GR 221 – 16. Sa Font de Noguer – Lluc

Gar nicht so einfach, nach der gestrigen Niederlage weiter zu schreiben. Aber wenn ich schon eine Lücke beim Wandern verschuldet habe, so will ich doch wenigstens den Rest des Projektes zu Ende bringen. Also geht es heute früh planmäßig weiter; schon um 8:30 stehe ich an der Bushaltestelle in Soller. Der Bus besorgt denn auch zunächst die Kletterei für mich und zahlreiche weitere Wanderfreunde. Schraubt sich über zahlreiche Serpentinen bergauf vorbei an Fornalutx, entlang an militärischem Sperrgebiet und immer weiter bis zum Cúber Stausee auf ca. 750 Metern. Kurz danach ist Sa Font des Noguer erreicht – so heißt die Bushaltestelle im Nirgendwo, von der die heutige Wanderung startet.

Zum Glück wenden sich vier Fünftel der Wanderfreunde in Richtung Stausee – offenbar wollen sie die Route zurück nach Soller laufen oder zur Herberge Tossals Verds, in der ich vor zwei Monaten vergeblich versucht hatte, ein Bett für die Nacht zu kriegen. Nur ein halbes Dutzend Wanderer läuft vor mir her in nordöstlicher Richtung, einem kleinen Beton-Kanal folgend, der Wasser talwärts leitet.

Es ist frisch, so weit oben und so früh am Morgen. Dafür gibt es auf dem zunächst ebenen Weg schöne Ausblicke auf den Gorg Blau Staussee und auf den höchsten Gipfel der Insel, den Puig Major (1447 Meter). Der ist zwar nicht einmal so hoch wie der Feldberg im Schwarzwald, dennoch hat die Landschaft hier oben schon alpinen Charakter.

Das merke ich mit zunehmender Höhe beim Aufstieg zum Coll des Prat (1205 Meter), wo der Wind so heftig pfeift, das die Rastenden Zuflucht hinter einer Mauer suchen und ich mich frage, ob ich nicht doch ein paar Handschuhe hätte einpacken sollen. Während ich ein Schild auf dem Gipfel fotografiere gestikuliert ein Spanier heftig, aber leider erfolglos. „Hinter mir“, hat er wohl gerufen und mich darauf hinweisen wollen, dass dort ein Adler am Himmel zu sehen war.

Bis ich es endlich kapiere, ist der aber schon wieder weitergeflogen und hinter den Felsen verschwunden. Den Rest des Tages ärgere ich mich, dass ausgerechnet mir als passioniertem Vogelbeobachter der Adler entgangen ist. Immer wieder schaue ich während des Abstiegs gen Himmel, doch will sich partout keiner mehr zeigen.

Im Gegensatz zu den Etappen zwischen Valdemossa und Soller sind hier oben mehr „ernsthafte“ Wanderer unterwegs. Das sieht man zwar auch an der Größe der Rucksäcke, vor allem aber an der Geschwindigkeit, mit der manche an mir vorbei zischen. Zwei sind mir sogar begegnet, die den Wanderweg gerannt sind, und auch ein Mountainbiker hatte sich hier hoch verirrt, der jedoch eher unglücklich aussah.

Restaurierte Trockensteinmauer auf dem Cami Vell de Ses Voltes d´en Galileu (Copyright 2017, Michael Simm)

Zunehmend unglücklicher werde auch ich bei den fast 1000 Metern Abstieg an diesem Tag. Zwar gibt es weiterhin schöne Ausblicke und an manchen Stellen geradezu spektakuläre Abschnitte jener restaurierter Trockensteinmauern, die diesem Weg seinen Namen geben. Mir erscheint der Weg heute jedoch besonders schwierig, steinig, und unfallträchtig. Mehrfach komme ich ins Stolpern und frage mich, ob es am Weg liegt, oder an mir. Später melden mir meine Apps, dass ich für 14,5 Kilometer 6,5 Stunden unterwegs war, und dabei 45 Minuten Pause gemacht haben soll… 

Irgendwann erreiche ich dann aber doch das Kloster Lluc, wo ich auf Heerscharen von Rennradfahrern und Touristen treffe. Kaum zu glauben, dass dies hier das „spirituelle Zentrum“ Mallorcas sein soll. Aber nochmals 20 Minuten später ist dann auch die Herberge erreicht, das Refugi Son Amer. Gut, dass ich vor zwei Monaten schon reserviert habe, denn der Laden ist komplett voll und muss sogar einige Wanderer abweisen, die dann im Wald kampieren.

Hut ab vor den Betreibern, die hier eine wirklich schöne Hütte errichtet haben, und zum kleinen Preis ein überraschend gutes Abendmahl servieren – Rotwein inklusive. Friedlich richten sich daraufhin 24 Männlein und Weiblein ihre Betten im großen Schlafsaal, und um 23:00 geht das Licht aus. Das anschließende Konzert für Gewisper, Quitschbetten, Sägen, Pfeifen und sonstige Körpergeräusche war heftig. Am Ende aber hat meine Müdigkeit gesiegt und mir doch satte fünf Stunden Schlaf beschert, mit denen ich morgen die letzte Etappe angehen werde.

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