Sokrates

Mein gespaltenes Verhältnis zur Philosophie habe ich bereits dokumentiert. Allerdings will ich auch nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Stattdessen möchte ich hier Sokrates meinen Respekt zollen, den viele als Begründer der westlichen Philosophie betrachten, und dessen „Hebammen-Methode“ zur Annäherung an die Wahrheit mir auch nach bald 2500 Jahren gleichermaßen klug, diplomatisch und alltagstauglich erscheint.

Sokratesbüste im Archäologischen Nationalmuseum Neapel, Inventarnummer 23185, Foto: Domenico Anderson
Sokratesbüste im Archäologischen Nationalmuseum Neapel, Foto: Domenico Anderson

Sokrates hat nicht nur sein ganzes Leben lang versucht, das Wesen des Menschen zu verstehen und die Wahrheit zu erkennen (das sollten eigentlich alle Philosophen tun).

Vielmehr hat er mit der Hebammenkunst (Mäeutik) eine Methode entwickelt, um auch scheinbare Selbstverständlich-keiten zu hinterfragen. Sein „Trick“ war es, mit einem ergebnisoffenen Dialog neuen Erkenntnissen den Weg zu bahnen, statt wie so viele andere die eigenen Wahrheiten von oben herab zu verkünden.

Sokrates, der 469 vor Christus geboren wurde, hat selbst keine Schriften hinterlassen. Das meiste über ihn wissen wir von seinem Schüler Platon. Demnach kämpfte Sokrates im Peleponesischen Krieg in mindestens drei Schlachten, und er beeindruckte seine Kameraden sowohl durch seinen Mut und kühlen Kopf, als auch durch seine Leidensfähigkeit.

Zurück in Athen galt er jedoch als Sonderling. Dort verwickelte er junge Männer auf der Straße in Gespräche und verblüffte jederman mit der Behauptung, dass er nichts wisse. Wenn es etwas gäbe, dass er den anderen voraus habe, so sei das eben jenes Bewusstsein des eigenen Unwissens. So manchem Besserwisser hat Sokrates mit der Mäeutik wohl die eigene Unzulänglichkeit bewiesen.

Nur aus wahrem Wissen könne moralisch einwandfreies Handeln erwachsen, dachte Sokrates. Das Handeln aber entspringt der inneren Stimme des Einzelnen. Die bestehende Ordnung, in der Staat und Religion die moralischen Maßstäbe setzen, zweifelte Sokrates an.

Der Überlieferung nach besaß Sokrates nicht einmal Schuhe. Er soll ziemlich häßlich gewesen sein und sein Frau Xanthippe hielt nichts von seinen Diskussionen auf dem Marktplatz. Einmal soll sie bei Sokrates´ Rückkehr sogar einen Eimer Wasser über ihn ausgeschüttet haben. Er dagegen denkt positiv:

Wie zahlreich sind doch die Dinge, die ich nicht brauche

sagt er, und macht Xanthippe ein sehr eigenwilliges Kompliment: Wer es nämlich mit ihr aushalte, der werde umso leichter mit anderen Menschen zurecht kommen.

Doch wer ständig Autoritäten in Frage stellt, lebt gefährlich. Als die Spartaner 404 v.Ch. Athen eroberten, kämpfte Sokrates gegen die Gewaltherrschaft. Der Prozess wurde ihm fünf Jahre später gemacht, als 399 v.Ch. die Demokratie wieder hergestellt war. Gotteslästerei und Verführung der Jugend lautete die Anklage. Die Geschichte endet damit, dass Sokrates im Gefängnis eine Fluchtmöglichkeit ungenutzt läßt und statt dessen einen Gifttrunk zu sich nimmt, den Schierlingsbecher. Er stibt im Kreise seiner Schüler denen er auf dem Sterbebett erklärt:

Der Körper ist sterblich, die Seele ist es nicht.

Niemand weiß, ob der große Denker dies wirklich geglaubt hat, oder ob er nur die Hinterbliebenen trösten wollte. Die Vorstellung von der unsterblichen Seele des Menschen jedenfalls wird Jahrhunderte nach Sokrates zu einem zentralen Dogma des Christentums…59-info@2x

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