute ist Valdemossa das meistbesuchte Dorf Mallorcas, das alte Kloster, wo die beiden gehaust haben, das am zweithäufigsten besuchte Gebäude der Insel (nach der Kathedrale von Palma). Und die Moral von der Geschicht? Ich weiß es nicht.

Zugegebenermaßen ist Valdemossa wunderschön anzuschauen, für meinen Geschmack aber etwas zu geleckt. Außerdem ist es natürlich voll mit Touristen, von denen geschätzte 80% Deutsche sind. Gut, dass nach dem Ankunftsbier gleich der Bus kommt und mich mitnimmt nach Palma. Unterwegs lese ich von einem anderen Mallorca-Promi, für den ich erheblich mehr Sympathie empfinde als für die abgedroschene Künstler-Liebesgeschichte:

Der österreichische Erzherzog Ludwig Salvator (1847 – 1915) entdeckte seine Liebe zu Mallorca schon mit 20 Jahren, erforschte hier Natur und Kultur gleichermaßen und schuf dabei das Monumentalwerk  „Die Balearen in Wort und Bild„.  Außerdem war „Der ungekrönte König von Mallorca“ ein wahrer Öko, und was den Umgang mit seinen Mitmenschen anging, ein ziemlich Sonderling. So einen muss ich einfach mögen, und meine Freunde ahnen, warum ich das denke.

So geht der nunmehr sechste Tag meiner Wanderung zu Ende, und ich freue mich, dass der Plan bisher so gut aufgeht. Zum Feiern wähle ich das Restaurant Buscando el Norte, das von meinem Reiseführer ebenso gelobt wird, wie von meiner App Foursquare, die ich in solchen Fällen gerne konsultiere. Shrimp-Papaya-Salat, Mini-Thunfisch-Hamburger, Foie can Salsa de Chocolate Blanco und ander Pintxos, die einen aus den Socken hauen. Zu Preisen, für die man bei uns kein Wiener Schnitzel kriegt. Nach diesem Schlemmermahl ist mir nicht bange, wenn ich morgen die Route von Valdemossa nach Deia unter die Füsse nehme.

GR 221 – 11. Banyalbufar – Esporles

Noch so ´ne Weichei-Etappe, werdet Ihr denken. Tatsächlich sind die paar Kilometer von Banyalbufar nach Esporles auf dem GR 221 eher ein Spaziergang, denn eine Wanderung. Zwar geht es auch heute erstmal kräftig bergauf, aber am Ende sind es dann doch nur 338 Höhenmeter auf gut sieben Kilometern, die ich in etwas mehr als zwei Stunden bewältige.

Beeilt habe ich mich vor allem deshalb, damit ich den 12:35-Bus von Esporles nach Palma nehmen konnte. Er kam um 13:10. Ansonsten aber alles Prima. Der Weg war durchgehend ausgeschildert und bot zunächst wieder Aussichten auf terrassierte Hänge mit Mandel-, Oliven-, Zitronen-, und Orangenbäumen. Dann hinein in den Wald mit einigen Aleppokiefern und noch viel mehr verwilderten Ölbäumen, garniert mit Zwergpalmen und der gelegentlichen Kaktee.

Höchster Punkt ist der Coll des Pi mit seinen 454 Metern und wer glaubt, hier oben seine Ruhe zu haben, der sollte nicht an einem Sonntag herkommen. So wie ich. Diverse zumeinst einheimische Familien und ganze Schulklassen scheinen sich heute hier verabredet zu haben. Darunter auch jene Spezies, die ich so gerne mag, weil man sie schon einen Kilometer vorher hört, bevor sie laut plappernd um die Ecke biegen. „Was ist los Leute?“ möchte ich ihnen entgegen rufen. „Ist die X-Box“ kaputt? „Verpasst Ihr nicht Euer Formel-1-Rennen?“. Na ja. In ein paar Jahren haben die bestimmt alle ihre Google-Brillen und können sich dann von ihrer Couch aus auf Expeditionen in die virtuelle Natur begeben, ohne das Wohnzimmer verlassen zu müssen.

„Schuld“ an dem Menschenauflauf ist womöglich auch das Gut „La Granja„, eine Art privates Völkerkundemuseum zum mitmachen, Restaurant und Gastro-Shop inklusive. Es liegt kurz vor Esporles und ist „Ideal für Familienausflüge oder auch ein Schulprojekt“, wenn man der Webseite glaubt. Und heiraten kann man dort natürlich auch. Weisste Bescheid.

Ich lasse La Granja jedenfalls rechts liegen, durcheile den Ort Esporles und bin rechtzeitig an der Bushaltestelle. Mit der fast schon üblichen Verspätung geht es dann nach Palma, denn der Michel hat ´mal wieder einen tollen Plan: Vier Übernachtungen in Folge habe ich im Hostal Terminus gebucht und verbinde damit Einsparungen, Flexiblität und die Vorteile einer Großstadt mit meinem Wanderprojekt.

Die Idee kam mir, als ich zu den Busverbindungen recherchierte. Die sind – von gelegentlichen Verspätungen abgesehen – hervorragend. Und der zentrale Busbahnhof liegt, ebenso wie die Endstation der Bahnstrecke nach Inca/Mancor, nun etwa 100 Meter schräg unter meinem Zimmer in diesem Hostal. Fast sieht es aus, als wäre das früher mal ein Bahnhofsgebäude gewesen. Die Einrichtung ist eher schlicht, auf das eigene Bad habe ich verzichtet und somit wohl eine der billigsten Unterkünfte in Palma bekommen. Wie man sieht:

Mein Zimmer im Hostal Terminus. Luxus geht anders, aber verkehrsgünstig ist es allemal (Copyright 2017, Michael Simm)

Die Hotels in meinen nächsten Etappenzielen würden mindestens das Doppelte, eher das Dreifache kosten. Und so habe ich überlegt, jeweils von Esporles, Valldemossa, Deia und Soller am Ende meiner Wanderungen mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Die Fahrzeit ist jeweils eine halbe Stunde, vielleicht auch ´mal 45 Minuten. Aber dafür komme ich dann mit der Rolltreppe aus dem Busbahnhof direkt vor die Haustüre, sitze wie die Made im Speck unmittelbar an der Placa Espanya, und habe in nächster Umgebung jede Menge erschwingliche und hochgelobte Restaurants.

Morgens habe ich dann eine ebenso breite Auswahl an Cafés, einschließlich jener beiden direkt in der Busstation. Und es gibt dort auch noch einen kleinen Supermarkt, der bis 22:00 geöffnet hat. Wenn das ´mal keine geile Infrastruktur ist.

Palma ist ziemlich kompakt und obwohl (natürlich) hier jede Menge Stadtbusse abfahren, erkunde ich es lieber zu Fuß. Ob Placa Mayor, der schicke Passeig des Born oder die Kathedrale – alles ist in 20 Minuten erreichbar. Am heutigen Sonntag sind allerdings der Großteil der Geschäfte geschlossen, die Restaurants, die ich mir ´rausgesucht hatte leider auch. Na ja. Ich wollte ja ohnehin abnehmen. Schalte ganz schnell um auf die Bierdiät mit zwei Schlummerglässchen am Tresen meines Hostals und vertiefe mich dann wieder in die Wanderkarte, damit ich auch morgen auf dem Weg von Esporles nach Valdemossa nicht verloren gehe.

GR 221 – 10. Estellencs – Banyalbufar

Nach der gestrigen „Route der Steinmännchen“ von Ses Fontahelles bis Estellencs bin ich froh, heute nur eine leichte Etappe vor mir zu haben. Zwar verliere ich dadurch den Anschluss an Sandra, Martin und Tim, die heute etwa doppelt so weit laufen wollen. Dafür brauche ich aber keinen Wecker zu stellen, kann am Morgen noch ein paar Mails erledigen und bin nach der Ankunft in Banyalbufar so erholt, dass ich noch einen Stadtrundgang, ein fettes Törtchen und natürlich ein gemütliches Bierchen einschieben kann. Dazu noch die wenig beeindruckende Statistik, heute ´mal vorne weg: 6,5 Kilometer mit 328 Höhenmetern in 2:12 Stunden.

Die Route hat heute einen ganz anderen Charakter als gestern: Es ist keine Steinwüste mehr sondern man bekommt Ausblicke auf die vielen Terrassen -natürlich in Trockenbau aus Steinen aufeinandergesetzt. Dann folgen hauptsächlich Waldwege, wie meine geschundenen Knie dankbar registrieren.

Erst muss man zwar stadtauswärts wieder zwei Mal an der ungeliebten Straße Ma-10 entlang. Dann aber geht es rechts bergauf und am Wegesrand gibt es erst Zitronen- und dann jede Menge uralte Olivenbäume zu sehen, die in einem Wettbewerb um die knorrigsten Figuren zu stehen scheinen.

Knorrige Olivenbäume am Wegesrand (Copyright 2017, Michael Simm)

Nach den ersten 1,5 Kilometern läuft man zumeist im Schatten, wobei die kleinen Palmen hier dem Ganzen schon fast einen subtropischen Charakter verlieren. Zum Glück ist die Temperatur viel angenehmer. An diesem 1. April sind es 16 Grad bei bedecktem Himmel. Im Gegensatz zu vielen anderen Strecken dürfte es hier im Sommer ganz gut auszuhalten sein. Erst der letzte Kilometer ist dann wieder so ein Kniekiller; steil und steinig geht es bergab zum Zielort Banyalbufar.

Es hätte schlimmer kommen können. Bis ins vorige Jahr hinein mussten gesetzestreue Wanderer nämlich einen Großteil der Strecke auf der Straße laufen. Ein Rechtsstreit mit dem Besitzer der Finca Es Rafal hatte seit 2004 den freien Durchgang verhindert, entnehme ich dem Mallorca-Magazin. Erst als zahlreiche Zeugen bekundeten, dass dieser uralte Weg schon immer frei und öffentlich gewesen sei, fällte das Gericht in Palma sein Urteil zugunsten der Wanderfreunde und der beiden Nachbargemeinden, die bis dato wegen des eigensinnigen Finca-Besitzer auch Umsatzverluste beim Tourismus hinnehmen mussten.

Als wollte man diesen Sieg gebührend feiern ist die heutige Etappe die erste mit duchgehender Beschilderung. Mit anderen Worten: Man bräuchte nicht einmal eine Wanderkarte. Ich finde, das sollte für einen offiziellen Fernwanderweg ebenso selbstverständlich sein, wie für jede x-beliebige Autobahn. 

Damit genug gebruddelt für heute. Lieber noch etwas Klugschisserei: Der Name Banyalbufar entstammt laut meinem Reiseführer dem maurischen und bedeutet „Der kleine Weingarten am Meer“, wobei dieser Garten mit seinen rund 2000 Terrassen noch immer mithilfe eines uralten Systems aus Zisternen und gemauerten Kanälen bewässert wird. Früher wurde hier der Malvasier-Wein angebaut, über den die Wikipedia schreibt: „Dieser Wein war nicht umsonst am Hofe der Könige von Aragón bevorzugt, für Jaume I. soll es mit ein Grund gewesen sein, die Insel zu erobern.“

Banyalbufar am GR 221 auf Mallorca: 552 Einwohner teilen sich etwa 2000 Steinterrassen (Copyright 2017, Michael Simm)

Probieren geht über studieren, denke ich mir. Checke ein im Hostal Baronia, das mit seiner genialen Sonnenterrasse just am heutigen Tag, dem 1. April aufgemacht hat. Ich schaue den Mehlschwalben zu, die zeitgleich mit mir eingetroffen sind. Und ich lasse mich trotz einiger weiterer Optionen im Ort dazu überreden, auch im Hostal zu Abend zu essen. Ein gutes Argument sind 13 Euro für das 3-Gänge-Menü. Da bleibt noch genug Geld für eine Halbliterflasche mallorquinischen Wein. Der „Son Bordils Negre“, Jahrgang 2010 aus dem 40 Kilometer entfernten Inca ist dunkel wie Stierblut, intensiv und powert ohne Ende.

Dem Wein verdanke ich es auch, dass ich in meiner doch eher kalten Kemenate mit ihrer schwachbrüstigen Heizung die Nacht gut überstehe, und tags darauf die nächste kleine Etappe nach Esporles frohen Mutes in Angriff nehmen kann...