Saudi-Arabien

In den selbst ernannten Wächterstaat des Islams pilgern jährlich Millionen von Muslimen, insbesondere zu den „heiligen Stätten” Mekka und Medina. Zwar gibt es Millionen von Gastarbeitern, ansonsten bleibt man aber im mächtigsten Land der arabischen Welt lieber unter sich. “Saudi-Arabien ist kein touristisches Reiseland. Visa für Individualtouristen werden nicht erteilt”, stellt das Auswärtige Amt klar. Saudi-Arabien FlaggeEs gilt das islamische Recht, die Scharia. Bei Diebstahl wird die Hand abgehackt, 87 öffentliche Enthauptungen gab es alleine im vergangenen Jahr 2014. Journalisten, die auf Twitter oder im Internet missliebige Kommentare veröffentlichen, riskieren Gefängnisstrafen und Peitschenhiebe. Und während der saudische Vize-Außenminister Nizar Bin Obaid Madani nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris für die Pressefreiheit demonstrierte, erhielt in Dschidda der Blogger Raif Badawi eine weitere Wochenration, nämlich 50 von insgesamt 1000 öffentlichen Stockhieben. Sein Verbrechen war es, Muslime, Christen, Juden und Atheisten als gleichwertig zu bezeichnen. Einen großen Reformdruck scheint man auch nach dem Tod des Königs Abdullah nicht zu verspüren. Der hatte zwar angekündigt, dass Frauen bei Regionalwahlen 2015 erstmals kandidieren dürften. Zum Wahlkampf müssten sie sich allerdings von ihren Männern bringen lassen, denn das Autofahren bleibt saudi-arabischen Frauen weiter verboten.

Aktuelle Zahlen: Von der Hauptstadt Riad aus regiert seit dem Januar 2015 Salman ibn Abd al-Aziz, der 32. Sohn des Staatsgünders König Abd al-Aziz ibn Saud. Er ist zugleich König und geistliches Oberhaupt (”Hüter der Heiligen Stätten”), und er ernennt sowohl den Minsterrat als auch die 150 Mitglieder eines Konsultativrates, darunter seit kurzem auch 30 Frauen. Gewaltenteilung gibt es nicht, trotz der Räte werden schlussendlich alle Entscheidungen nach Beratungen in der königlichen Familie gefällt.

Geschätzte 31 Millionen Einwohner, davon ein Fünftel bis ein Viertel Gastarbeiter leben auf einer Fläche von 2,15 Mio Quadratkilometern – das entspricht etwa ganz Westeuropa. Die größten Städte sind Riad (5,1 Mio.), Dschiddah (3,4 Mio.), Mekka und Medina. Lediglich 1,4 Prozent der Fläche sind fruchtbares Land, dafür verfügt Saudi-Arabien jedoch über einen Großteil der Weltölreserven. Verschiedenen Quellen zufolge sind es 16 – 25 Prozent. 1960 war Saudi-Arabien als einer der Gründungsstaaten an der Bildung der OPEC beteiligt, der Gemeinschaft Erdöl-exportierender Staaten. Weil das Land die Fördermengen über einen breiten Bereich anpassen kann, hat Saudi-Arabien einen erheblichen Einfluss auf den Öl-Preis. Über lange Zeit war das Land der weltweit größte Erdölförderer. Erst in jüngster Vergangenheit hat man die Kapazitäten leicht reduziert und lag im Jahr 2013 mit 11,5 Mio Fässern (Barrel) nur noch knapp vor Russland (10,8 Mio. Barrell). Auch Ghawar, das größte Ölfeld der Welt, liegt in Saudi-Arabien. Von dort kommen alleine 6 % des geförderten schwarzen Goldes weltweit. Von Nachteil angesichts dieser Schwemme ist lediglich, dass Saudi-Arabien neben Öl und Gas kaum andere nennenswerte Exportgüter besitzt. Die Einnahmen des Landes und damit auch das Bruttonationaleinkommen (BNE) ist deshalb stark vom Ölpreis abhängig.

Laut dem “World Almanach and Book of Facts 2015” betrug das BNE im Herbst 2014 $ 31300 pro Kopf. Die Wikipedia vergleicht die Saudis mit anderen arabischen Staaten und stellt fest, dass sie 38 Mal so viel erwirtschaften wie ihre Nachbarn im Jemen und 16 mal so viel wie die Ägypter. Laut “Pocket World in Figures” belegt Saudi-Arabien Platz 19 unter den größten Wirtschaftsmächten weltweit. Zuletzt wurden für annähernd $ 390 Milliarden Rohöl und Ölprodukte exportiert. Der Handelsbilanz-Überschuss betrug $ 246 Milliarden. Hauptabnehmer sind die USA, Japan und Südkorea. Unter den wichtigsten Handelspartnern steht Deutschland an dritter Stelle. Waffenexporte machen dabei einen erheblichen Teil des Handels aus: Noch im Jahr 2013 genehmigte der zuständige Bundessicherheitsrat, dem Kanzlerin Angela Merkel und acht Minister angehören, Exporte im Wert von 360 Millionen Euro. Immerhin: Im Januar 2015, unmittelbar nach der Machtübernahme durch Salman ibn Abd al-Aziz, hieß es laut Bild-Zeitung aus dem geheimen Gremium, die Region sei zu instabil, um dorthin Waffen zu liefern. Sicher werden andere die Lücke füllen. Saudi-Arabien ist einer der größten Waffenkäufer weltweit mit einem Verteidigungsetat von $ 60 Milliarden und einer Armee von 233000 Mann.

Die dem Islam widersprechende Lebensweise einer Reihe von Mitgliedern des saudischen Königshauses polarisiert die Gesellschaft. Kommentatoren halten daher eines Tages einen religiös motivierten Staatsstreich durch fundamentalistische Geistliche für denkbar. (Wikipedia)

Außenpolitisch versucht sich das Königshaus an einer Gratwanderung zwischen gelegentlichen militärischen Allianzen mit den USA und der Einflussnahme auf islamische Strömungen, um seine Macht zu erhalten. Beispielsweise wird die Opposition gegen Assad in Syrien unterstützt und man befürwortete einen US-geführten Militärschlag nach den Giftgasattacken von 2013. Mit dem Nachbarland Katar zerstritt man sich wegen deren Unterstützung für die Muslimbrüderschaft in Ägypten, wogegen Saudi-Arabien den Putschisten ein Hilfspaket von $ 5 Milliarden zusagte.

Unter den zwei großen Strömungen des Islam gehören die Saudis der Mehrheit der Sunniten an – und zwar in der besonders strengen Auslegung der Wahabiten. Die Minderheit der Schiiten im Land darf ihren Glauben ebenso wenig öffentlich leben, wie nicht-wahabitische sunnitische Sekten. Die einst im Lande lebenden Juden sind “ausgestorben”, so formuliert es die „Encyclopedia Britannica“. Christen gibt es nur unter den Gastarbeitern. Unter diesen Gastarbeitern, die das moderne Saudi-Arabien mit aufgebaut haben, müssen Millionen jederzeit mit ihrer Abschiebung rechnen, weil sie bei enger Auslegung der Gesetze durch die Behörden Ausländer als illegal gelten.

Die Gastarbeiter, die zwischenzeitlich bis zu zwei Drittel aller Arbeitskräfte im Land stellten, stammten ursprünglich vorwiegend aus arabischen Ländern. Später kamen Muslime beispielsweise aus Pakistan hinzu, sowie Nicht-Muslime aus Südkorea und den Philippinen. Im Rahmen eines “Saudi-sierungs-Programmes” hat die Regierung seit den 1990er Jahren ihre Staatsbürger dazu “ermutigt”, auch Aufgaben zu übernehmen, die normalerweise die Gastarbeiter erledigen. Besonders erfolgreich war man damit aber nicht. Viele gut ausgebildete junge Saudis hätten die Jobs der Ausländer nicht machen wollen, schreibt die Britannica und so sind auch heute noch die meisten spezialisierten Techniker im Land Europäer oder Amerikaner.

Die Infrastruktur ist auf einem relativ hohen Stand. Zwar sind drei Viertel der Straßen unbefestigt, es gibt nur etwa 1000 Kilometer Bahnstrecken, und das Land hat nur drei wichtige zivile Flughäfen. Jedoch haben 60 % der Bevölkerung Zugang zum Internet und sie besitzen 176 Handys pro 100 Einwohner. Die medizinische Versorgung ist gut, die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 73 Jahre für Männer und 77 Jahre für Frauen. Kinderreiche Familien werden gefördert und Saudi-Arabien hat auch deshalb eine sehr junge Bevölkerung (zwei Fünftel sind unter 15 Jahren alt) und wächst doppelt so schnell wie der Welt-Durchschnitt. Es herrscht eine allgemeine Schulpflicht von 6 – 14 Jahren und die Alphabetisierungsrate wird in den neuesten Quellen mit 94 % angegeben.

Die im Jahr 2009 gegründete König-Abdullah-Universität nahe Dschiddah gibt sich weltoffen und zieht wegen ihrer hohen Standard und Ausrüstung Studenten aus aller Welt an. Männer und Frauen dürfen dort gemeinsam studieren, letztere auf dem Gelände sogar Auto fahren und selbst entscheiden, ob sie einen Schleier tragen wollen.

Sehenswürdigkeiten: Wegen der extremen Temperaturen im Sommer gelten die Monate November bis Februar als beste Besuchszeit, empfiehlt der Bildband A Journey Through Every Country in the World. Wer es trotz der Hürden für die Einreise nach Saudi-Arabien schafft, sollte sich das Weltkulturerbe Madain`Salih anschauen, eine Ausgrabungsstätte, wo Reste der antiken Stadt Hegra zu sehen sind. Die Hafenstadt Dschiddah sei trotz drei Millionen Einwohnern betörend und wer im Roten Meer tauchen will, kann dies in Saudi-Arabien weitgehend ungestört tun. Bemerkenswert an der Hauptstadt Riad mit ihren 4,6 Millionen Einwohnern sei die „kühne” Architektur. Im Süden des Landes verläuft die größte Sandwüste der Welt, die Rub al-Chali. Ein Besuch in Mekka ist nur Muslimen erlaubt (!). Wer trotzdem wissen will, wie es dort aussieht, sollte sich die Reportage „Inside Mecca” von National Geographic ansehen (die deutsche Version scheint derzeit vergriffen).

Kultur: Die existiert nur insoweit, wie der Islam es zulässt. Unter anderem bedeutet dies: Keine Theater, keine Kinos, keine Schauspielhäuser. Westler müssen ihre Veranstaltungen von Religionsgelehrten zensieren lassen. Zensiert werden auch das Internet und das Fernsehen – hier wacht das Innenministerium darüber, dass unziemliches westliches Gedankengut die Saudis nicht verwirrt. So bleibt nur die unverfängliche Reiseerzählung „Arabian Sands“ von Wilfred Thesiger, ein Abenteurer, der die größte Sandwüste des Planeten in den Jahren 1946 – 1948 durchquert hat.

Geschichte:

570 Geburt von Mohammed in Mekka.

632 Tod von Mohammed in Medina, wo heute seine Ruhestätte liegt. Beide Städte gelten als Wiege des Islam.

Pilgerströme in Mekka. (Foto: Wikipedia / Ali Mansuri. Lizenz CC BY-SA 2.5)
Pilgerströme in Mekka. (Foto: Wikipedia / Ali Mansuri. Lizenz CC BY-SA 2.5)

Das heutige Königshaus gehört zum Stamm der Saud, die sich im 18.Jahrhundert mit der strenggläubigen islamischen „Reformbewegung” der Wahabiten verbündet hatten.

1932 Nach mehreren, von Ägypten und dem Osmanischen Reich unterbundenen Expansionsversuchen vereinigte Emir Abd al-Aziz al Saud verschiedene Gebiete zum Einheitsstaat Saudi-Arabien. Er regierte bis 1953 als Emir (= König), alle seine Nachfolger bis zum heutigen Tag sind Söhne von al-Aziz.

1939 – 1945 Im zweiten Weltkrieg erklärte Saudi-Arabien sich als neutral, brach die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland bereits 1939 ab und erklärte dem Reich am 28. Februar 1945 doch noch den Krieg.

1944 Gründung der Gesellschaft Aramco als Gemeinschaftsunternehmen mehrerer US-Ölfirmen mit der saudischen Regierung. Anfänglich zahlte die Firma mehr Steuern in die USA, als in Saudi-Arabien. 1949 verpflichtete eine Gesetzesänderung Aramco, 50 Prozent der Netto-Profite als Steuern im Land zu zahlen. Durch die Verstaatlichung zwischen 1972 und 1980 geriet die Firma in den Besitz der saudischen Regierung und ist heute die größte Erdölfördergesellschaft der Welt.

1953 – 1975 Im Gerangel um die Nachfolge von al-Aziz unterstützt die königliche Familie abwechselnd den ältesten Sohn Saud und dessen Halbbruder Faisal. Faisal, der als früherer Außenminister eher als Reformer galt, setzte sich 1964 durch. In der arabischen Welt bekämpfte er sowohl den Kommunismus als auch den Einfluss der USA wegen derer Unterstützung für Israel. Das Wort “Reformer” in Bezug auf das saudische Königshaus ist dabei relativ zu verstehen: Erst 1963 wurde die Sklaverei abgeschafft, seitdem ersetzen größtenteils Gastarbeiter deren Dienste.

1975 nach der Ermordung Faisals kommt zunächst Khalid auf den Thron. Im Land umstritten sind die Beziehungen des Könighauses zu den USA, was 1979 zur Besetzung der großen Moschee von Mekka durch Aufständische führte. Der Aufstand wurde gewaltsam beendet, wobei 330 Menschen starben. Im Jahr darauf wurden 63 Aufständische öffentlich enthauptet.

1980 – 1988 Im Krieg zwischen Iran und Irak unterstützt man aus religiösen Gründen den Irak, weil im Iran die Shiiten in der Mehrheit sind.

1982 nach dem Tod Khalids regiert Fahd, der enge Beziehungen zu den USA und Großbritannien unterhält. Auch Fahd reformiert die Gesellschaft, nicht aber das politische System.

1990 Nach dem Einmarsch des Irak in Kuwait nimmt Saudi-Arabien 400000 Flüchtlinge auf und erlaubt die Stationierung westlicher Truppen auf eigenem Territorium während des Golfkrieges von 1991. Gemeinsam mit 560000 US-Soldaten vertreibt man die Irakis aus Kuwait.

1995 Nach einem Schlaganfall Fahds übernimmt Abdullah inoffiziell die Macht.

11. September 2001 Als 15 der 19 Al Quaida-Terroristen sich als Saudis erwiesen, führte dies zu Vorwürfen aus den USA, die bis zum Jahr 2006 alle ihre Truppen von dort abzogen.

2005 Thronbesteigung Abdullahs nach dem Tode Fahds

2015 Abdullah stirbt, Salman ibn Abd al-Aziz tritt an seine Stelle.

Die AfD und der Islam

Als Mitglied der Alternative für Deutschland habe ich mich sehr gefreut über die gestrige E-Mail unseres Sprechers Bernd Lucke, in der er zehn Thesen über das Verhältnis unserer Partei zum Islam aufstellt. Sie wurde nicht als offizielle Pressemitteilung versandt, verdient es aber, publik gemacht zu werden. Ich unterstütze diese Thesen voll und ganz und werde meinen Teil dazu beitragen, dass der Dialog kritisch, aber konstruktiv geführt wird.

Thesen:

1. Deutschland ist ein tolerantes und weltoffenes Land. Jede große Weltreligion und eine Vielzahl von kleinen Religionen und Kulten werden in Deutschland praktiziert. Demgegenüber gibt es andere Staaten in der Welt, in denen keine Religionsfreiheit herrscht. In manchen islamischen oder kommunistischen Staaten werden religiöse Minderheiten unterdrückt und ihre Anhänger verfolgt. Oft sind auch Christen gewaltsamer Verfolgung ausgesetzt. Es ist Teil unserer Verpflichtung auf die Grundrechte, uns gegen derartige Übergriffe einzusetzen. Es ist ebenfalls Teil unserer Verpflichtung auf die Grundrechte, in Deutschland ansässige Glaubensgemeinschaften vor unberechtigten Vorwürfen einer geistigen Mittäterschaft zu schützen.

Hagia Sofia klein
Die Hagia Sofia in Istanbul. Erbaut von 532 – 537 war sie ein Jahrtausend lang die größte Kirche der Welt, wurde später genutzt als Moschee, und ist heute Museum und Weltkulturerbe.

2. Wenn der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ nur die faktische Existenz des Islam in Deutschland feststellen sollte, ist er überflüssig, weil der Sachverhalt offenkundig ist. Wenn er die Toleranz und Weltoffenheit Deutschlands betonen sollte, ist unverständlich, warum er die vielen anderen in Deutschland praktizierten Religionen nicht erwähnt. Wenn er aber als eine implizite Bejahung des Islams in Deutschland gemeint ist, ist er falsch und töricht,  weil er sich pauschal und undifferenziert zu einem komplexen Phänomen äußert, das viele unterschiedliche Strömungen und Aspekte umfasst. Was zu Deutschland gehört, muss präzise benannt werden und sollte von Deutschland her gedacht werden.

3. Zu Deutschland gehören die Freiheit des Glaubens, die Freiheit des religiösen Bekenntnisses und das Recht der ungestörten Religionsausübung. Insbesondere hat jeder Moslem das Recht, seinen Glauben friedlich zu praktizieren, seine Kinder in diesem Glauben zu erziehen und sich in Moscheen mit anderen Moslems zu versammeln. Diese Rechte finden Beschränkungen nur dann, wenn sie andere Grundrechte berühren. Zur Freiheit des Glaubens gehört aber auch, sich unbedroht vom Glauben oder bestimmten Glaubensvorstellungen abwenden zu dürfen.

4. Zu Deutschland gehört die Gleichberechtigung der Frau. Islamische Glaubenslehren, die die Freiheit und Gleichberechtigung von Frauen einschränken, verstoßen gegen Grundwerte unserer Gesellschaft. Mädchen und Frauen, die unter diesen Glaubenslehren leiden, bedürfen unseres Schutzes und Beistands. Gleichwohl ist es das Recht jeder muslimischen Frau, diese Glaubenslehren und auch aus den Glaubenslehren abgeleitete Kleidungsvorschriften zu akzeptieren, solange dies in freier, ungezwungener Entscheidung geschieht. Dass Traditionen, familiäres und soziales Umfeld derartige Entscheidungen prägen, ist zu akzeptieren. Umgekehrt ist von muslimischen Mitbürgern zu akzeptieren, dass in deutschen Bildungseinrichtungen und der deutschen Gesellschaft andere Lebenseinstellungen für Frauen vertreten und vorgelebt werden.

5. Zu Deutschland gehört der moderne Rechtsstaat. Dieser Rechtsstaat ist unvereinbar mit den aus dem Koran abgeleiteten Rechtsvorstellungen der Scharia. In Deutschland wird nicht nach der Scharia Recht gesprochen und auch eine informelle Streitschlichtung, in der beide Seiten die Anwendung der Scharia wünschen, darf sich nicht an der Scharia orientieren, wenn dadurch Dritte in ihren Rechten beeinträchtigt werden.

6. Über die Zulässigkeit von Beschneidung, Schächtung und anderen umstrittenen religiösen Praktiken muss letztlich der Rechtsstaat in einer Abwägung zwischen Religionsfreiheit und anderen wichtigen Rechten entscheiden. Diese Entscheidung muss von allen Beteiligten akzeptiert werden.

7. In Deutschland geht alle Staatsgewalt vom Volk aus und deshalb  gehört zu Deutschland die Demokratie. Theokratische Staatsvorstellungen sind damit unvereinbar. In Deutschland findet die freie Ausübung des Glaubens seine Grenzen da, wo dieser gegen den Rechtsstaat, die Demokratie oder die Grundrechte gewendet werden soll.

8. Zu Deutschland gehört die Meinungsfreiheit. Muslimische Staatsbürger haben genau wie jeder andere das Recht, sich kritisch zu gesellschaftlichen Gegebenheiten zu äußern, auch wenn dem andere Wertvorstellungen zugrunde liegen. Es steht ihnen auch frei, sich auf demokratischem Wege für die Erreichung ihrer Ziele einzusetzen.

9. Zu Deutschland gehören Gastfreundschaft und Toleranz. Dies gilt auch gegenüber Andersgläubigen. Religiöse Gefühle sollen geachtet werden und Provokationen unterbleiben. Um in Angelegenheiten von geringer Bedeutung Konflikte zu vermeiden, ist Großzügigkeit und Verständnis für die Situation des Anderen angezeigt. Dies gilt für alle Beteiligten und selbstverständlich auch für die Bevölkerungsmajorität.

10. Deutschland ist ein säkularer Staat mit einer tief verwurzelten christlichen Prägung. Von den heute unter uns lebenden Moslems sind viele trotz ihres anderen Glaubens glücklich darüber, dass sie in diesem säkularen Staat leben und keiner religiösen Bevormundung ausgesetzt sind. Viele unter uns lebende Moslems akzeptieren die Trennung von Staat und Religion trotz anderslautender Vorstellungen mancher islamischer Theologen. Diese Akzeptanz ist die Basis für ein gedeihliches Zusammenleben.

Bernd Lucke

Mit seiner Mail will Lucke, der schlaue Fuchs, offenbar nicht nur einen Konsens in der Partei herbeiführen, der die AfD für alle sichtbar von Extremisten abgrenzt. Ich sehe darin auch eine kluge und angemessene Reaktion auf einzelne Parteimitglieder, die in der aktuellen Programmdiskussion z.B. eine Festlegung auf ein traditionell-christliches Weltbild fordern und die damit zum Teil eine Pauschal-Kritik am Islam verbinden. Die 17000 Mitglieder der AfD werden deshalb aufgefordert, Zustimmung und/oder Kritik an Luckes Thesen per E-Mail zu signalisieren, sodass unser „Chef“ ein erstes Meinungsbild bekommt. Ich bin fest davon überzeugt, dass die zweite Fraktion in der Minderheit ist und plädiere deshalb dafür, Luckes Thesen ins Parteiprogramm zu übernehmen. Die AfD kommt aus der Mitte der Gesellschaft und dort soll sie auch bleiben. Ich will lösungsorientiert arbeiten und vertraue darauf, dass im Wettstreit der Ideen die besten gewinnen – unabhängig von der Religion oder Weltanschauung einzelner Parteimitglieder. Islamophobe und andere Extremisten, welche die AfD als Plattform zur Verbreitung ihrer Ideologien missbrauchen wollen, sollten in dieser Partei auch weiterhin keinen Platz haben.

Nachtrag: Obige Hoffung hat sich leider nicht erfüllt. Unmittelbar nach der Abwahl Bernd Luckes im Juli 2015 bin ich daher aus der AfD ausgetreten.

Ägypten

Aegypten_Flagge
Die Flagge von Ägypten

Das „Land der Pharaonen“ liegt beiderseits des Nils im Nordosten Afrikas und erstreckt sich auch auf die asiatische Sinai-Halbinsel. Ägypten hat eine Fläche von ziemlich genau einer Million Quadratkilometern und belegt mit 84 Millionen Einwohnern aktuell Platz Nr. 15 unter den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt. Die größten Städte sind die Hauptstadt Kairo mit ca. 11 Millionen Einwohnern, Alexandria (4 Millionen) und Gise (3 Millionen). Das Land besteht zum überwiegenden Teil aus Wüste. Fruchtbar ist nur ein schmaler Streifen am Nil sowie dessen Delta.

Fast alle Ägypter sind Araber, vier Fünftel sind (sunnitische) Muslime und der Islam ist offizielle Staatsreligion. Christen – vorwiegend Kopten – bilden nach offiziellen Angaben sechs Prozent der Bevölkerung. Andere Quellen nennen einen wesentlich höheren Anteil. Die Religionsfreiheit in Ägypten ist stark eingeschränkt, die Islamisierung hat seit den 1990er Jahren zugenommen. Frauen- und andere Menschenrechte werden in vielen Bereichen missachtet: Mehr als 95 % der Frauen erleiden eine Genitalverstümmelung, ein Absatz zur Gleichstellung der Frau wurde beim Verfassungsreferendum 2012 gestrichen. Folter und Zensur sind weit verbreitet.


Infolge von Massendemonstrationen wurde im Jahr 2011 der frühere Staatschef Hosni Mubarak abgesetzt und der Kandidat der Muslimbrüder, Mohammed Mursi, zum Präsidenten gewählt. Mursi selbst wurde jedoch am 3. Juli 2013 durch einen Militärputsch unter Armeechef Abd al Fatah al Sisi entmachtet, der begründet wurde mit der zunehmenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung aufgrund politischer und wirtschaftlicher Missstände. Am 14. August, dem „Schwarzen Mittwoch“ räumten Militär und Polizei ein Protestlager der Anhänger Mursis, die Gewalt eskalierte und es gab nach offiziellen Angaben 638 Tote. Nach dem im Dezember 2010 begonnenen „Arabischen Frühling„, droht nun offenbar auch in Ägypten ein Bürgerkrieg.

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Touristische Anmerkung: Mein bislang einziger Besuch in Ägypten war im Januar 2013. Es war meine erste Pauschalreise, sie führte an den Badeort Hurghada und beides brauche ich nicht noch einmal. Besonders die Bakschisch-Mentalität der Leute und die ständigen Versuche, uns übers Ohr zu hauen, empfand ich als ziemlich nervig. Beeindruckend war dagegen ein Tagesausflug nach Luxor inklusive dem Tal der Könige und dem Tempel von Karnak. Noch etwas Positves fällt mir ein: Der Handy-Empfang war überall ausgezeichnet, auch mitten in der Wüste. Eine SIM-Karte inklusive 2 GB an Datenvolumen gab es für preiswerte 20 Euro beim ägyptischen Vodafone-Ableger.

Betreff: Tunesien, Ägypten & Co.

Frage: Welcher unserer Politiker hätte wohl den Mut, sein Leben aufs Spiel zu setzen, um für Demokratie und Menschenrechte zu kämpfen? Können Sie sich unseren Außenminister Guido Westerwelle oder unseren Bundespräsidenten Christian Wulff vorstellen, wie die beiden mit handgemalten Plakaten in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens stehen, um sich den Panzern der Obrigkeit in den Weg zu stellen? Wie sie umgeben von den Schlägertrupps eines brutalen und korrupten Regimes die Nacht auf dem Tahrir-Platz in Kairo verbringen, bewaffnet lediglich mit einem Handy, von dem aus sie unerschrocken den Fernsehsendern in aller Welt berichten?

Oder unsere Kanzlerin: Die war, vermeldet lapidar die Wikipedia, vor der Wende weder in der zivilen noch in der kirchlichen Opposition aktiv. Am Tag als die Mauer fiel, hat Angela Merkel nicht einmal die Nachrichten verfolgt. Statt dessen saß sie mit einer Freundin in der Sauna, berichtet der Politjournalist Gabor Steingart in „Die Machtfrage„.

Nun könnte man ja argumentieren, dass dies vielleicht sogar ganz gut ist, denn um einen Staat zu lenken braucht es einen kühlen Kopf und eine gehörige Portion Sachverstand. Und dass diejenigen, die nach Jahrzehnten der Unterdrückung im Laufe einer Revolution an die Macht kommen, auch nicht die idealen Staatslenker wären. Womöglich würden sie erst einmal alte Rechnungen begleichen wollen. Ein paar Köpfe rollen lassen. Oder sich zumindest jene Schätze unter den Nagel reißen, die das alte Regime nicht rechtzeitig außer Landes gebracht hat. Das wollen wir dann auch wieder nicht.

Mäßigung ist also angebracht angesichts der Revolutionen in Tunesien und Ägypten, argumentierte Freund G. bei unserer gestrigen Stammtischrunde. Und außerdem seien die meisten dort sowieso nicht reif genug für die Demokratie. Nicht einmal bei uns. „Und am Ende wählen sie dann die Muslimbrüderschaft und dann haben wir den Scheiß.“

Um meine rhetorische Eingangsfrage zu beantworten: Niemand kann sich unsere höchsten Repräsentanten als Freiheitskämpfer vorstellen. Aber ein paar deutliche Worte an Herrn Mubarak – ist das zu viel verlangt? Warum schweigt die EU? Warum gibt es keine Unterstützung für die Vorkämpfer der Demokratie in Tunesien und Ägypten, in Jordanien, Jemen und Algerien? Was tun Merkel, Obama & Co eigentlich, um den Menschenrechten in diesen Ländern zum Durchbruch zu verhelfen? Und was haben unsere Staatsoberhäupter, die Chefs der ach so freien westlichen Welt denn dafür in den vergangenen Jahrzehnten getan?

Those who deny freedom to others deserve it not for themselves.

Das ist eines meiner Lieblingszitate. Es stammt von Abraham Lincoln, dem 16. Präsidenten der USA. Über seine Motive mag man streiten, aber erst hat er die geteilte Nation vereinigt und dann die Sklaverei abgeschafft. Das macht ihn nicht nur sympathisch, sondern auch glaubwürdig. Ich wünschte mir, die USA, die EU und auch unsere politische Kaste würde sich an Lincolns Weisheit erinnern. Ich wünschte mir, unsere Repräsentanten würden endlich damit aufhören, Diktatoren in aller Welt in den Hintern zu kriechen. Und ich schäme mich für mein Land, solange auch bei uns Wirtschaftsinteressen immer wieder über Menschenrechte gestellt werden.

Dass viele Jugendliche im arabischen Raum uns für Heuchler halten, die westliche Lebensweise verachten und ihr Heil im radikalen Islam suchen hat vielleicht auch damit zu tun, wie unserer „Realpolitiker“ deren Unterdrücker seit Jahrzehnten hofieren – mit Staatsempfängen und Gipfeltreffen, durch Waffenlieferungen und Wirtschaftsabkommen, vor allem aber durch konsequentes Wegschauen angesichts Unterdrückung und Korruption, Willkür und Folter.

Jetzt gibt es eine historische Chance, es besser zu machen. Statt mit Armeen westliche Verhältnisse erzwingen zu wollen, wie in Afghanistan und im Irak, könnte man es zur Abwechslung´mal mit friedlichen Mitteln versuchen. Wie wär´s zum Beispiel mit ein paar Milliarden Euro Starthilfe für junge Demokratien? Gekoppelt natürlich an die Bedingung freier Wahlen unter neutraler Beobachtung. Ich wette, dafür gäbe es mehr Verständnis als für den Euro-Rettungsschirm. Statt Waffenlieferungen könnte man den Austausch von Schülern und Studenten fördern. Technologien zur Nutzung der Solarkraft gemeinsam weiter entwickeln als Alternative zum Bau neuer Atomkraftwerke. Die Märkte öffnen für Agarprodukte, statt mit EU-Subventionen die Ungleichheiten zu zementieren…

War´n nur so ein paar Gedanken. Bisschen ´rumgesponnen. Bin halt ein Dummerle und verstehe nicht, warum die Unterstützung von Diktatoren alternativlos ist.

Nachtrag vom 18.2.:

Schön, dass die Ägypter ihre Revolution alleine hin gekriegt haben. Peinlich, die markigen Worte Merkels und Westerwelles nach dem Fall des Regimes. Mubaraks Konten in der EU sind immer noch nicht gesperrt (die Schweizer haben das schon lange getan).

Buchbesprechung: Atatürks Kinder von Hans-Joachim Löwer

Was sind das eigentlich für Menschen, die Türken? Wie leben sie in ihrem Land? Und wie denken sie über sich, über uns, über Gott und die Welt? Fragen, die mich bislang allenfalls am Rande interessierten, wurden im Frühsommer 2009 auf einmal wichtig. Nicht als ahnungsloser Touri wollte ich den zweiwöchigen Urlaub in  Istanbul und in Kiyiköy am Schwarzen Meer verbringen, sondern als Reisender. Respektvoll, aber nicht unkritisch. Mit wachen Sinnen und stets bereit, Neues zu lernen, meine Vorurteile zu überprüfen und gegebenenfalls auch zu korrigieren.

Wenn es Ihnen genau so geht, kann ich „Atatürks Kinder“ von Hans-Joachim Löwer nur wärmstens empfehlen.

Löwer, der 16 Jahre lang Auslandsreporter des „Stern“ war, durchreiste für dieses Buch die Türkei von Ost nach West mit leichtem Gepäck um – so der Klappentext – „ihren Menschen nahe zu kommen und zu verstehen, wie sie sich und ihre Zukunft in Europa sehen“. Das Ergebnis sind 30 einfühlsame, elegant geschriebene Porträts äußerst unterschiedlicher Menschen. Der Weg führt von ebenso armen wie bescheidenen Bergbauern im Karcal-Gebirge an der Grenze zu Georgien über den bedrohlich-verschlossenen und ungastlichen Scheich Seyed Abdul Bakir in dem Dorf Menzil bis zur Powerfrau Zeynep Gül Aktas, die an der Börse von Istanbul täglich Millionen bewegt. Dazwischen mischt Löwer sich unter die Scharen von Touristen, die bei Sonnenaufgang die gewaltigen Steinskulpturen auf dem 2150 Meter hohen Berg Nemrut Dagi bewundern, und er trifft in Derinkuyu auf den einsamen Forscher Metin Göksen, der ihm seine Theorien über die unterirdischen Höhlenstädte Kappadokiens erläutert.

Löwer spricht mit strengen Militärs und ebenso strengen Vätern, mit Baulöwen am Atatürk-Staudamm wie auch mit Gastarbeitern, die nach Jahrzehnten harter Arbeit als alte Mäner aus Deutschland in ihr sterbendes Heimatdorf Mentes zurück gekehrt sind, um dort ihren Lebensabend zu beschließen. Der Autor widmet ein Kapitel den Nöten der Istanbuler Hausfrau Perihan Pinar und beschreibt deren Alltag ebenso spannend wie in einem anderen Kapitel den traumhaften Aufstieg des Teppichhändlers Fettah Tamince zum Besitzer der Nobelhotelgruppe Rixos. Löwer ist ein exzellenter Schreiber und so schafft er es, auf jeweils einigen wenigen Seiten, den unbequemen, weil kurdischen Verleger Fatih Tas genau so eindrucksvoll zu porträtieren wie den Umweltschützer Hayrettin Karaca, den jedes Schulkind in der Türkei als „Herr der Eichen“ kennt und dessen Stiftung TEMA heute mit 264000 Mitgliedern die zweitgrößte zivile Vereinigung des Landes ist.

Hans-Joachim Löwer gelingt das Kunststück, mit leichter Feder auf gerade einmal 200 Seiten mehr Wissen und Verständnis über die Türkei zu vermitteln, als jeder noch so gute Reiseführer. Sein Buch „Atatürks Kinder“ ist das Beste, das ich seit langem gelesen habe und es hat mir große Lust gemacht auf weitere Reiseberichte dieses hervorragenden Journalisten.

Nachtrag: Wenn wir von hervorragenden Journalisten reden, darf Peter Scholl-Latour nicht fehlen. Der hat sich nämlich früher als andere mit dem heraufziehenden Konflikt zwischen dem Islam und der westlichen Welt befasst. Sein Reisebericht „Allahs Schatten über Atatürk: Die Türkei in der Zerreißprobe. Zwischen Kurdistan und Kosovo“ stammt zwar aus dem Jahr 1999 und ist damit nicht mehr ganz taufrisch. Angesichts des immensen Wissens und des gewaltigen Erfahrungsschatzes Scholl-Latours steht dieses Buch jedoch in meiner „Leseliste Türkei“ noch immer ganz weit oben.