Saudi-Arabien

In den selbst ernannten Wächterstaat des Islams pilgern jährlich Millionen von Muslimen, insbesondere zu den „heiligen Stätten” Mekka und Medina. Zwar gibt es Millionen von Gastarbeitern, ansonsten bleibt man aber im mächtigsten Land der arabischen Welt lieber unter sich. “Saudi-Arabien ist kein touristisches Reiseland. Visa für Individualtouristen werden nicht erteilt”, stellt das Auswärtige Amt klar. Saudi-Arabien FlaggeEs gilt das islamische Recht, die Scharia. Bei Diebstahl wird die Hand abgehackt, 87 öffentliche Enthauptungen gab es alleine im vergangenen Jahr 2014. Journalisten, die auf Twitter oder im Internet missliebige Kommentare veröffentlichen, riskieren Gefängnisstrafen und Peitschenhiebe. Und während der saudische Vize-Außenminister Nizar Bin Obaid Madani nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris für die Pressefreiheit demonstrierte, erhielt in Dschidda der Blogger Raif Badawi eine weitere Wochenration, nämlich 50 von insgesamt 1000 öffentlichen Stockhieben. Sein Verbrechen war es, Muslime, Christen, Juden und Atheisten als gleichwertig zu bezeichnen. Einen großen Reformdruck scheint man auch nach dem Tod des Königs Abdullah nicht zu verspüren. Der hatte zwar angekündigt, dass Frauen bei Regionalwahlen 2015 erstmals kandidieren dürften. Zum Wahlkampf müssten sie sich allerdings von ihren Männern bringen lassen, denn das Autofahren bleibt saudi-arabischen Frauen weiter verboten.

Aktuelle Zahlen: Von der Hauptstadt Riad aus regiert seit dem Januar 2015 Salman ibn Abd al-Aziz, der 32. Sohn des Staatsgünders König Abd al-Aziz ibn Saud. Er ist zugleich König und geistliches Oberhaupt (”Hüter der Heiligen Stätten”), und er ernennt sowohl den Minsterrat als auch die 150 Mitglieder eines Konsultativrates, darunter seit kurzem auch 30 Frauen. Gewaltenteilung gibt es nicht, trotz der Räte werden schlussendlich alle Entscheidungen nach Beratungen in der königlichen Familie gefällt.

Geschätzte 31 Millionen Einwohner, davon ein Fünftel bis ein Viertel Gastarbeiter leben auf einer Fläche von 2,15 Mio Quadratkilometern – das entspricht etwa ganz Westeuropa. Die größten Städte sind Riad (5,1 Mio.), Dschiddah (3,4 Mio.), Mekka und Medina. Lediglich 1,4 Prozent der Fläche sind fruchtbares Land, dafür verfügt Saudi-Arabien jedoch über einen Großteil der Weltölreserven. Verschiedenen Quellen zufolge sind es 16 – 25 Prozent. 1960 war Saudi-Arabien als einer der Gründungsstaaten an der Bildung der OPEC beteiligt, der Gemeinschaft Erdöl-exportierender Staaten. Weil das Land die Fördermengen über einen breiten Bereich anpassen kann, hat Saudi-Arabien einen erheblichen Einfluss auf den Öl-Preis. Über lange Zeit war das Land der weltweit größte Erdölförderer. Erst in jüngster Vergangenheit hat man die Kapazitäten leicht reduziert und lag im Jahr 2013 mit 11,5 Mio Fässern (Barrel) nur noch knapp vor Russland (10,8 Mio. Barrell). Auch Ghawar, das größte Ölfeld der Welt, liegt in Saudi-Arabien. Von dort kommen alleine 6 % des geförderten schwarzen Goldes weltweit. Von Nachteil angesichts dieser Schwemme ist lediglich, dass Saudi-Arabien neben Öl und Gas kaum andere nennenswerte Exportgüter besitzt. Die Einnahmen des Landes und damit auch das Bruttonationaleinkommen (BNE) ist deshalb stark vom Ölpreis abhängig.

Laut dem “World Almanach and Book of Facts 2015” betrug das BNE im Herbst 2014 $ 31300 pro Kopf. Die Wikipedia vergleicht die Saudis mit anderen arabischen Staaten und stellt fest, dass sie 38 Mal so viel erwirtschaften wie ihre Nachbarn im Jemen und 16 mal so viel wie die Ägypter. Laut “Pocket World in Figures” belegt Saudi-Arabien Platz 19 unter den größten Wirtschaftsmächten weltweit. Zuletzt wurden für annähernd $ 390 Milliarden Rohöl und Ölprodukte exportiert. Der Handelsbilanz-Überschuss betrug $ 246 Milliarden. Hauptabnehmer sind die USA, Japan und Südkorea. Unter den wichtigsten Handelspartnern steht Deutschland an dritter Stelle. Waffenexporte machen dabei einen erheblichen Teil des Handels aus: Noch im Jahr 2013 genehmigte der zuständige Bundessicherheitsrat, dem Kanzlerin Angela Merkel und acht Minister angehören, Exporte im Wert von 360 Millionen Euro. Immerhin: Im Januar 2015, unmittelbar nach der Machtübernahme durch Salman ibn Abd al-Aziz, hieß es laut Bild-Zeitung aus dem geheimen Gremium, die Region sei zu instabil, um dorthin Waffen zu liefern. Sicher werden andere die Lücke füllen. Saudi-Arabien ist einer der größten Waffenkäufer weltweit mit einem Verteidigungsetat von $ 60 Milliarden und einer Armee von 233000 Mann.

Die dem Islam widersprechende Lebensweise einer Reihe von Mitgliedern des saudischen Königshauses polarisiert die Gesellschaft. Kommentatoren halten daher eines Tages einen religiös motivierten Staatsstreich durch fundamentalistische Geistliche für denkbar. (Wikipedia)

Außenpolitisch versucht sich das Königshaus an einer Gratwanderung zwischen gelegentlichen militärischen Allianzen mit den USA und der Einflussnahme auf islamische Strömungen, um seine Macht zu erhalten. Beispielsweise wird die Opposition gegen Assad in Syrien unterstützt und man befürwortete einen US-geführten Militärschlag nach den Giftgasattacken von 2013. Mit dem Nachbarland Katar zerstritt man sich wegen deren Unterstützung für die Muslimbrüderschaft in Ägypten, wogegen Saudi-Arabien den Putschisten ein Hilfspaket von $ 5 Milliarden zusagte.

Unter den zwei großen Strömungen des Islam gehören die Saudis der Mehrheit der Sunniten an – und zwar in der besonders strengen Auslegung der Wahabiten. Die Minderheit der Schiiten im Land darf ihren Glauben ebenso wenig öffentlich leben, wie nicht-wahabitische sunnitische Sekten. Die einst im Lande lebenden Juden sind “ausgestorben”, so formuliert es die „Encyclopedia Britannica“. Christen gibt es nur unter den Gastarbeitern. Unter diesen Gastarbeitern, die das moderne Saudi-Arabien mit aufgebaut haben, müssen Millionen jederzeit mit ihrer Abschiebung rechnen, weil sie bei enger Auslegung der Gesetze durch die Behörden Ausländer als illegal gelten.

Die Gastarbeiter, die zwischenzeitlich bis zu zwei Drittel aller Arbeitskräfte im Land stellten, stammten ursprünglich vorwiegend aus arabischen Ländern. Später kamen Muslime beispielsweise aus Pakistan hinzu, sowie Nicht-Muslime aus Südkorea und den Philippinen. Im Rahmen eines “Saudi-sierungs-Programmes” hat die Regierung seit den 1990er Jahren ihre Staatsbürger dazu “ermutigt”, auch Aufgaben zu übernehmen, die normalerweise die Gastarbeiter erledigen. Besonders erfolgreich war man damit aber nicht. Viele gut ausgebildete junge Saudis hätten die Jobs der Ausländer nicht machen wollen, schreibt die Britannica und so sind auch heute noch die meisten spezialisierten Techniker im Land Europäer oder Amerikaner.

Die Infrastruktur ist auf einem relativ hohen Stand. Zwar sind drei Viertel der Straßen unbefestigt, es gibt nur etwa 1000 Kilometer Bahnstrecken, und das Land hat nur drei wichtige zivile Flughäfen. Jedoch haben 60 % der Bevölkerung Zugang zum Internet und sie besitzen 176 Handys pro 100 Einwohner. Die medizinische Versorgung ist gut, die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 73 Jahre für Männer und 77 Jahre für Frauen. Kinderreiche Familien werden gefördert und Saudi-Arabien hat auch deshalb eine sehr junge Bevölkerung (zwei Fünftel sind unter 15 Jahren alt) und wächst doppelt so schnell wie der Welt-Durchschnitt. Es herrscht eine allgemeine Schulpflicht von 6 – 14 Jahren und die Alphabetisierungsrate wird in den neuesten Quellen mit 94 % angegeben.

Die im Jahr 2009 gegründete König-Abdullah-Universität nahe Dschiddah gibt sich weltoffen und zieht wegen ihrer hohen Standard und Ausrüstung Studenten aus aller Welt an. Männer und Frauen dürfen dort gemeinsam studieren, letztere auf dem Gelände sogar Auto fahren und selbst entscheiden, ob sie einen Schleier tragen wollen.

Sehenswürdigkeiten: Wegen der extremen Temperaturen im Sommer gelten die Monate November bis Februar als beste Besuchszeit, empfiehlt der Bildband A Journey Through Every Country in the World. Wer es trotz der Hürden für die Einreise nach Saudi-Arabien schafft, sollte sich das Weltkulturerbe Madain`Salih anschauen, eine Ausgrabungsstätte, wo Reste der antiken Stadt Hegra zu sehen sind. Die Hafenstadt Dschiddah sei trotz drei Millionen Einwohnern betörend und wer im Roten Meer tauchen will, kann dies in Saudi-Arabien weitgehend ungestört tun. Bemerkenswert an der Hauptstadt Riad mit ihren 4,6 Millionen Einwohnern sei die „kühne” Architektur. Im Süden des Landes verläuft die größte Sandwüste der Welt, die Rub al-Chali. Ein Besuch in Mekka ist nur Muslimen erlaubt (!). Wer trotzdem wissen will, wie es dort aussieht, sollte sich die Reportage „Inside Mecca” von National Geographic ansehen (die deutsche Version scheint derzeit vergriffen).

Kultur: Die existiert nur insoweit, wie der Islam es zulässt. Unter anderem bedeutet dies: Keine Theater, keine Kinos, keine Schauspielhäuser. Westler müssen ihre Veranstaltungen von Religionsgelehrten zensieren lassen. Zensiert werden auch das Internet und das Fernsehen – hier wacht das Innenministerium darüber, dass unziemliches westliches Gedankengut die Saudis nicht verwirrt. So bleibt nur die unverfängliche Reiseerzählung „Arabian Sands“ von Wilfred Thesiger, ein Abenteurer, der die größte Sandwüste des Planeten in den Jahren 1946 – 1948 durchquert hat.

Geschichte:

570 Geburt von Mohammed in Mekka.

632 Tod von Mohammed in Medina, wo heute seine Ruhestätte liegt. Beide Städte gelten als Wiege des Islam.

Pilgerströme in Mekka. (Foto: Wikipedia / Ali Mansuri. Lizenz CC BY-SA 2.5)
Pilgerströme in Mekka. (Foto: Wikipedia / Ali Mansuri. Lizenz CC BY-SA 2.5)

Das heutige Königshaus gehört zum Stamm der Saud, die sich im 18.Jahrhundert mit der strenggläubigen islamischen „Reformbewegung” der Wahabiten verbündet hatten.

1932 Nach mehreren, von Ägypten und dem Osmanischen Reich unterbundenen Expansionsversuchen vereinigte Emir Abd al-Aziz al Saud verschiedene Gebiete zum Einheitsstaat Saudi-Arabien. Er regierte bis 1953 als Emir (= König), alle seine Nachfolger bis zum heutigen Tag sind Söhne von al-Aziz.

1939 – 1945 Im zweiten Weltkrieg erklärte Saudi-Arabien sich als neutral, brach die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland bereits 1939 ab und erklärte dem Reich am 28. Februar 1945 doch noch den Krieg.

1944 Gründung der Gesellschaft Aramco als Gemeinschaftsunternehmen mehrerer US-Ölfirmen mit der saudischen Regierung. Anfänglich zahlte die Firma mehr Steuern in die USA, als in Saudi-Arabien. 1949 verpflichtete eine Gesetzesänderung Aramco, 50 Prozent der Netto-Profite als Steuern im Land zu zahlen. Durch die Verstaatlichung zwischen 1972 und 1980 geriet die Firma in den Besitz der saudischen Regierung und ist heute die größte Erdölfördergesellschaft der Welt.

1953 – 1975 Im Gerangel um die Nachfolge von al-Aziz unterstützt die königliche Familie abwechselnd den ältesten Sohn Saud und dessen Halbbruder Faisal. Faisal, der als früherer Außenminister eher als Reformer galt, setzte sich 1964 durch. In der arabischen Welt bekämpfte er sowohl den Kommunismus als auch den Einfluss der USA wegen derer Unterstützung für Israel. Das Wort “Reformer” in Bezug auf das saudische Königshaus ist dabei relativ zu verstehen: Erst 1963 wurde die Sklaverei abgeschafft, seitdem ersetzen größtenteils Gastarbeiter deren Dienste.

1975 nach der Ermordung Faisals kommt zunächst Khalid auf den Thron. Im Land umstritten sind die Beziehungen des Könighauses zu den USA, was 1979 zur Besetzung der großen Moschee von Mekka durch Aufständische führte. Der Aufstand wurde gewaltsam beendet, wobei 330 Menschen starben. Im Jahr darauf wurden 63 Aufständische öffentlich enthauptet.

1980 – 1988 Im Krieg zwischen Iran und Irak unterstützt man aus religiösen Gründen den Irak, weil im Iran die Shiiten in der Mehrheit sind.

1982 nach dem Tod Khalids regiert Fahd, der enge Beziehungen zu den USA und Großbritannien unterhält. Auch Fahd reformiert die Gesellschaft, nicht aber das politische System.

1990 Nach dem Einmarsch des Irak in Kuwait nimmt Saudi-Arabien 400000 Flüchtlinge auf und erlaubt die Stationierung westlicher Truppen auf eigenem Territorium während des Golfkrieges von 1991. Gemeinsam mit 560000 US-Soldaten vertreibt man die Irakis aus Kuwait.

1995 Nach einem Schlaganfall Fahds übernimmt Abdullah inoffiziell die Macht.

11. September 2001 Als 15 der 19 Al Quaida-Terroristen sich als Saudis erwiesen, führte dies zu Vorwürfen aus den USA, die bis zum Jahr 2006 alle ihre Truppen von dort abzogen.

2005 Thronbesteigung Abdullahs nach dem Tode Fahds

2015 Abdullah stirbt, Salman ibn Abd al-Aziz tritt an seine Stelle.

Gesetzgebung

96-book@2xGesetze, die für alle gelten, sind sicherlich eine der größten Errungenschaften der Zivilisation. Wer hat´s erfunden? „Hammurapi“ lautete früher einmal die Antwort, denn unter der Herrschaft dieses babylonischen Königs entstand zwischen 1792 und 1750 v. Ch. einer der ersten schriftlichen Gesetzestexte. Der wurde noch dazu in eine sehr dekorative schwarze Stele aus Diorit gemeißelt, die heute im Louvre zu besichtigen ist. Der Codex Hammurapi enthält 282 Regeln für die Bürger und die Strafen für Gesetzesbrecher, die jeweils für Alle galten und an die sich ausdrücklich auch die Herrscher nach Hammurapi zu halten hatten. Davor hatten die Mächtigen schlichtweg getan, wozu sie Lust hatten und sie waren niemandem Rechenschaft schuldig. Soweit diese schöne Geschichte.

Sie hat indes einige Mängel: Die Strafen waren aus heutiger Sicht extrem grausam. Frauen, die ihre Männer verließen oder eine Wirtschaft betraten, mussten dies nach den Buchstaben des Gesetzes mit dem Tod bezahlen, das gleiche Schicksal erlitten Männer, die entlaufene Sklaven aufnahmen. Gab es Streit zwischen zwei Bürgern Babyloniens, musste der Angeklagte in einen Fluß springen. Ertrank er, so war dies der Beweis für seine Schuld. Ertrank er nicht, so musste der Kläger sterben.

Der Gesetzesstein des Hammurapi wurde im Jahr 1902 gefunden. Seinen Status als ältestes Gesetz der Menschheit büsste er ein, als der rund 300 Jahre früher entstandene Codex von Ur-Nammu entdeckt wurde. Ein dritter Codex – der von Lipit-Ištarliegt zeitlich zwischen den beiden anderen, sodass man lediglich sagen kann, dass eine allgemeine Gesetzgebung nach jetzigem Kenntnisstand erstmals im Zweistromland Mesopotamien vor mehr als 4000 Jahren eingeführt wurde.

Buchtipp: Mauergewinner von Mark Scheppert

Vorbemerkung: Dies ist der erste Gastbeitrag auf meinem Blog. Danke, Antje, für Deinen Mut und für diese ganz besondere Rezension. Hier also die Buchbesprechung von Einer, die mitreden kann, weil sie dabei war! (MS):

Es ist schwierig dieses Buch für eine ganze Nation zu empfehlen, da es sich ausschließlich um die erlebte Kindheit eines 1972 Geborenen, in Ostberlin, handelt. Diese Geschichte  ist aber so genial und ehrlich geschrieben, dass ich meine verlorene Kindheit in den Zeilen wiederfinde. Schon dafür möchte ich dem Autor ganz herzlich danken. In „Mauergewinner – 30 DDR Sättigungsbeilagen“ ist es Mark Scheppert gelungen, so zu schreiben, wie wir es als Kinder in der DDR empfunden haben, es erdulden mussten und wie es wirklich war. Ganz ehrlich und direkt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, denn das mussten wir ja lange genug.

Alle Erzählungen und Erinnerungen habe ich fast 1:1 erlebt. Es ist als hätte man nach 20 Jahren sein eigenes Tagebuch wiedergefunden. Mark Scheppert beschreibt den gnadenlosen DDR-Alltag mit all seinen schönen und weniger schönen Facetten. Natürlich ging es bei mir um Jungs-Geschichten wenn Mark von seinen Mädchen-Geschichten schreibt, aber das ist ja klar. Wenn er eine Schlägerei in der Mahrzahner Disco beschreibt, dann haben wir Mädchen um unsere Freunde gebangt und uns hinter dem nächsten Häuserblock versteckt. Die Alkohol- Exzesse seines Vaters kenne ich zum Glück nicht aus der eigenen Familie aber aus dem erweiterten Kollektiv meiner Eltern. Von den Details zur Stasi möchte ich mich distanzieren, da Mark diese Betrachtung aus meiner Sicht etwas verharmlost. Aber alles was wir als unschuldige Kinder sonst erlebt haben, ist in diesem Buch endlich mal festgehalten.

Was mir nach so viel Jahren beim Lesen aufgefallen ist, ist die einzigartige Sprache, die sich in diesem abgeschotteten Ossi-Land entwickelt hat und sich nach der Wende aber ebenso zurück entwickelt hat. Ich bin auf Bezeichnungen und Wörter gestoßen, die ich quasi 20 Jahre nicht mehr gehört oder gesprochen habe, das ist schon ein ganz besonderes Gefühl des Verlustes.

Da ich von einem guten „Wessi“ Freund aufgefordert wurde: „Hey schreib doch zu diesem Buch eine Rezension“, habe ich mich gefragt: Warum sollte ein sogenannter „Wessi“ dieses Buch lesen? Als 1972 gebürtige Ostberlinerin, die seit 19 Jahren in der BRD lebt und ihr Herz ans Badische Land verloren hat, war das Buch eine Offenbarung, eine Zeitreise in die Vergangenheit, ein unverfälscht-ehrlicher Blick auf die eigene Kindheit. Vielleicht hilft dieses Buch den Wessis, ihre Ossi-Freunde noch besser zu verstehen? Denn in  „Mauergewinner“ spürt man die Angst schon beim Lesen, die von unseren Lehrern, Eltern und Vorgesetzten verbreitet wurde, man spürt das Vergessene, Tragische, was nie mehr wiederkommt, was aber auch niemand will. Dennoch fühlt es sich wie eine verlorene Kindheit an, die nur einzig und allein in diesem lustigen, manchmal sprachlich sehr derben, aber liebevollen Buch beschrieben ist.

Es ist ein sehr persönliches Buch. Es ist ein lustiges Buch. Es ist ein politisches Buch. Es ist ein geschichtliches Buch und es ist ein Stück Vergangenheit von 17 Millionen Deutschen. Vielleicht reichen diese fünf Gründe ja, sich den „Mauergewinnern“ hinzugeben.