GR 221 – 11. Banyalbufar – Esporles

Noch so ´ne Weichei-Etappe, werdet Ihr denken. Tatsächlich sind die paar Kilometer von Banyalbufar nach Esporles auf dem GR 221 eher ein Spaziergang, denn eine Wanderung. Zwar geht es auch heute erstmal kräftig bergauf, aber am Ende sind es dann doch nur 338 Höhenmeter auf gut sieben Kilometern, die ich in etwas mehr als zwei Stunden bewältige.

Beeilt habe ich mich vor allem deshalb, damit ich den 12:35-Bus von Esporles nach Palma nehmen konnte. Er kam um 13:10. Ansonsten aber alles Prima. Der Weg war durchgehend ausgeschildert und bot zunächst wieder Aussichten auf terrassierte Hänge mit Mandel-, Oliven-, Zitronen-, und Orangenbäumen. Dann hinein in den Wald mit einigen Aleppokiefern und noch viel mehr verwilderten Ölbäumen, garniert mit Zwergpalmen und der gelegentlichen Kaktee.

Höchster Punkt ist der Coll des Pi mit seinen 454 Metern und wer glaubt, hier oben seine Ruhe zu haben, der sollte nicht an einem Sonntag herkommen. So wie ich. Diverse zumeinst einheimische Familien und ganze Schulklassen scheinen sich heute hier verabredet zu haben. Darunter auch jene Spezies, die ich so gerne mag, weil man sie schon einen Kilometer vorher hört, bevor sie laut plappernd um die Ecke biegen. „Was ist los Leute?“ möchte ich ihnen entgegen rufen. „Ist die X-Box“ kaputt? „Verpasst Ihr nicht Euer Formel-1-Rennen?“. Na ja. In ein paar Jahren haben die bestimmt alle ihre Google-Brillen und können sich dann von ihrer Couch aus auf Expeditionen in die virtuelle Natur begeben, ohne das Wohnzimmer verlassen zu müssen.

„Schuld“ an dem Menschenauflauf ist womöglich auch das Gut „La Granja„, eine Art privates Völkerkundemuseum zum mitmachen, Restaurant und Gastro-Shop inklusive. Es liegt kurz vor Esporles und ist „Ideal für Familienausflüge oder auch ein Schulprojekt“, wenn man der Webseite glaubt. Und heiraten kann man dort natürlich auch. Weisste Bescheid.

Ich lasse La Granja jedenfalls rechts liegen, durcheile den Ort Esporles und bin rechtzeitig an der Bushaltestelle. Mit der fast schon üblichen Verspätung geht es dann nach Palma, denn der Michel hat ´mal wieder einen tollen Plan: Vier Übernachtungen in Folge habe ich im Hostal Terminus gebucht und verbinde damit Einsparungen, Flexiblität und die Vorteile einer Großstadt mit meinem Wanderprojekt.

Die Idee kam mir, als ich zu den Busverbindungen recherchierte. Die sind – von gelegentlichen Verspätungen abgesehen – hervorragend. Und der zentrale Busbahnhof liegt, ebenso wie die Endstation der Bahnstrecke nach Inca/Mancor, nun etwa 100 Meter schräg unter meinem Zimmer in diesem Hostal. Fast sieht es aus, als wäre das früher mal ein Bahnhofsgebäude gewesen. Die Einrichtung ist eher schlicht, auf das eigene Bad habe ich verzichtet und somit wohl eine der billigsten Unterkünfte in Palma bekommen. Wie man sieht:

Mein Zimmer im Hostal Terminus. Luxus geht anders, aber verkehrsgünstig ist es allemal (Copyright 2017, Michael Simm)

Die Hotels in meinen nächsten Etappenzielen würden mindestens das Doppelte, eher das Dreifache kosten. Und so habe ich überlegt, jeweils von Esporles, Valldemossa, Deia und Soller am Ende meiner Wanderungen mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Die Fahrzeit ist jeweils eine halbe Stunde, vielleicht auch ´mal 45 Minuten. Aber dafür komme ich dann mit der Rolltreppe aus dem Busbahnhof direkt vor die Haustüre, sitze wie die Made im Speck unmittelbar an der Placa Espanya, und habe in nächster Umgebung jede Menge erschwingliche und hochgelobte Restaurants.

Morgens habe ich dann eine ebenso breite Auswahl an Cafés, einschließlich jener beiden direkt in der Busstation. Und es gibt dort auch noch einen kleinen Supermarkt, der bis 22:00 geöffnet hat. Wenn das ´mal keine geile Infrastruktur ist.

Palma ist ziemlich kompakt und obwohl (natürlich) hier jede Menge Stadtbusse abfahren, erkunde ich es lieber zu Fuß. Ob Placa Mayor, der schicke Passeig des Born oder die Kathedrale – alles ist in 20 Minuten erreichbar. Am heutigen Sonntag sind allerdings der Großteil der Geschäfte geschlossen, die Restaurants, die ich mir ´rausgesucht hatte leider auch. Na ja. Ich wollte ja ohnehin abnehmen. Schalte ganz schnell um auf die Bierdiät mit zwei Schlummerglässchen am Tresen meines Hostals und vertiefe mich dann wieder in die Wanderkarte, damit ich auch morgen auf dem Weg von Esporles nach Valdemossa nicht verloren gehe.

GR 221 – 09. Ses Fontahelles – Estellencs

Den Wecker hätte ich heute nicht zu stellen brauchen, denn der Hahn war schneller. Immerhin war der Gockel ziemlich nah dran an der gewünschten Weckzeit von 7:00. Zum Frühstück um 7:30 hatte man uns ermahnt, pünktlich zu sein, sonst wäre der Kaffee kalt. Das haben wir denn auch gleich verstanden, als wir im schönen, aber unbeheizten Frühstückssaal vor unseren Brötchen saßen. So schafften wir lässig den Check-Out-Termin von 9:00 und – weil ich ja einen Ruf als Eigenbrödler zu verlieren habe – ließ ich Sandra, Martin und Tim schon ´mal den Berg hinauf kraxeln.

Inklusive einer kleinen Variante über den 928 Meter hohen Gipfel Mola de s´Esclop  („Der gewaltige Holzschuh“) würden mich heute 15 Kilometer Distanz und 890 Höhenmeter erwarten, entnahm ich der GR 221-Wanderkarte. Etwa ein Viertel davon ist als Bergpfad / Wandersteig ausgewiesen, und laut unserem Gastgeber würde uns dort eine Steinwüste erwarten, in der die Orientierung schwer fällt. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich schon den Kollegen hinterher hecheln, und bin gespannt, wie ich das durchstehe.

„Im Frühtau zu Berge“ will ich noch schnell auf Facebook posten, um mir Mut zu machen und Zuspruch von meinen Freunden einzuholen. Dumm nur, dass unsere Herberge ja in einem Funkloch liegt, wie ich mich erinnere. Also los. Steil bergauf, 600 Höhenmeter auf den ersten beiden Kilometern. Relativ schnell verschwindet der Pfad unter Geröll, und spätestens jetzt bin ich den Mallorquinern dankbar für ihre Steinmännchen.

Wo ist das Steinmännchen? Die Orientierung ist diesem Gelände wäre ohne diese Markierungen noch schwieriger (Copyright 2017, Michael Simm)

Besser als jedes Schild funktionieren die kleinen Pyramiden hier oben, und alle paar Schritte freue ich mich, 30 Meter weiter den nächsten zu sehen. So geht das etwa eine Stunde lang. Zwischen zwei Gattern, die es zu übersteigen galt, wird es dann grüner und leichter, danach aber geht es wieder steil bergan – sogar mit einer leichten Kletterpassage.

Fall Ihr hier durchkommt: Nach dem zweiten Gatter und vor einer großen Gruppe entwurzelter Bäume geht es über eine kleine Mauer rechts hoch. Jetzt heißt es wieder „Steinmännchen gucken“ und im Schweiße seines Angesichts den Berg erklimmen. Die Kollegen von heute früh hatte ich da zu meinem eigenen Erstaunen überholt und konnte nun stolz von oben her den Weg weisen. Die erwähnte Kletterpassage ist zwar nicht schwer, aber ausgerechnet da, wo man die Hände braucht, ist der Boden abwechselnd bedeckt mit Disteln und mit Ziegenkötteln.

70 Meter unter dem Esclop gabelt sich der Weg und ich schlage die freundliche Einladung von Sandra, Martin & Tim aus, sie auf den Gipfel zu begleiten. Die Ausrede war, dass ich ja den GR 221 machen will, und den müsste ich dann für etwa einen Kilometer verlassen, und alle meine Aufzeichnungen stimmen dann nicht mehr, und überhaupt.

Auf der Karte sah mein Weg genau so weit aus, wie der über den Gipfel, und beide waren hier noch als Bergpfad gekennzeichnet. Als beim Zusammentreffen der beide Wege am Coll des Quer weit und breit niemand zu sehen war, ist der Eigenbrödler-Michel natürlich weiterspaziert. Bergab ging es über einen Hang, der dekoriert war mit zahlreichen schwarzen Baumstümpfen, die an den großen Waldbrand von 2013 erinnern.

Dann wird der Wanderweg breiter und verläuft aus einer Höhe von 650 Metern fast den ganzen Rest der Strecke abfallend auf holprigen Fahrwegen und Schotterpisten. Zwei Mal muss man ein kleines Stück an der Ma-10 entlang laufen und erblickt dann am Hang liegend endlich das schöne Dorf Estellencs mit seinen zahlreichen Terrassen. Diesen zweiten Teil der heutigen Strecke fand ich nicht so toll, und musste mich dann noch über einen Materialschaden ärgern:

An meinem Deuter Futura 28 Rucksack, den ich heute den fünften Tag auf dem Buckel habe, ist die Schnalle für den Bauchgurt gebrochen. Ziemlich schwache Leistung, Herr Deuter. Die Folge ist natürlich, dass ich den Gurt nicht mehr zuziehen kann und der Rucksack dann nicht mehr richtig auf der Hüfte sitzt. Und das bedeutet, dass ich die nächsten acht Tage schwerer zu tragen habe und meine Schultern noch mehr leiden müssen.

Die Idee, vielleicht mal schnell bei Amazon Ersatz zu bestellen und in meine nächste Unterkunft schicken zu lassen scheitert an der Lieferzeit. Und auf der Webseite von Deuter finden ich bei „Händlersuche International“ nur eine Adresse in Spanien. Und die ist nicht in Palma, sondern in Madrid. Bin gespannt, ob ich für diese Schnalle wenigstens nach der Rückkehr Ersatz kriege und tröst mich mit dem Gedanken, dass das Material schneller schlapp macht, als ich.

Für die Statistiker möchte ich noch kurz erwähnen, dass es heute (gemessen mit der App Runtastic Pro) „nur“ 11,3 Kilometer und 656 Höhenmeter waren, für die ich satte 4:19 an reiner Gehzeit gebraucht habe.

Jetzt bin ich jedenfalls in Estellencs, das wie so viele Dörfer in diesem Teil der Insel an einem steilen Hang liegt. Hunderte von Jahren haben die Einwohner hier das Gelände terrassiert, doch die einzige Terrasse für die ich mich jetzt interessiere, liegt gegenüber meinem Hotel. Vom Vall Hermos hat man einen erhebenden Blick über das Meer, und es ist der ideale Platz für mein Ankunftsbier.

Überhaupt finde ich hier alles prima. In meinem Hotelzimmer im Maristel habe ich vom Balkon aus ebenfalls Meeresblick, sogar ein Spa gibt es hier, mit einem kleinen Pool, Hottub und Sauna. Dafür fehlt mir aber die Zeit, denn ich muss erst noch meine stinkigen Socken waschen, auf dem Balkon zum trocknen ausbreiten, und essen gehen, bevor hier alles dicht macht.

Ich folge der einzigen Empfehlung meines Reiseführers ins Restaurant Montimar, nur wenige Schritte von Hotel und Bierterrasse entfernt. Hier gibt es malorquinische Spezialitäten, und auf der Speisekarte stehen Lamminnereien ganz oben. Was bin ich froh, dass mittlerweile meine Wanderbekanntschaft Sandra aufgetaucht ist, denn Paella gibt es sogar in Spanien erst ab zwei Personen. Um uns herum lauter zufriedene Gäste. Ob Kaninchen oder Ferkel, der Koch versteht sein Handwerk.

Früh geht´s ins Bett-was soll man auch machen an einem Freitagabend in einem Ort ohne Kneipe? Noch ein Blick auf die Wanderkarte und die Gewissheit, dass es morgen nur eine kurze Etappe zu laufen gibt. Meinen Wanderkollegen ist der Weg nach Banyalbufar zu kurz oder sie haben weniger Zeit als ich und laufen deshalb morgen gleich durch nach Esporles. Mir doch egal. Ich bin hier auf Reisen und leiste mir den Luxus, jeden Tag in meinem eigenen Tempo zu gehen…

GR 221 – 05. Die Anreise

Verschiedene Billigflieger landen auf dem imposanten Flughafen von Palma de Mallorca. Ich kam mit EasyJet vom Euro-Airport in Basel-Mulhouse zum Schnäppchenpreis von € 44 für Hin- und Rückflug, den ich im Januar mit acht Wochen Vorlaufzeit gebucht hatte, natürlich online. Aber obacht: Ich reiste nur mit Handgepäck.

Sie können EIN Handgepäckstück mit einer maximalen Größe von 56 x 45 x 25cm einschließlich Griffen und Rollen mit an Bord nehmen.

Normalurlauber werden sich schwer tun, das Zeug für 14 Tage in einen Tagesrucksack zu stopfen – und die zahlen dann für jede Richtung nochmals 30 Euro zusätzlich! Im Abschnitt „Ausrüstung“ verrate ich Euch, wie ich es geschafft habe, all meinen Krempel in einen Tagesrucksack zu packen. Und im Laufe dieser Reise werde ich erfahren, ob das funktioniert…

Jedenfalls betrug die reine Flugzeit 1:50 Stunden. Für die gesamte Anreise von meiner Offenburger Haustüre inklusive Bahnfahrt nach Basel und Bus zum Flughafen sowie auf Malle ebenfalls mit dem Bus nach Port d´Andraxt und die restlichen paar Meter zum Hotel war ich 9 Stunden unterwegs. Die Bahnfahrt war übrigens nicht im Flugpreis enthalten – auch das sollte man mit einkalkulieren, wenn man einen Billigflieger nimmt. So kamen bei mir trotz Sparticket und Bahncard 25 gleich noch weitere € 40 für die Hin- und Rückfahrt Offenburg-Basel dazu. 

Verrückte Zeiten: für die 130 Kilometer zum Flughafen und den Bus zu meinem Hotel zahle ich damit ebenso viel, wie für die knapp 1300 Kilometer Luftlinie zwischen den Flughäfen Basel und Palma de Mallorca. Anders gesagt: Bahnfahren ist zehn Mal so teuer wie Fliegen!

Wie dem auch sei: Auf dieser Reise kommt es mir nicht auf die Geschwindigkeit oder die Entfernung an. Ich schalte zwei Gänge zurück und werde in den nächsten zwei Wochen hauptsächlich zu Fuß unterwegs sein. Nur ab und zu zwingen mich die Logistik und ein schmaler Geldbeutel dazu, am Ende einer Wanderetappe auf dem Trockenmauerweg fremde Hilfe zu nutzen, um zur nächsten Unterkunft zu kommen.

Da ich eine Streckenwanderung mache und keine Rundwanderungen, würde mir ein Mietwagen dafür nichts nutzen. Taxis sind zwar billiger als bei uns. Noch günstiger ist es nach meinen Recherchen aber, den Bus zu nehmen. Unterstützt wird man dabei von der Verkehrsgesellschaft Concorci Transports Mallorca (CTM), die eine prima Webseite, unterhält, wo man sowohl das Streckennetz als pdf-Datei herunterladen kann, als auch viele Vorschläge für Ausflüge mit den öffentlichen Verkehrsmittel findet – und dies sogar in deutscher Sprache!

Busfahrten auf Mallorca sind relativ preiswert,und es gibt auch noch Rabatte für Vielfahrer. Die Voraussetzung dafür ist aber eine sogenannte Intermodalkarte. Wie das genau funktioniert hatte ich bei meinen Vorrecherchen nicht wirklich verstanden, immerhin wusste ich aber, dass diese Karte in den Informationsstellen des Intermodalbahnhofs in Palma erhältlich ist. Dies ist praktischerweise jener zentrale Bahnhof, der vom Flughafen aus auf dem Weg zu meinem ersten Hotel liegt. Busse dorthin verkehren alle 16 Minuten, brauchen 20 Minuten und kosten € 5 Euro.

Bis zu diesem Bahnhof lief alles glatt und nach Plan. Dann sagte man mir, ich solle erstmal eine Nummer ziehen. Und natürlich brauchte gleich der erste der sieben Leute vor mir länger, um sein Ticket zu kaufen, als ich für einen verdammten Bus. Nun ja, nach einer knappen Stunde und sogar auf deutsch beraten habe ich dann doch noch eine Intermodalkarte gekriegt und durfte sie bei einem weiteren Schalter auch mit dem Guthaben aufgeladen. Insgesamt 33 Euro latze ich für eine T20 Netzkarte, die 20 Fahrten über jeweils 2 Tarifgebiete erlaubt.

Warum es schlau ist, solch eine Karte zu haben, erfahrt ihr hoffentlich in den weiteren Kapiteln, jetzt geht es erst einmal weiter nach Port d´Andratx. Auf dem Bahnhof liegen Züge und Busse eng beieinander, alles wirkt sauber und hervorragend organisiert. Nur leider bekommen wir keinen Expressbus mehr, sondern statt dessen eine Tour durch sämtliche Orte zwischen Palma und meinem eigentlichen Ziel. Am Ende brauchen wir fast 90 Minuten für die geschätzt 25 Kilometer Luftlinie nach Port d´Andraxt.

Mein Hotel dort für drei Übernachtungen ist das Hostal Residència Catalina Vera, empfohlen von meinem Malle-Reiseführer aus dem Müller-Verlag und gebucht über Hotels.com. Preislich liegt es am unteren Ende der Skala für diesen schönen, aber leider auch recht teuren Ort. Die Einrichtung ist geschmackvoll, im Garten wachsen Zitronenbäume, die Leute sind freundlich und alles fühlt sich gleich familiär und gemütlich an. Das Hostal liegt nur zwei Straßen von der Meerespromenade entfernt. Außerdem sind jede Menge Bars, Restaurants und auch drei Supermärkte in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen – was natürlich auch daran liegt, das Port d´Andraxt ziemlich überschaubar ist.

Eine freundliche ältere Dame, die hier im Aufenthaltsraum die Stellung hält, muss ins Bett, und ich somit gleich den W-LAN-Bereich verlassen. Aber das passt schon. Zwar bin ich noch keinen Meter auf dem GR 221 gewandert, aber morgen steht die erste Etappe an. Also gehen wir jetzt alle ins Bett und wenn ihr wollt, erzähle ich Euch, wie´s weitergeht.

GR 221 – 02. Die Planung

Eigentlich bin ich voll der Info-Hamster: Je mehr ich weiß, umso besser fühle ich mich. Diesmal aber scheint alles anders. Vor meiner Durchquerung des Tramuntana-Gebirges auf dem Fernwanderweg GR 221 habe ich mich sogar besonders gut informiert: Mit Google einmal quer durch´s Internet, wie immer bei Wikipedia nachgeschaut, eine Fernsehsendung gesehen, aktuelle Reiseführer gewälzt, Wanderführer und das neueste Kartenmaterial geprüft.

Nur leider fand ich oftmals widersprüchliche Angaben zum Trockenmauerweg. Und die lösen sich auch nicht auf, wenn man die vielen Berichte und Kommentare von Wanderern liest, die den Weg vor mir gegangen sind. Das beginnt schon mit der Länge des Weges:

Die offizielle Seite spricht von 83,7 Kilometern, die zur Hauptroute gehören, wobei die erste Etappe Port d’Andratx – Coma d’en Vidal und der dritte Abschnitt Esporles – Can Boi ohne nähere Erläuterung noch mit einem Warnschild versehen sind. „Die restlichen 72,5 Kilometer gehören zu Varianten“, heißt es. Die Angabe von 150 Kilometern aus der Fernsehinfo zu „Wanderlust“ bezieht sich demnach auf das gesamte Wegenetz und ist ziemlich irreführend.

Bei einer der zuverlässigsten und umfangreichsten Webseiten auf diesem Bereich, Outdooractive, ist die „eigentliche“ Route 115 Kilometer lang und in 44 Stunden zu bewältigen. Für die Hardcore-Wanderer von Alpenquerung.info sind es 140 Kilometer, und die schaffen das in 8 Etappen. Je mehr ich plane, umso größer wird die Verwirrung. Also mache ich das, was ich schon immer tue: Ich gehe meinen eigenen Weg, in meinem Tempo, und ich lasse mich überraschen, was es dabei alles zu entdecken gibt.

Als Eckdaten hatte ich meinen Hin- und Rückflug von Baseler Euro-Airport nach Palma de Mallorca, gebucht bei EasyJet zum Schnäppchenpreis von 50 Euro – allerdings nur mit Handgepäck. Wenn man den Hin- und Rückreisetag nicht rechnet ergibt das einen Zeitrahmen von 14 Tagen – lange genug, um sich zwischendurch auch ´mal bei einer kürzeren Etappe zu erholen oder eine Pause einzulegen, falls nötig.

Da war ich wohl zu langsam: Die Wanderherberge (Refugi) Tossals Verds war bereits sechs Wochen vor meiner Abreise ausgebucht, was mich zwingt, über einen Plan B nachzudenken. (Foto: Wikipedia CC BY-SA 3.0)

Weiter ging es mit den Unterkünften, die ich ca. 6 Wochen vor der Abreise gebucht habe. Wichtig, weil früh ausgebucht, sind die Wanderherbergen (Refugi), zu denen man sich von der offiziellen Seite durchklicken kann (Tatsächlich habe ich eine nicht mehr gekriegt: die mitten in den Bergen gelegene Tossals Verds, was mich dann zum Umplanen gezwungen hat). 

Sehr wertvoll für die Planung waren für mich zwei Bücher aus dem Michael Müller-Verlag, der sich auf Reiseführer spezialisiert hat und den ich wegen seiner detaillierten Informationen sehr schätze. In „Mallorca: Reiseführer mit vielen praktischen Tipps“ erfährt man allerhand über die Orte am Ausgang und Ende der Etappen, inklusive Hinweisen auf besondere Hotels und Restaurants. Und in „Mallorca MM-Wandern: Wanderführer mit GPS-kartierten Wanderungen“ finden sich detaillierte Beschreibungen zu 39 Wanderungen auf der ganzen Insel,von denen jedoch ein guter Teil Etappen und Abschnitte entlang des GR 221 beschreibt. Beide Bücher sind von 2016 und waren somit auch die aktuellsten im überaus großen Angebot der Malle-Reiseliteratur.

Obwohl ich eine großer Fan von GPS-Geräten bin würde ich mich bei einer „ernsthaften“ Wanderung in unbekanntem Gelände nicht alleine auf diese Spielzeuge verlassen wollen. Es genügt ein Defekt oder ein leerer Akku, und schon steckt man in Schwierigkeiten. Meine Ehre als Mann lässt es nicht zu, jemanden nach dem Weg zu fragen. Außerdem ist sowieso keiner da, wenn man einen braucht 😉

Nein, lieber sichere ich mich mit klassischen Karten ab. Die besten, die ich finden konnte, sind erst kurz vor meiner Wanderung in einer neuen Ausgabe erschienen: „Mallorca – Wanderkarte 1:35.000 (Kartenset mit Nord + Süd-Blatt): Alle Wege in der Serra Tramuntana“ heißt das wasser- und reißfeste Werk, das zumindest am heimischen Küchentisch einen sehr guten Eindruck macht. Es gibt zwar höher auflösende Karten im Maßstab 1:25000, aber meine wirken durchdachter und übersichtlicher zugleich, ohne dass ich Details vermissen würde.

Wie das dann im Gelände aussieht wird man sehen. Jedenfalls kennt ihr nun im Wesentlichen mein Planungsmaterial. Erwähnen sollte ich aber noch, dass ich mir vorgenommen habe, die kompletten 16 Tage nur zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein.  Wie die -auch auf deutsch verfügbaren – Busfahrpläne für die Insel zeigen, ist das Netz sehr gut ausgebaut. Das ermöglicht es, auch einmal ein paar Tage im gleichen Hotel zu bleiben, wenn man von dort zum Startpunkt einer Etappe und vom Ziel wieder zurück pendelt.

Mit diesen Rahmenbedingungen setzte ich mich schließlich an den Computer, breitete die Karten und Bücher neben mir aus, und buchte systematisch alles durch. Drei Tage netto hat das gedauert, und den Plan, der dabei herausgekommen ist, präsentiere ich im folgenden Abschnitt. Dann folgt noch eine Seite zu meiner Ausrüstung, und schließlich der ausführliche Reisebericht für die gesamten 14 Tage inklusive meiner 12 Etappen, den Unterkünften und sonstigen interessanten Beobachtungen (-> Übersicht).

GR 221 – 01. Die Idee

Schon klar: Die Idee, im Frühjahr nach Malle zu fliegen ist nicht sonderlich originell, dort zu wandern auch nicht. Ist mir aber egal, ich mache das jetzt trotzdem zu meinem Projekt: In den nächsten 14 Tagen will ich den Fernwanderweg GR 221 -auch bekannt als Trockenmauerweg- alleine und komplett durchwandern.

Die Betonung liegt auf „komplett“, denn was auf den ersten Blick nach einer überschaubaren Aufgabe ausschaut, erweist sich bei näherem Hinsehen als logistische und sportliche Herausforderung. Der Weg durch die im Norden der Insel gelegene Bergregion Serra de Tramuntana ist nämlich noch nicht fertig. Manche Abschnitte sind angeblich gesperrt, nicht beschildert oder nur zu bestimmten Zeiten / Wochentagen zugänglich. Die Unterkünfte sind teils dünn gesät, die Preise oft gesalzen. Auf manchen Abschnitten gibt es nur spartanisch eingerichtete Berghütten (Refugi) – und die sind dann auch noch schnell ausgebucht.

So sieht´s aus: Übersichtskarte zum Trockenmauerweg „Ruta de Pedra en Sec“, der im Norden Mallorcas von Port d´Andraxt bis nach Pollenca verläuft (Foto von Sarang, bearbeitet von Oltau via Wikipedia)

Dabei hatte alles so einfach ausgesehen: Inspiriert von einer Folge der Fernsehserie „Wanderlust“ wollte ich es dem britischen „Profi-Traveller“ Bradley Mayhew gleich tun, der frohen Mutes und scheinbar ohne Probleme die Serra de Tramutana durchquert hatte. Angeblich hat er sechs Etappen gebraucht für die 150 Kilometer. Angeblich.

Bei Wikipedia sind es aber neun Etappen, die offizielle Seite listet fünf offene Abschnitte plus sechs Varianten und nach meiner eigenen Planung werde ich elf Tage netto unterwegs sein, wobei ich an einem dieser Tage mangels Unterkunft wohl zwei Etappen bewältigen muss. Doch dazu später mehr.

Freunde, die schon mit mir unterwegs waren, bescheinigen mir, ein guter Planer & Reiseführer zu sein. Und da ich gerne schreibe und viele Freunde habe, wollte ich möglichst zeitnah auf Michels Universum darüber berichten. Gewünschter Nebeneffekt: Mehr Motivation, um dieses Projekt auch durchzuziehen, denn wer will schon als Looser nach drei Tagen abbrechen? Und dann gibt es ja noch den Plan, das Ganze als eBook zu veröffentlichen, wenn ich die Tour tatsächlich durchstehe…

Deshalb habe ich auch noch schnell aufgeschrieben, wie ich das ganze geplant habe, welche Tagesetappen dabei heraus gekommen sind, und mit welcher Ausrüstung ich unterwegs bin.

Morgen, am 27. März geht´s dann endlich los. Und wenn der Michel und seine Akkus durchhalten findet ihr hier bis zum 8. April jeden Tag einen neuen Bericht – Handyempfang bzw. W-LAN vorausgesetzt.