Ichenheim – Mein neues Leben im Ried

Ich habe es getan: Der nunmehr zehnte Umzug meines Lebens liegt (größtenteils) hinter mir und mit der Ummeldung bin ich seit dem 1. Januar 2011 nun auch offiziell ein Ichenheimer. Inspiriert von zweien meiner Lieblingsbücher und voller guter Vorsätze habe ich beschlossen, diese Herausforderung anzunehmen, die Kunst des Reisens auch in der neuen Heimat zu praktizieren und von der Schönheit des Guten zu berichten – auch wenn es mich ganz schön nervt, dass ich hier Internet-mäßig offenbar am A…… der Welt gelandet bin.

Ichenheim ist der bislang kleinste Ort, an dem ich gelebt habe und der erste, der in meinem Lieblingslexikon Encyclopedia Britannica nicht erwähnt wird „Sorry, we were unable to find an exact match“). Nein, ich habe nicht Hildesheim gemeint und auch nicht Rüdesheim!

Selbst die Wikipedia befindet meine neue Heimat offenbar nicht würdig für einen eigenen Eintrag. Und wer jetzt schon ´mal in seinen großen Weltaltlas zu suchen beginnt, wird wahrscheinlich ebenfalls nicht fündig – es sei denn, das Teil ist mindestens 37 Jahre alt. Das liegt nicht etwa daran, dass Ichenheim eine Geisterstadt wäre. Vielmehr wurde der Ort am 1. Januar 1973 ein Opfer der baden-württembergischen Gemeindereform. Zusammen mit Altenheim, Dundenheim, Müllen und Schutterzell wurde Ichenheim an diesem Tag zum Ortsteil der Großgemeinde Neuried degradiert – und verschwand damit von zahlreichen Landkarten. Dies ist auch der Grund, warum mich mit dem Navi, dem Tripadvisor oder -zig anderen nützlichen Einrichtungen keiner findet: Wer „Ichenheim“ statt „Neuried“ eingibt bekommt lediglich eine Fehlermeldung.

Schade eigentlich, denn auch wenn Ichenheim mit seinen aktuell 2870 Einwohnern nicht gerade der Nabel der Welt ist, so gibt es „im Ried“ doch einiges zu entdecken. Früher wurde hier vorwiegend Tabak für Roth-Händle & Co angebaut und noch immer ist Neuried eine der größten Tabakanbaugemeinden Deutschlands. Weil aber heute kaum einer mehr ungestraft rauchen darf und weil sogar die EU ihre Subventionen für das das tödliche Kraut nach jahrelangem Gezeter auslaufen lies, haben die hiesigen Bauern flexibel reagiert. Jetzt versperren sie uns im Sommer mit Maisfeldern die Sicht, die das Rohmaterial für ökologisch völlig unsinnigen Biosprit liefern und die natürlich ebenfalls subventioniert werden. Grummel. Und nun zurück zum Thema – Michel!

Gleich hinter den Maisfeldern liegt im Westen der Rhein mit seinen stillen Altwassern und Seegraswiesen, umgeben von oft dichtem Unterholz und bewohnt von zahlreichen Vogelarten. Pflanzenfreunde dürfen sich an allerlei Sumpfgewächsen und den gelegentlichen Orchideen freuen und auf den vielen Streuobstwiesen könnte man das halbe Jahr über Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen oder Mirabellen klauen – wenn das nicht verboten wäre und wenn nicht all die feinen Früchtchen für das Obstwasser gebraucht würden. Diese Landschaft ist dem 20 Kilometer entfernten Taubergießen recht ähnlich, wenn auch weitaus weniger Besucher hierher finden.

Am schönsten erlebt man den Altrhein mit dem Kanu, das Eingeweihte z.B. in der Rheinstraße in Ottenheim ins Wasser lassen. Von dort dümpelt man dann gemütlich westlich an Meißenheim vorbei, um nach einer Rast am Ichenheimer Anglerheim mit ein oder zwei kurzen Umtragungen weiter zu paddeln hinter Altenheim vorbei bis knapp südlich der dortigen Rheinbrücke (eine genauere Beschreibung gibt es z.B. bei Kanu-Wolf unter „Ottenheimer“).

Erfrischung ohne Kanu bieten nahe gelegene Baggerseen, wie z.B. der bei Tauchern sehr beliebte Matschelsee an der B36 in Richtung Lahr oder der Blattsee, die allerdings beide in Privatbesitz sind und deren Zugänglichkeit daher schwankt.

Verhungern muss in Ichenheim auch keiner. Gut geschmeckt hat es mir im vorwiegend vegetarisch orientierten Löwen (Hauptstr. 40), der allerdings nur an Mittwochabenden regelmäßig geöffnet hat(!). Schräg gegenüber gibt es den nur Montags geschlossenen Schwanen, der auf seiner langen Speisekarte ökologisch korrekt vorwiegend regionale Gerichte aus einheimischen Zutaten anpreist, und zwischen Löwen und Schwanen liegt der Prinzen, wo ich trotz Fastnachtstrubel auch schon ein ordentliches Schnitzel gekriegt habe.

Da wir nun schon mal in Downtown Ichenheim sind, will ich auch die katholische Kirche erwähnen, die 1822 von Hans Voss im Weinbrenner-Stil erbaut wurde (was daran so besonders ist kann man nachlesen auf der Webseite „Baukunst in Baden„). Heute wird die Kultur nicht nur von dem Verein „Läwe im Lewe“ gepflegt, sondern es gibt hier wie auch in den benachbarten Ortschaften eine sehr lebendige und m.E. unterschätzte Künstlergemeinde (z.B. die Malerin Ellen Vetter, Birgitt Fischer aus Altenheim oder mein Nachbar Jürgen Rudolf).

 

Weitere Informationen:

4 Gedanken zu „Ichenheim – Mein neues Leben im Ried“

  1. Lieber Michel,
    wer mit Flecken wie Müllen und Schuttenzell gemeinsame Sache – zumindest aber einen gemeinsamen Ortsteil – macht, darf sich nicht wundern, wenn er von der Landkarte geputzt wird.
    Alles andere klingt dagegen so verlockend, dass Du Dich nach Deinem Tipp, wie man trotz allem an die Geo-Koordinaten von Ichenheim kommt, nicht wundern solltest, wenn -abhängig von der Nutzungsfrequenz Deiner Website – sich spätestens ab dem Frühjahr kleinere oder auch größere Besucherlawinen durchs Ried wälzen.
    Was Deine Bemerkung hinsichtlich der überschaubaren DSL-Bandbreite in Ichenheim anbelangt, wirst Du Dich nicht darüber wundern, dass ich Dir aus unserem Dorf Mindersbach (nomen es omen) ein herzliches „Willkommen im Club“ zurufe. Du wirst sehen, nur Unwesentliches wird sich durch die längeren Downlaoad- vor allem aber durch die quälend langen Upload-Zeiten ändern. Kauf einfach a bisserl mehr Expresso. Du wirst wunderbar viel Zeit dafür haben, die Zubereitung und den anschließenden Genuss dieses Getränks zu genießen. Keine Frage, in einem halben Jahr hast Du das Barista-Diplom in der Tasche.

    Viel Spaß im Ried
    raz

    1. Hab Dank für den Zuspruch, mein Freund!

      Nachdem ich gestern gehört habe, dass ein Dorf am Kaiserstuhl sich kurzerhand eine Hochgeschwindigkeitsleitung selbst gelegt hat, fantasiere ich nun über eine Kandidatur im Ortschaftsrat mit dem einzigen Programmpunkt, den bösen Geist der Telekom zu vertreiben und Ichenheim endlich auch telekommunikationstechnisch mit dem Rest der Welt zu verbinden…

  2. Lieber Michel,
    wer mit Flecken wie Müllen und Schuttenzell gemeinsame Sache – zumindest aber einen gemeinsamen Ortsteil – macht, darf sich nicht wundern, wenn er von der Landkarte geputzt wird.
    Alles andere klingt dagegen so verlockend, dass Du Dich nach Deinem Tipp, wie man trotz allem an die Geo-Koordinaten von Ichenheim kommt, nicht wundern solltest, wenn -abhängig von der Nutzungsfrequenz Deiner Website – sich spätestens ab dem Frühjahr kleinere oder auch größere Besucherlawinen durchs Ried wälzen.
    Was Deine Bemerkung hinsichtlich der überschaubaren DSL-Bandbreite in Ichenheim anbelangt, wirst Du Dich nicht darüber wundern, dass ich Dir aus unserem Dorf Mindersbach (nomen es omen) ein herzliches „Willkommen im Club“ zurufe. Du wirst sehen, nur Unwesentliches wird sich durch die längeren Downlaoad- vor allem aber durch die quälend langen Upload-Zeiten ändern. Kauf einfach a bisserl mehr Expresso. Du wirst wunderbar viel Zeit dafür haben, die Zubereitung und den anschließenden Genuss dieses Getränks zu genießen. Keine Frage, in einem halben Jahr hast Du das Barista-Diplom in der Tasche.

    Viel Spaß im Ried
    raz

    1. Hab Dank für den Zuspruch, mein Freund!

      Nachdem ich gestern gehört habe, dass ein Dorf am Kaiserstuhl sich kurzerhand eine Hochgeschwindigkeitsleitung selbst gelegt hat, fantasiere ich nun über eine Kandidatur im Ortschaftsrat mit dem einzigen Programmpunkt, den bösen Geist der Telekom zu vertreiben und Ichenheim endlich auch telekommunikationstechnisch mit dem Rest der Welt zu verbinden…

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