Neuroscience-Fieber erneut ausgebrochen

Es hat mich ´mal wieder gepackt. Wie die Schwalben in den Süden so zieht es mich jedes Jahr um diese Zeit in die USA. Allerdings geht es nicht zum Einkaufen nach New York, nicht zum Zocken nach Las Vegas und auch die zahllosen Naturschönheiten und sonstigen Touristenattraktionen dieses großartigen Landes bleiben links liegen. „Sorry“, sage ich meinen alten Freunden aus der Studienzeit, denn auch für Euch bleibt keine Zeit. Alles andere wird plötzlich zur Nebensache, ich muss zu dieser einen Konferenz, die ich brauche wie ein Junkie seine Nadel:

Ein El Dorado, nicht nur für Hirnforscher: Die 40. Jahrestagung der Society for Neuroscience findet in Chicago statt
Ein El Dorado, nicht nur für Hirnforscher: Die 39. Jahrestagung der Society for Neuroscience

Die Jahrestagung der Society for Neuroscience ist das weltweit größte Treffen von Hirnforschern.  Fünfeinhalb Tage, 30000 Forscher, 14000 wissenschaftliche Präsentationen – so lauten die nüchternen Zahlen. Schon klar, dass die Frankfurter Buchmesse, die Internationale Automobil-Ausstellung und die Cebit mehr Besucher haben, und ich will den Bücherwürmern, Auto- und Computerfans ihre Leidenschaften nicht madig machen. Doch auf der Neuroscience-Tagung geht es um Höheres. Zum Beispiel darum, warum wir so sind, wie wir sind. Nicht eine, sondern Tausende Antworten findet man hier auf die Frage, warum wir tun, was wir tun. So ziemlich alles, was Sie in ihrem Leben über das Gehirn gehört, gelesen und gelernt haben, wurde bereits auf dieser Veranstaltung präsentiert und diskutiert. Auch das, was Sie in der nächsten Woche oder in einem halben Jahr in der Zeitung über Ihr Denkorgan erfahren werden, könnten sie bereits in den nächsten Tagen in Chicago hören. Besser, Sie versuchen es erst gar nicht.

Eine Woche lang habe ich mich durch das Programm gekämpft. 173 Seiten lang sind meine Notizen. Alzheimer, Parkinson, Schlaganfall, Depressionen, Schizophrenie, Epilepsie, Multiple Sklerose, Hirntumoren, Lähmungen, Sprachstörungen, geistige Behinderungen, Essstörungen & Übergewicht, Sex & Sucht. Aber auch: neue Arzneien, neue Therapien, neue Techniken, Stammzellen & Neuroprothesen. Es geht um riskantes Verhalten, um  Fairness & Moral, um Hirndoping , Altern & Hormone, um Meditation, Yoga, Tanz und Tai-Chi, um Sport & Intelligenz, um Experimente mit Würmern, Fliegen, Heuschrecken, Zebrafischen, Mäusen, Ratten, Katzen, Hunden, Affen – und natürlich Menschen.

Wie jedes Jahr werde ich täglich an die zehn Kilometer durch die Hallen des Konferenzzentrums laufen, werde hin und her pendeln zwischen Vortragssälen für 100 Leute und solchen, die 8000 Menschen fassen. 268 Zeitkonflikte meldet der Online Meeting Planer und es gibt nicht die geringste Chance, hier all das mitzunehmen, was mich interessiert. Vielleicht haben ja die beiden Zauberer Apollo Robbins und Eric Mead einen Tipp für mich, die den Event im Rahmen der Science & Society-Serie eröffnen werden? Man müsste sich klonen, um all die spannenden Vorträge zu hören, die jeweils gleichzeitig an entgegen gesetzten Enden des McCormick Place statt finden. Der brüstet sich, das größte Konferenzzentrum der USA sein. Na toll.

Schon sehe ich mich wieder verzweifelt die Poster entlang rennen – jene zusammen gefassten wissenschaftlichen Arbeiten, die mit Bild und Text auf eine Tafel gepinnt werden. Ab Samstag, 13:00 werden etwa 1200 davon auf mich warten. Fein säuberlich in Reihen gestellt werden sie in der South Hall A stehen, die etwa so groß ist wie ein Fußballfeld. Zwischen den Vorträgen muss ich möglichst viel davon aufsaugen und mit den Wissenschaftlern davor reden, damit ich auch alles richtig verstehe. Nach vier Stunden werden die Poster abgehängt, um Platz zu machen für die nächsten 1200 am Sonntag Morgen um 8:00. Zeit bis 12:00, und ab 13:00 wieder 1200 neue Poster. So geht das bis zum Mittwoch Abend.

Keine Chance. Mir wird schwindelig bei dem Gedanken, was ich wieder alles verpassen muss. Peter Fox fällt mir ein: „Durch den Schädel immer im Kreis, alle Drähte laufen heiß, es riecht nach hirnverbranntem Fleisch, ich stecke meinen Kopf ins Eis. Ich denk, denk, denk, denk, denk zuviel. Es wär gut, wenn mein Hirn aus dem Fenster fiel. Druck im Kopf, es gibt kein Ventil. 20.000 Szenen durchgespielt 100.000 Szenen ausgedacht, mein Höllenschädel raucht und knackt…“

Voll auf Droge und seit 1994 bei jeder Neuroscience-Tagung dabei: Der Michel
Voll auf Droge und seit 1994 bei jeder Neuroscience-Tagung: Der Michel (Copyright 2006 Michael Simm)

Abends dann ab zu den „Socials“. Dort treffen sich die Hirnis erneut auf einen Cocktail oder ein Bier – und reden natürlich wieder über ihre Arbeit. Es gibt Socials über exzitatorische Aminosäuren und den Zelltod, man spricht über Neuroinformatik und wie man Hirne an Computer koppeln kann, über Singvögel oder den Gleichgewichtssinn. Es finden sich zusammen die segelfliegenden Neurowissenschaftler und die schwulen und die lesbischen Neurowissenschaftler. Die haben ebenso ihren Treff wie die „Afro-amerikanischen“, die armenischen, iranischen oder chinesischen Spezialisten. Es gibt auch wieder eine Jam-Session mit musizierenden Neurowissenschaftlern und ganze Labors, die gemeinsam singen werden. Wer glaubt, dem Ganzen entfliehen zu können und sich aufmacht in die angesagten Blues-Bars der Stadt, der wird auch dort mit ziemlicher Sicherheit auf Kollegen treffen, mit denen er die letzten Neuigkeiten vom Kongress diskutieren kann.

Mag sein, dass Sie nun den Kopf schütteln, meine Sucht nach Neurowissenschaft als behandlungsbedürftig einstufen und einen Arzt rufen wollen. Dann danke ich für Ihre Besorgnis und lehne lächelnd ab. Es ist zu spät – zu spät wohl auch für diese Warnung:  Achtung, das Neuroscience-Fieber ist hochgradig ansteckend!

Wenn es Sie auch erwischt hat, schauen Sie ´mal vorbei auf meiner geschäftlichen Webseite Simmformation v7. Dort können Sie nachlesen, was ich auf der diesjährigen Tagung ausgegraben habe. Eine Auswahl bemerkenswerter Entdeckungen, die ich seit 1994 auf den Neuroscience-Tagungen gemacht habe, finden sie hier.

Nachtrag: Wer sich trotz meiner Werbung nicht für die Neurowissenschaften begeistern mag, findet vielleicht meine Eindrücke aus Chicago interessant?

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