Schalk wecken in Gengenbach

Es ist vollbracht! Vergangenen Samstag haben wir in Gengenbach den Schalk geweckt. Es war ´mal wieder eine großartige Veranstaltung und für mich zugleich der Startschuss in die diesjährige Fasent-Saison.

Im Gengenbacher Niggelturm (Hintergrund) hat der Schalk fast ein Jahr lang geschlafen. Nun wurde er mit viel Radau von seinem Volk geweckt. Dann versammeln sich alle in Nachthemden und mit Schlafmützen auf dem Marktplatz, um die Schlüsselübergabe durch den Bürgermeister zu beobachten.

Was auf den ersten Blick vielleicht aussieht wie das Jahrestreffen des Ku-Klux-Clans erweist sich bei näherer Betrachtung als ein überwältigendes, gemeinschaftliches Ereignis. Wie der Titel schon sagt geht es darum, den Schalk zu wecken. Der ist die wichtigste Figur der Gengenbacher Fasent, und bis zum Aschermittwoch wird er die Stadt regieren – und nicht etwa der Bürgermeister.

Damit das funktioniert, muss der Schalk allerdings erstmal aus dem Schlaf geholt werden. Fast ein ganzes Jahr hat er nämlich im schönsten Turm der Stadt geschlummert, im Niggelturm. Dort ist der Fasent im Rest des Jahres übrigens auf 7 Stockwerken ein ganzes Museum gewidmet, doch heute  interessiert das Keinen. Das Museum ist geschlossen und es geht nicht um die Theorie, sondern um die Praxis. Und die sieht so aus:

Ab 18:00 ziehen vom Bahnhof aus vorwiegend die Kinder des närrischen Gengenbacher Volkes durch die Stadt. Sie sind ausgestattet mit Rasseln, Kleppern, Töpfen, Deckeln und allem, was Krach macht. Denn darum geht es: Krach machen, bis der Schalk erwacht. Ganz Gengenbach versammelt sich dazu gegen 18:20 unter dem Niggelturm, und alle sind sie in der gleichen Tracht erschienen: Im Nachthemd nämlich, mit roten Halstüchern, Schlafmützen, und bunt gestrickten Socken dazu. Hemdeglunker hast diese Verkleidung, und wer dazugehören will, der hält sich auch an diesen „Dresscode“. Jetzt ist es Zeit, den Spruch anzustimmen, den hier jeder kennt:

Schalk wach uf, Schalk mach mit,
Schalk kum ra, s’isch Fasendszit

Doch der Schalk schläft tief. Und es braucht Dutzende Versuche. Immer lauter wird das Geschrei, dazu die Trommeln und die Rasseln – und ja – sogar ein Feuerwerk brennen die Gengenbacher ab, um ihren Schalk zu wecken. Es herrscht Gänsehautstimmung. Und die erreicht ihren Höhepunkt, als oben im Turm ein Licht erscheint und endlich seine Silhouette erscheint. Der Schalk steigt herab, klettert auf das Tor zur Straße, und grüßt sein Volk mit einem Spruch, in den sie alle einstimmen:

Hoorig hoorig hoorig isch de Bär,
un wenn de Bär nit hoorig wär,
dann wär er au kei Bär!

Schelle, schelle sechse alli alde Hexe – Narro!!!

Oh, du alder Lumpehund, hesch
nit g´wisst, wenn d´Fasend kunnt?
Hätt´sch di Mul mit Wasser g´riebe,
wär der´s Geld im Beutel bliebe! Narro!!!

Nun geht´s zum Marktplatz, wo Tausende von Narren sich versammeln und zuschauen, wenn auf dem Balkon des Rathauses der Schalk die Schlüssel vom Bürgermeister übernimmt. Was für eine Kulisse! Die Kneipen des wunderschönen Städtchens füllen sich, man stärkt sich für die Nacht und trinkt die ersten Gläschen, bald darauf beginnt die Party in dem riesigen Hexenkeller direkt unter dem Rathaus. Eintritt nur im Hemdeglunker – und das wird hoffentlich auch in Zukunft so bleiben!

 

  • Auf der Seite der Narrenzunft Gengenbach präsentieren sich Schalk, Hexen, Spättlehansel und andere Figuren des Fasent samt einer Geschichte, die bis ins Jahr 1499 zurück reicht.
  • In der Wikipedia finden sich einige ganz interessante Details zu Fasent in Gengenbach. Unter anderem habe ich dort erfahren, dass die Narrenzunft mit mehr als 1200 Mitgliedern (Stand 2013) der größte Verein der Stadt ist!
  • Einen schönen Bericht über die Traditionen der Gengenbacher Hexen fand ich in der Zeitschrift Narri-Narro.

Fasent in der Ortenau – was geht?

Sorry Duden, aber ihr liegt leider völlig falsch. Es heißt nicht Fastnacht, und nicht Fasching, und erst recht nicht Karneval. Hier geht es um die Fasent, und die ist nicht nur ziemlich anderes, sondern auch etwas ganz Besonderes. Im Übrigen geht die Fasent nicht nur sechs Tage, sondern der Spaß dauert mindestens einen Monat lang. Und dafür gibt es wohl nirgendwo auf der Welt eine ähnliche Vielfalt von Verkleidungen, Masken, Bräuchen und Traditionen wie bei uns – also in der schönen Ortenau und dem anschließenden Südschwarzwald. Historisch-theoretisch dreht sich alles darum, die Zeit zu feiern, in der man noch nicht fasten muss. Praktisch-realistisch gesehen ist es eine aufregende, bunte, spannende und gerne auch ´mal ausschweifende Zeit. Eine Gelegenheit, aus der eigenen Haut zu schlüpfen, Menschen (neu) kennen zu lernen, und zu feiern, (fast) ohne Ende. Das Angebot ist überwältigend.

Hoorig, hoorig, hoorig isch die Sau: Gemälde im Offenburger Hexenkeller (Copyright M. Simm)

Ärgerlich ist nur, dass es zwar mehrere Hundert Termine gibt, aber keine Übersicht, die alles klar und vollständig präsentiert. Am nächsten kommt dem wohl noch der „Narrenfahrplan“ der Vereinigung schwäbisch-allemanischer Narrenzünfte. Er hat 24 Seiten und kann hier im pdf-Format heruntergeladen werden.

Das kann man besser machen, habe ich mir gedacht, und für Euch eine Art Fahrplan für die Fasent-Saison 2020 erstellt. Er ist das Ergebnis eines guten Jahrzehnts eigener Erfahrungen in und um Offenburg, plus Internet-Recherchen und Gesprächen mit alten Hasen und Häsinnen, die sich in der Gegend auskennen.

Zeitlich spielt sich alles zwischen dem 1. Februar und dem 4. März 2020 ab. Als offiziellen Beginn der Fasent-Zeit sehen manche zwar den 11.11., doch dieses „närrische“ Datum hat für die schwäbisch-alemannische Fasent nur geringe Bedeutung. Schon wichtiger ist dagegen der 6. Januar, wenn mit dem Dreikönigstag die Weihnachtszeit offiziell endet. Dann werden in einigen Städten wie Villingen, Neustadt (Schwarzwald) und Frommern die Narrenkleider und Masken („Häs“) aus dem Keller geholt und entstaubt. Von da an geht´s „dagege“, also auf den Aschermittwoch zu. Ein Narrentreffen jagt das nächste, die Zahl der Umzüge und Feste wird unüberschaubar und erreicht etwa in der Woche zwischen „schmutzigem“ Donnerstag und dem nachfolgenden Aschermittwoch ihren Höhepunkt. Das wäre in diesem Jahr der 26. Februar. Während für Andere dann alles vorbei ist, setzen die Schweizer noch einen oben ´drauf: Sie feiern jeweils ab dem Montag drei Tage lang die Basler Fasnacht. Wow.

Jetzt aber wie versprochen zu Michels Fasent-Kalender. Möglichst viel Events will ich selbst besuchen und vielleicht schreibe ich dann auch hier ein paar Berichte (grün markiert). Weitere Tipps nehme ich nach Prüfung gerne in die Liste auf.

Samstag, 1. Februar: ab 18:00 Schalk wecken in Gengenbach 
Samstag, 8. Februar: ab 11:00 Narrentag in Offenburg
Samstag, 8. Februar: 20:30 Reblandtreffen in Ebersweier
Sonntag, 9. Februar: 14:00 Umzug Reblandtreffen in Ebersweier
Freitag, 14 Februar: 20:00 Rockschwoof in Fessenbach (Reblandhalle)
Samstag, 15. Februar: 19:00 Lumpenball in Haslach
Dienstag, 18. Februar: ab 20:00 Altweiberball in Appenweier
Mittwoch, 19. Februar: 19:00 Fasent-Ausrufen in Wolfach
Mittwoch 19. Februar: 20:00 Krankenhausball Rammersweier (Festhalle)
Donnerstag, 20. Februar: 6:00 Fasent-Daifi in Offenburg (Lindenplatz)
Donnerstag 20. Februar: 20:00 Hexenball in Zell-Weierbach (Abtsbergh.)
Donnerstag, 20 Februar: ab 20:00 Hermännle-Obend in Ortenberg
Samstag, 22. Februar: ab 11:00 Gugge-Explosion in Lörrach
Samstag, 22. Februar: ab 20:00 Kappeobend in Offenburg
Sonntag, 23. Februar: ab 10:00 Johrmärkt („Montenegro„) in Käfersberg
Sonntag, 23. Februar: ab 15:00 Umzüge und Straßenfasent in Elzach
Montag, 24. Febuar: ab 5:30 Schellemendig in Wolfach
Montag, 24. Februar: ab 20:00 Zunftball in Offenburg (Reithalle)
Dienstag, 25. Februar: 14:00 Hexenfraß – Schlussrambo Offenburg
Dienstag, 25. Februar: 17:00 Nasenzug in Wolfach
Samstag, 29. Februar: ab 14:00 Guggemonsterkonzert etc. Weil am Rhein
Montag, 2. März: 4:00 Morgenstraich etc. in Basel (bis 4.März)

P.S.: Bevor einer in den Kommentar schreibt „Aber in Köln…“ möchte ich anmerken, dass ich dort schon war, ebenso wie in Bonn, in Mainz und München, in Barcelona, New Orleans, Miami, und sogar in Panama (Rio fehlt noch und Basel werde ich dieses Jahr besuchen). Keine Frage: Auch anderswo kann man schön feiern, und ich wünsche Euch dabei viel Spaß. Aber wenn ihr später einmal auf dem Sterbebett liegt und feststellt, dass ihr die Fasent verpasst habt, will ich kein Gejammer hören. ICH hab´s Euch nämlich gleich gesagt 😉

  • Die Deutsche UNESCO-Kommission bringt das Wesen der Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht gut auf den Punkt
  • Der Narrenfahrplan 2020 der Vereinigung schwäbisch-allemanischer Narrenzünfte hat 24 Seiten und bietet wohl die längste Liste von Veranstaltungen
  • Ein gute Auswahl von Terminen in der Region hat auch die Brauerei Bauhöfer zusammengestellt. Darauf trink ich eine Schwaerzwaldmarie!
  • Es gibt sogar eine eigene Zeitschrift zur schwäbisch-alemannischen Fasent. Narri-Narro, heißt sie und hat wirklich viele tiefgründige Berichte, plus die gesammelten Sprüche, Predigten, und vieles mehr. Sehr empfehlenswert!
  • Google ist auch nicht schlecht. Bei mir lieferte das Stichwort „Fasnacht Terminkalender“ jedenfalls immer wieder zusätzliche, gute Treffer.