3-Länder-Rad-Event

Drei Tage, drei (Bundes-)Länder, 300 Kilometer. Dies ist die kürzeste mögliche Zusammenfassung meiner jüngsten Tour. Sie hätten es gerne etwas ausführlicher? Also bitte: Inspiriert von einem Artikel in der online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe ich eine günstige Gelegenheit genutzt, mit dem Fahrrad den Odenwald zu erkunden. Und zwar gründlich. Angeboten wurde die Rundfahrt von der Odenwald Tourismus GmbH, die mit dem „3-Länder-Rad-Event“ seit 1999 Besucher anlockt. Alljährlich im August geht es dabei mit immer wieder anderem Streckenverlauf und Etappenorten durch die drei Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Mit 125 Euro pro Person im Doppelzimmer ist die Tour auch für schmale Geldbeutel erschwinglich. Dass dafür außer zwei Übernachtungen inklusive Frühstück auch noch Gepäcktransport, Tourbegleitung und Besichtigungen geboten werden, macht die Sache fast schon zum Schnäppchen.

Schöne Landschaft und gute Organisation, aber nichts für Rennfahrer: Beim 3-Länder-Rad-Event 2011 fuhren 320 Hobbyradler in drei Tagen 300 Kilometer durch den Odenwald, das Neckartal und entlang der Bergstraße.

Außerdem hat die Odenwald Tourismus GmbH auch noch Zusatzleistungen angeboten wie Übernachtungen am Vorabend des Events und am Ankunftstag. Auch Bustransporte zurück zum Startort der jeweiligen Tagesetappen waren möglich, sodass die Teilnehmer auch die Möglichkeit hatten, jeweils nur einzelne Abschnitte zu befahren und am Abend trotzdem samt Fahrrad wieder zurück zu ihrem Ausgangspunkt gelangen konnten. All diese Optionen ließen sich bequem auf einem Fax an die Organisatoren des Events ankreuzen. Drei Wochen vor dem Start fand ich dann die Buchungsbestätigung samt Rechnung, Gepäckanhängern und weiteren Infos in meinem Briefkasten. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt für eine dreitägige Tour so wenig Zeit auf die Organisation verwendet habe.

Wer nicht gerade Radprofi ist findet beim 3-Länder-Rad-Event eine der wenigen Gelegenheiten sich von der Polizei auf Motorrädern eskortieren zu lassen – inklusive Straßensperrungen und den dazugehörigen irritierten Gesichtsausdrücken mancher Autofahrer ob des kilometerlangen Lindwurms, der da im Schneckentempo über die Straße zockelt. Etwa 320 Teilnehmer waren in diesem Jahr mit dabei, ein Großteil davon Herren in den besten Jahren. Auch ein paar Elektrofahrräder wurden gesichtet, und spätestens hier muss ich wohl eine Warnung aussprechen für alle sportlich ambitionierten Radfahrer und Mountainbiker: Diese Tour ist nichts für Euch. Das Tempo ist dafür viel zu langsam. Immer wieder heißt es zudem „Stopp & Go“ wenn beispielsweise ein Bahnübergang überquert werden muss, der Weg enger wird und andere Radfahrer oder Autos entgegen kommen. Abstiegen musste ich auch mit unschöner Regelmäßigkeit immer dann, wenn mal eben ein paar Meter Wiese zu überqueren waren, der Belag von Asphalt zu Schotter wechselte oder die Steigung auf mehr als fünf Prozent anstieg. Denn allzu oft waren manche Teilnehmer damit überfordert, vorher einen Gang ´runter zu schalten oder einfach nur Schwung zu holen, sodass es immer wieder zu Staus „aus dem Nichts“ kam.

Durch das derart erzwungene gemächliche Tempo wurde die Tour auch nicht sicherer oder für Senioren attraktiver. Im Gegenteil war man gut beraten, ständig auf den Vordermann zu achten. Eine Sekunde der Unachtsamkeit genügt und so kam es zu vier Auffahrunfällen, obwohl die allermeisten Teilnehmer offenbar erfahrene Radfahrer waren und sich sehr rücksichtsvoll verhalten haben. Apropos Erfahrung: Die sollte man schon auch mitbringen, ebenso wie eine gewisse Grundkondition und einen trainierten Hintern. Während wir am ersten Tag von Großheubach nach Mosbach knapp 80 Kilometer und 500 Höhenmeter zu bewältigen hatten waren es am zweiten Tag sogar 125 Kilometer – und dies bei hochsommerlichen Temperaturen.

Spaß gemacht hat mir die Rundfahrt auf jeden Fall, auch wegen der guten Stimmung, den neuen Bekanntschaften und dem gemütlichen Beisammensein am Abend. Man fährt durch eine wunderschöne, abwechslungsreiche Landschaft und bekommt für wenig Geld ein Rundum-sorglos-Paket geboten. Die einzelnen Etappen schildere ich in den folgenden drei Teilen meines Berichtes – wer will kann sich dort auch die Tourdaten im GPS-Format herunter laden und die Strecke mit entsprechendem technischen Zubehör dann auch alleine oder in kleiner Runde abfahren.

Nachtrag: Am Samstag ist in der FAZ der Bericht von Werner Breunig erschienen, der auf dieser Tour ebenfalls dabei war.

Auf dem Mühlenweg durchs Ried

Update vom 1. Mai 2012: Der Mühlenradweg ist jetzt offiziell eröffnet, die Strecke komplett ausgeschildert und der Verlauf wurde gegenüber dem auf der Karte unten gezeigten geändert. Am Besten starten Sie jetzt am Schulzentrum in Ichenheim, denn dort gibt es eine schöne Übersichtskarte sowie kostenlos Faltpläne zum einstecken und mitnehmen – inklusive der Geschichte der Mühlen, die jetzt auch alle mit eigenen Erklärtafeln versehen wurden!

Dies ist die erste Tour, die ich auf meinen neuen Reiseseiten beschreiben will. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne„, erinnert mich Herrmann Hesse. Und weil ich diesen Anfang nicht vermasseln will, habe ich auch noch bei Johann Wolfgang von Goethe nachgeschlagen. Der fragte nicht nur: “Willst du immer weiter schweifen?“, sondern gab uns auch den Rat: „Sieh, das Gute liegt so nah!” Und da Goethe ja eigentlich immer irgendwie recht hat, geht es heute direkt vor meiner Haustür los.

Ich schwinge mich aufs Fahrrad und treffe nach ein paar Hundert Metern auf eine neu geschaffene Rundstrecke, die sich der Arbeitskreis Tourismus Neuried ausgedacht hat. Tatsächlich ist der Mühlenrundweg so neu, dass ich ihn gleich zwei Mal in Angriff nehmen musste, weil noch nicht alle Schilder angebracht waren. Inzwischen (2017) gab es auch kleine Änderungen an der Streckenführung, sodass ich den Link zu meiner alten gpx-datei hier entfernt habe. Aber immer noch ist die Strecke ca. 33 Kilometer lang und verläuft völlig flach, daher auch für kleine Familienausflüge gut geeignet. Etwa 90 Prozent des Weges sind mit Asphalt geteert, der Rest sind Schotter und Waldwege, also nichts für Rennradfahrer. Die Landschaft ist – nun ja – landwirtschaftlich geprägt, und die größte Attraktion sind weniger die Mühlen selbst als vielmehr das gute Essen (Stichwort: Flammkuchen!) das bei urgemütlicher Atmosphäre in drei der Mühlen geboten wird.

Starten kann man zum Beispiel in der Ortsmitte von Ichenheim, fährt dann am „Schwanen“ vorbei auf die Rheinstraße und biegt beim Hofweg rechts ab. Von hier aus ist alles prima ausgeschildert. Erst geht es über die Felder nach Altenheim mit seinen schmucken Fachwerkhäusern. Am schönsten wurde die Atmosphäre hier in Geo Saison, Heft 10 / 2004 in dem Artikel Radtour: Die Ortenau beschrieben:

Der Zauber einer beinahe vergessenen Zeit liegt über den Dörfern, in denen alles das rechte Maß hat. In der Mitte stehen die Kirche, das Rat- und das Wirtshaus, umgeben von einem Ring aus schmalen Bauernhäuschen, die nicht mit Kunstklinker verschandelt oder mit Eternit verschalt wurden. Umrahmt von blühenden Gärten, sehen sie immer noch so aus wie vor hundert Jahren.

Weniger schön, aber ebenfalls Teil der Geschichte ist ein gesprengter Bunker, an dem wir vorbeikommen, nachdem wir Altenheim durchquert haben und nahe der Altenheimer Mühle auf einen Waldweg abgebogen sind. Nach Überquerung der L98 führt uns die Industriestraße zu einem Verkehrskreisel. Dort links zum Ortsrand von Goldscheuer, dann rechts auf den Sonnenweg und via Kittersburger Straße den Schildern folgend zur Kittersburger Mühle (Tel. 07854-1255). Die hat zwar noch keine Webseite, dafür aber einen der schönsten Biergärten in der Region. Natürlich gibt´s auch Wein, leckere Hähnchen und vor allem den Rahmkuchen in diversen Varianten. Das ist die Badische Antwort auf den Elsässer Flammkuchen – und ob es da einen Unterschied gibt wird der schlacksige Kellner dort in seiner unnachahmlichen Art sicher gerne erläutern 😉

Jedenfalls ist die Kittersburger Mühle der nördlichste Punkt unserer Reise. Falls die geschlossen hat gibt es noch zwei weitere Chancen, einen Rahm- bzw. Flammkuchen zu genießen. Dazu müsst ihr aber erst wieder ein paar Kilometer strampeln. Im Sommer wird einem dabei schon ´mal die Sicht versperrt durch die zahlreichen Maisfelder, die dank der unsinnigen Biosprit-Subventionen hier seit einigen Jahren in die Höhe schießen.

Lange Tradition hat „im Ried“ dagegen der Tabakanbau. Mit 470m Hektar Fläche ist Neuried noch heute die größte Tabakanbaugemeinde Deutschlands, belehrt mich die Wikipedia. Ich frage mich, warum die Leute sich aufregen über ein paar Cannabis-Felder in Mexiko und wer wohl die größeren Gesundheitsschäden verursacht? Wenn schon Subventionen, warum dann nicht für Blumenfelder und Streuobstwiesen? Dann erinnere ich mich daran, dass Logik und Gesetzgebung schon lange nicht mehr zusammen passen und fahre weiter.

Kaum zu übersehen ist die Rohrburger Mühle (wo es aber nichts zu essen gibt), die als nächste Station etwa auf halber Strecke liegt. Dann überqueren wir zwei Mal die Schutter, jenes 55 Kilometer lange Flüsschen, das ursprünglich die Mühlen angetrieben hat. Weiter geht es durch Müllen, bis wir an der Dundenheimer Mühle erneut auf die Schutter treffen. Auch hier gibt es Flammkuchen, allerdings nicht durchgehend, sodass man sich besser vorher nach den aktuellen Öffnungszeiten erkundigt (Tel.: 07807-3380). Die letzte Chance auf einen Flammkuchen bietet dann die Schutterzeller Mühle (Tel.: 07807-401), aktuell die einzige der fünf Mühlen mit eigener Webseite. Die restlichen vier Kilometer zurück zum Ausgangspunkt führen vorbei am Ottenweier Hof, dessen Geschichte sich bis zum Jahr 1347 zurück verfolgen lässt und der auch in diesem Jahr wieder zur Riedwoche mit einem mittelalterlichen Hoffest für Besucher geöffnet sein wird (am 13. und 14.August 2011., von 14:00 bis 20:00).

Damit genug der Heimatkunde für heute. Weiter geht es in der kommenden Woche. Wenn alles klappt blogge ich dann live vom 3-Länder-Rad-Event, der mich auf knapp 300 Kilometern in drei Tagen durch den Naturpark Odenwald führen wird…