Eigentlich dachte ich, meine Campingzeiten lägen hinter mir. Schließlich habe ich 48 Lenze auf dem Buckel und fühle mich doch irgendwie lange schon eher als Reisender, den als Urlauber. Andererseits: Wer kann schon auf Dauer dem Werben eines Christof S. widerstehen, wenn dieser inmitten des langen deutschen Winters schier Unglaubliches verspricht: Sonne & Meer, Mountainbiken & Klettern, viel Wein & beste Unterhaltung im Kreise alter Freunde und netter neuer Bekanntschaften, Entspannung pur & all die Sehenswürdigkeiten der Cote d´Azur direkt vor der Haustüre?
Blick aufs azurblaue Meer vom Wanderweg ums Cap du Dramont
„Laß es uns tun“ entschieden wir nach reichlicher Überlegung und hängten uns dran an die Reservierung unserer Freunde für ein 27-Quadrameter-Mobile-Home auf dem Drei-Sterne-Campingplatz von Le Dramont. Der Stadtteil des sieben Kilometer entfernten St. Raphael liegt an der Küstenstraße RN 98 auf halbem Weg zwischen St. Tropez und Cannes, am Fuße des rot gefärbeten Esterel-Massiv und direkt neben dem Cap du Dramont. Und wer von dort während einer etwa 90minütigen Wanderung auf das Mittelmeer blickt, kann sich die Frage sparen, woher die Cote d´Azur ihren Namen hat.
Direkt nebendran lag „unser“ Campingplatz, an dessen grobkieseligem Strand alliierte Truppen im August 1944 an Land gingen. Eine Gedenktafel zur Operation Dragoon und ein Landungsboot sowie der Name des Strandes – Plage du Débarquement – erinnern noch an dieses Ereignis. Heute tront eine Überwachungsstation der französischen Marine – Semaphore genannt – auf dem höchsten Felsen über dem Ort und an den Hängen darunter haben jede Menge Kletterer ihren Spaß.
Unmittelbar vor der Küste liegt die malerische Ile d´Or und drum herum tummeln sich jede Menge Taucher, die auf dem Gelände des Campingplatzes eine internationale Tauchschule nutzen, sowie den unmittelbar daneben gelegenen kleinen Hafen. Zwar hab´ ich mit meiner Schnorchelausrüstung nichts wirklich Beeindruckendes gesehen, aber wahrscheinlich war ich nur am falschen Eck unterwegs. Schließlich sollen die hiesigen Gewässer ein Paradies für Taucher sein – komplett mit Edelkorallen, Muränen und anderem Getier. Außerdem liegen am Meeresgrund noch ein paar Wracks herum und man kann durch die Überreste einer Miniaturstadt tauchen, die in den 1960er Jahren als Kulisse für einen Film des Meeresforschers und Helden meiner Kindheit, Jacques Cousteau diente.
Mountainbiken ohne Ende – Dank sei Christof und seinem GPS!
Alles schön und gut, doch war für den Großteil unserer Truppe das Massif de l´Estérel weitaus attraktiver. Schließlich hatte fast jeder sein eigenes Mountainbike mitgebracht und nahm dankbar an den Touren teil, die Christof für uns ausgetüftelt hatte. So ging es hindurch zwischen roten Porphyrfelsen und alten Korkeichen, über Stock und Stein, durch ausgetrocknete Bachbetten und manchmal auch über sämtlich die Kräuter der Provence hinweg, auf unzähligen Singletrails und Forstwegen bergauf und bergab, bis alle Waden geputzt und auch das letzte Trikot durchgeschwitzt war. 26 Leute, fünf – zum Glück glimpfliche – Stürze und vier Reifenpannen auf einer Ausfahrt – das muss unserem Christof erst mal einer nachmachen!
Aber auch ohne Mountainbike läßt sich das Esterel-Gebirge genießen. Wir entschieden uns für eine Wanderung vom Parkplatz am Col-Belle-Barbe, der wenige Kilometer nördlich von Agay liegt, durch das Ende Mai noch ziemlich grüne Tal des Mal-Infernet bis zu einem kleinen Stausee, dem Lac de l´Ecureuile. Der war zwar wegen einer gebrochenen Staumauer ausgelaufen doch gab´s dafür auf dem Rückweg über die Hügel oberhalb des Tales noch wunderschöne Fernblicke und Kiefernduft als Zulage.
Habe gerade ein unglaubliches Video entdeckt, das der britische Tierfilmer Sir Richard Attenborough im Auftrag der BBC erstellt hat. Es zeigt einen Graurücken-Leierschwanz (Menura novaehollandiae), einen Singvogel der im östlichen Australien und auf Tasmanien vorkommt und der wie kein anderer Stimmen und Geräusche imitieren kann. Dabei gibt der Piepmatz nicht nur den Gesang Dutzender anderer Vogelarten wieder, sondern auch das Klicken von Kameras oder auch mal das Heulen einer Motorsäge – eben einfach alles, was er in seiner Umgebung so aufschnappt.
Und da ich erstens ein großer Attenborough-Fan bin, zweitens ein Vogelfreund und drittens denke, dass dies auch Euch faszinieren wird, habe ich das Video aus YouTube eingebunden:
Sorry wegen der Werbung im Video – da habe ich keinen Einfluss ´drauf und schlage vor, dass ihr sie einfach wegklickt. Mehr über Attenborough und dessen Werke habe ich übrigens in einem Beitrag über einen anderen abgefahrenen Vogel geschrieben, den Glatzkopf- Bülbül.
Etwa 80000 neue Bücher erscheinen jedes Jahr in Deutschland – und die meisten davon braucht kein Mensch. Ich denke, dies ist ein guter Grund, auf einen Klassiker hinzuweisen: Die „Gedankensammlung“ des 1882 verstorbenen Amerikaners Ralph Waldo Emerson, die unter dem Titel „Von der Schönheit des Guten“ erschienen ist. Wahrscheinlich hätte der Autor schon wegen seines „komischen“ Namens keine Chance, sich heute Gehör zu verschaffen. Niemand würde den ehemaligen Wanderprediger in eine Talkshow einladen. Unter den Marktschreiern und Eso-Päpsten unserer Zeit würde der Non-Konformist eingehen wie eine Primel.
Ralph Waldo Emerson: „Wer ein Mensch sein will, der muss Nonkonformist sein“
Emerson hat nie die große Bühne der Welt betreten, sein Leben hatte nichts Romanhaftes und nichts Romatisches, warnt sein Biograph Egon Friedell bereits im Vorwort des schmalen Bandes. „Die Grundeigenschaft, die Emerson als Mensch wie als Schriftsteller in gleichem Maße kennzeichnete, war eine ungeheure Selbstverständlichkeit, zu der alle aufregenden, auffallenden und überraschenden Züge nicht passen wollen“, schreibt Friedell. Emersons Leben sei im Gegensatz zu dem der meisten Menschen frei gewesen von Sprüngen, Rissen, unorganischen Beimengungen und Gewolltheiten, erfahren wir. Und dass er seine natürlichen Lebensbedingungen begierig aufgesucht habe, statt wie der Rest danach zu streben, sie willkürlich zu verändern. „Sein Leben floß mit der einfachen und ausgeglichenen Richtkraft eines Stromes dahin, der sich selbst sein Bett gräbt und durch die natürlichen Fallgesetze seinen Lauf bestimmt.“
Mich hat der 1882 verstorbene Emerson denn auch nicht mit seinen Taten beeindruckt, sondern mit seinen Gedanken, die kurzen Tagebuchnotizen entstammen und die mitunter als die „intellektuelle Unabhängigkeitserklärung Amerikas“ gepriesen werden. Dabei ist die lockere Form der Darstellung stark beeinflusst von einem anderen Querdenker, dem „Erfinder“ des Essays, Michel de Montaigne.
Wie Montaigne hat auch Emerson seine Gedanken bestimmten Themen zugeordnet. So schreibt er über Kunst und Kultur, Natur und Gesellschaft, Arbeit und Wohlstand, Liebe und Schönheit, Erfahrung und Erfolg, Freundschaft und Schicksal. Er denkt nach über Intellekt und Illusion, über Mut und Selbstständigkeit, über Frömmigkeit oder das Alter. Und er verrät uns seine Meinung über berühmte Zeitgenossen wie Goethe und Napoleon, ebenso wie über verstorbene „große Männer“, von Plato über Shakespeare bis zu Montaigne.
Nicht jede Meinung Emersons muss man teilen. Und mehr noch als die antiquierte Sprache verhindert die enorme Dichte der Ideen die schnelle Lektüre an einem verregneten Sonntag-Nachmittag. Doch wer bereit ist, diese kleinen Hürden zu überspringen, wird dafür mit jeder Menge tiefer Einsichten und Inspirationen belohnt. Meine Ausgabe des Buches habe ich mit zahlreichen Markierungen und Randnotizen versehen. „Von der Schönheit des Guten“ ist ein Buch zum Mitdenken und es zählt sicher zu den wenigen Werken, die mir das Gefühl geben: Einmal lesen ist nicht genug.
Gut möglich auch, dass Überlegungen, die mir wenig einleuchtend erschienen, anderen Lesern umso mehr Gewinn bringen (oder dass sie die eine oder andere Passage verstehen, die mir zu hoch erschien…). Warum ich „Von der Schönheit des Guten“ zu meinen Lieblingsbüchern zähle, wird hoffentlich durch die folgenden Zitate klar. Sie sind eine kleine Auswahl jener Passagen, die ich mir dick angestrichen habe. Und wer darin nichts Besonders finden kann, mag getrost auf die Lektüre verzichten.
Der Schöpfer des guten Buches ist der gute Leser. Ein guter Kopf wird nichts nutzlos lesen: in jedem Buche findet er vertrauliche Mitteilungen und Seitenbemerkungen, die allen anderen verborgen bleiben und die zweifellos nur für sein Ohr bestimmt sind…
Jedes Schiff ist ein romantischer Gegenstand, solange wir nicht darin sitzen. Steige hinein, und die Romantik flieht dein Fahrzeug und hängt sich an das Segel des nächsten Schiffes. Unser Leben erscheint uns trivial, und wir scheuen die Erinnerung daran. Der Mensch scheint vom Horizont gelernt zu haben, der auch die Kunst besitzt, immer zurückzuweichen und sich immer auf andere zu beziehen.
Es ist eine Täuschung, wenn man glaubt, daß die gegenwärtige Stunde nicht die kritische, die entscheidende Stunde sei. Schreibe es in dein Herz, daß jeder Tag der beste Tag des Jahres ist. Niemand hat vom Leben etwas ordentliches gelernt, solange er nicht weiß, daß jeder Tag Gerichtstag ist… Der allein ist reich, dem der Tag gehört.
… es gibt keinen Menschen, der nicht seinen Lastern zu Dank verpflichtet wäre, wie es keine Pflanze gibt, die sich nicht von Dünger nährte. Wir wollen nur eines: daß der Mensch sich veredle, und daß die Pflanze wachse und den Mist in schöne Blüten verwandle.
Der Verstand kann sich gerade so wenig selbsttätig entleeren, wie es eine Holzkiste kann. Der Wunsch, uns beim Sprechen den Bedürfnissen eines anderen anzupassen, kürt unseren eigenen Geist. Eine bestimmte Wahrheit hat von uns Besitz ergriffen und ringt mit allen möglichen Mitteln danach, sich zum Ausdruck zu bringen. Jedesmal, wenn wir etwas gesprächsweise von uns geben, vollbringen wir eine mechanische Arbeit, indem wir es leicht und handlich weiterbefördern. Ich schätze die mechanischen Leistungen des Gesprächs. Ein Gespräch ist Flaschenzug, Hebel und Schraube.
Andere Gedanken erschienen mir zunächst als Binsenwahrheiten, deren Tiefe sich erst bei einem kurzen Innehalten offenbarte. Ein Beispiel:
Alles Gute liegt auf der goldenen Mittelstraße. Die mittleren Regionen unseres Lebens sind die gemäßigten Zonen. Wir können in die dünne und kalte Luft der reinen Geometrie und der leblosen Wissenschaft klettern, und wir können in die Welt der Sinne herabsinken. Zwischen diesen beiden Extremen liegt der Äquator des Lebens, des Gedankens, des Geistes, der Poesie – ein schmaler Gürtel.
Als gelernter Naturwissenschaftler, Skeptiker und bekennender Gegner jeder Art von Eso-Quatsch, hat mir der folgende Ausspruch gut gefallen:
Flache Menschen glauben an Glück, glauben an äußere Umstände: irgend ein Name war schuld, oder man hätte damals gerade woanders sein sollen, oder es war damals so und an einem anderen Tag wäre es anders gewesen. Starke Menschen glauben an Ursache und Wirkung.
Jeder kennt sie. Die Nervensägen, Idioten und Blödmänner (im badischen heißen sie Dappschädel), die uns an den Rand des Wahnsinns treiben. Aber wer hätte schon jemals eine ähnlich tolle Beschreibung dieser Charaktere geliefert, wie Emerson?
Die Stupidität eines einzigen verdrehten Gehirns kann die besten Köpfe außer Rand und Band bringen, denn wir müssen ja mit seiner Albernheit kämpfen. Aber der Widerstand bringt den bösen Narren noch mehr in Saft, denn er glaubt, daß Natur und Schwerkraft völlig unrecht haben und nur er allein recht hat… Es ist wie in einem Boot, das zu kentern droht, oder in einem Wagen, an dem die Pferde scheu geworden sind: – nicht nur der verrückte Pilot oder Kutscher, sondern jeder Insasse ist gezwungen, die lächerlichsten und absonderlichsten Stellungen einzunehmen, um das Fahrzeug im Gleichgewicht zu halten und das Umstürzen zu verhindern. Wie sollten wir mit Leuten auskommen können, die nicht zu uns passen? Wenn wir mit ihnen zusammen bleiben, so ist der größte Teil unseres Lebens vergeudet, und unsere Erfahrung kann uns kaum etwas Besseres hierüber lehren, als unser erster Instinkt der Selbstverteidigung, nämlich: uns nicht mit ihnen einzulassen, uns in keiner Weise mit ihnen abzugeben, sondern ihrem Wahnsinn ruhig sein Lauf zu lassen.
Oder, aus aktuellem Anlaß:
… Wenn alle Menschen sich ausschließlich dem Bezahlen von Rechnungen widmen wollten, wäre das nicht eine Ungerechtigkeit? Hat man keine anderen Schulden als Geldschulden, und müssen alle übrigen Ansprüche hinter den Forderungen eines Wirtes oder eines Bankiers zurückstehen?
Bei gesunden wirtschaftlichen Verhältnissen fließt das Eigentum von selbst von den Faulen und Unfähigen zu dem Emsigen, Tapferen und Ausdauernden.
Solange unsere Zivilsation in der Hauptsache sich auf Eigentumsrechte, auf Einzäumungen und Absperrungen stützt, wird sie immer das Opfer von Enttäuschungen sein.
Nicht alles scheint mir frei von Widersprüchen, doch selbst die Selbstzweifel, die Emerson durchscheinen lässt, bereichern die Lektüre:
Obwohl diese ewige Geschwätzigkeit im Ratgeben uns angeboren ist, so muß ich dennoch gestehen, daß wir aus dem Leben mehr Verwunderung als Belehrung ziehen. Es greift soviel Schicksal, soviel unüberwindliche Macht des Temperamentes und unbekannter Eingebung in unser Leben ein, daß es zweifelhaft erscheint, ob wir aus unserer eigenen Erfahrung irgend etwas sagen können, womit einem anderen gedient ist…
Das hält den Dichter aber nicht davon ab, uns zu raten:
Hänge kein trauriges Bild an deine Wand und beflecke deine Reden nicht mit schwarzer Schwermut. Sei kein Zyniker und kein Prediger der Trostlosigkeit. Jammere und wehklage nicht. Lasse alle verneinenden Reden. Belebe uns durch unaufhörliches Bejahen. Erschöpfe dich nicht in Kritteleien und kläffe nicht gegen das Schlechte, sondern erzähle uns von der Schönheit des Guten.
Das ist ein guter Ratschlag, finde ich. Und die gute Nachricht ist, dass man für das Taschenbuch keine zehn Euro ausgeben muss, zum Beispiel hier, bei meinem Werbepartner Amazon.
Ok, ich gebe es zu. Ich hatte ´mal wieder einen Rückfall. Eigentlich wollte ich nämlich erst mal keine neuen Weine mehr kaufen. Wegen der miesen Geschäftslage, der stagnierenden Wirtschaft und weil mein Geld ja eigentlich gebraucht wird, um die Not leidenden Banken zu unterstützen. Aber dann habe ich mir gedacht: Wer weiß, ob es nächstes Jahr noch Wein zu kaufen gibt? Und außerdem: Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein und billigen Whisky. Wahrscheinlich ist das Geld in einigen Kisten Großer Gewächse ohnehin besser angelegt als bei 0,5 Prozent Zinsen auf dem Festgeldkonto. Kurzum: Wenn es um Ausreden geht, Wein zu kaufen, fällt mir immer ´was ein.
Vorfreude auf einen tollen Jahrgang: Michel mit Spätburgunder 2003
Also habe ich mich wieder zu einer Einkaufstour hinreißen lassen von der neuesten Ausgabe des Gault-Millau WeinGuide Deutschland und von meinem Lieblings-Weinhändler Pinard de Picard. Während der knapp 900 Seiten starke Schmöker längst zur Bibel für Weinfreunde geworden ist, sind die Geschäftsführer von Pinard de Picard zu Hohepriestern des Genusses aufgestiegen. Mit ihren Lobgesängen auf edle Tropfen und eigensinnige Winzer sorgen Tino Seiwert, Martin Lehnen und Ralf Zimmermann bei mir für feuchte Augen und zerballern ein ums andere Mal meinen Vorsatz, erst dann wieder einzukaufen, wenn die Vorräte zu Neige gehen.
Hier eine kleine Kostprobe zum „Schloßböckelheimer Felsenberg“, einem Großen Gewächs von Tim Schäfer-Fröhlich, der wiederum von GaultMilleau gerade zum „Winzer des Jahres“ gekürt wurde.: „Bei aller inneren Dichte und Urgewalt halten eine gebirgsquellklare Frucht (zurzeit dominieren gelbe Steinfrüchte), eine – noch beißende –, salzige, irre Mineralität und eine kristalline Frische diesen famosen Riesling in einem unsichtbaren Gravitationsfeld fest wie die Sonne ihre Planeten. Das ist urwüchsige Kraft ohne Schwere, laserstrahlartig gebündelte Energie! Aber auch eine lustvolle Opulenz! Und welch kühle Frische, die zärtlich die Zunge ummantelt, eingebettet in eine cremige, saftige Textur…“
Mann. Auch ich liebe Rieslinge, aber so rede ich ja nicht einmal über meine Freundin 😉
Jedenfalls schien es mir wieder einmal höchste Zeit, Vorsorge zu treffen für die langen Winterabende und um meine Freunde nicht zu enttäuschen, die immer gerne zu Besuch kommen. Außerdem brauche ich Wein für die Kochabende mit meinen Männerfreunden, damit ich trotz meines mangelnden Talents am Herd dabei sein darf. Wein kann ein abendfüllendes Gesprächsthema sein. Weinproben erweitern den Horizont, sei es beim Winzer oder wie in meiner Wahlheimat Offenburg in Form von Seminaren an der Volkshochschule (!). Und wenn ich selbst eingeladen bin macht es mir immer wieder großen Spaß, das Weltbild jener Leute ins Wanken zu bringen, die ernsthaft versichern einen gaaannz tollen Wein bei Lidl entdeckt zu haben – für € 2,99! Klar gibt es auch in Supermärkten tolle Weine und manchmal auch richtig günstige Angebote. Aber wer den hiesigen Winzern auch nur gelegentlich bei der Arbeit zuschaut, und wer sich ein wenig mit der Kunst des Weinbaus beschäftigt hat, kann doch nicht ernsthaft erwarten, für eine ordentliche Flasche weniger zu zahlen, als für ein Kilo Trauben auf dem Wochenmarkt oder für eine Dose „Red Bull“ an der Tankstelle.
„Aber das ist ja alles sooo kompliziert“, höre ich immer wieder als Antwort auf meine Versuche, anderen die Liebe zum Rebensaft zu vermitteln. Doch man muss ja nicht aus allem eine Wissenschaft machen. Ein gleichermaßen schönes wie hilfreiches Buch für Einsteiger ist zum Beispiel der „Weinkurs“ von Fiona Beckett. Das reich bebilderte Werk hilft, „Ihren“ Wein zu finden. Ob Frische oder Reife, Frucht oder Holz den Gaumen mehr erfreuen, kann man meist schon vor dem Öffnen der ersten Flasche erahnen. Im zweiten Schritt nutzt Beckett dann als Orientierungshilfe den Aromakreis, der sehr anschaulich darstellt, welche Geschmäcker und Gerüche im Wein vorkommen können und welche für die verschiedenen Rebsorten typisch sind. Ob Zitrus oder Feuerstein, Pfeffer, Honig oder Dutzende anderer Aromen – es hilft enorm zu wissen, was einem da womöglich alles in die Nase steigt.
Warum Wein so schmeckt wie er schmeckt, erläutert Beckett ebenso einleuchtend wie Fragen zur Auswahl im Restaurant, wie man seine Tröpfchen optimal lagert und stilvoll serviert, oder welcher Wein zu welchem Essen passt. Auf ihrer – englischsprachigen – Webseite „Matching Food and Wine“ bietet die britische Gastrokritikerin auch Hilfe bei Zweifelsfällen wie z.B. indischen Speisen, wo andere per Google gefundene „Experten“ mit ihren Statements nur Verwirrung stiften (Grauburgunder wäre richtig gewesen – wer hätte das gedacht?).
Noch einen weiteren Verbündeten im Kampf für mehr guten Geschmack möchte ich empfehlen: Kurt Gibel mit seiner genialen Fibel „Weine degustieren, leicht und spielend„. Hier lernt man die Kunst der Weinverkostung statt mit grauer Theorie vor allem anhand sinnlicher Zeichnungen auf den ausklappbaren Buchdeckeln. Sie leiten an, der Reihe nach Eigenschaften wie Transparenz und Oberfläche, Farbe und Intensität sowie natürlich den ganzen Strauß von Aromen zu erkunden. Auch wenn Sie gestern noch sprachlos ins Glas geschaut haben, werden Sie sich wundern, wie schnell man sich ein Urteil über Harmonie und Charakter eines Weines bilden kann. Und zu Weihnachten – das wäre meine Hoffnung – werden Sie dann selbst schon ein paar Flaschen auf den Tisch stellen, den Korken ziehen, das Glas füllen und seelig-besinnlich Ingwer-, Zimt- oder Muskatdüfte orten in dem körperreichen, aber harmonischen Roten der da den Gaumen umschmeichelt…
P.S.: Wer wissen will, was ich denn nun eigentlich eingekauft habe, und welche Weine und Winzer ich besonders empfehlen kann, muss sich noch ein wenig gedulden. Vorab und exklusiv habe ich darüber per Rundmail zunächst meine Freunde informiert, in der Hoffnung, dass auch die sich einige der feinen Tropfen in den Keller legen (und mir bei meinem nächsten Besuch servieren). Wäre ja auch zu blöd, wenn meine Predigt am Ende dazu führt, dass meine liebsten Winzer ausverkauft sind, bevor mein Eigenbedarf gedeckt ist 😉
Eigentlich habe ich für meine Reiseberichte die Rubrik „Unterwegs“ eingerichtet, doch dieser Trip war zu sehr Business und zu wenig Sight-Seeing, als ich dass ich daraus kluge Ratschläge schneidern könnte. Sechs Tage war ich in der „Windy City“ mit ihren rund neun Millionen Einwohnern, aber gefühlte fünfeinhalb davon habe ich in den Hallen des gigantischen McCormick Place verbracht, um heraus zu finden, was über 30000 Hirnforscher im vergangenen Jahr so alles entdeckt haben (Die Berichte dazu erscheinen nach und nach auf meiner geschäftlichen Webseite unter dem Stichwort „Society for Neuroscience“).
Tatsächlich war ich vor schlappen 27 Jahren mit einigen Freunden schon einmal hier gewesen. Doch da wir uns damals in den Kopf gesetzt hatten, binnen zehn Wochen ALLE Sehenswürdigkeiten der USA zu besichtigen, und weil wir überdies in einen üblen Feierabendverkehr gerieten, blieben uns für die drittgrößte Stadt des Landes nur lächerliche sechs Stunden. Das war genug, um das John G. Shedd Aquarium zu besuchen, für das wir vier Dollar zahlten (heute $ 25) und an das ich Null Erinnerung habe, obwohl es damals das größte Aquarium der Welt war 🙁
Dumm gelaufen, nix gesehen: Der Sears Tower im Nebel (Foto via Wikipedia)
Ein Steak mit Salat und Riesen-Ofenkartoffel kostete $ 3,50 – auch das ist Vergangenheit. Die Hauptattraktion war indes der Sears Tower, mit 110 Stockwerken und 443 Metern seinerzeit das höchste Haus der Welt. Schade nur, dass wir oben in den Wolken steckten und statt grandioser Aussicht nur gefühlte Höhe blieb 🙁 Seit Juli heißt der Sears Tower übrigens Willis Tower, weil der Versicherungsmakler Willis Group Holdings mit Sitz in London für den Namen mehr Geld zu zahlen bereit war, als die Kaufhauskette Sears. Die nannte den Namenswechsel übrigens „traurig“ (Danke, Wikipedia – ohne Dich wäre ich sowas von blöd).
Fast alles was ich sonst noch über Chicago wusste, habe ich dem Kultfilm „Blues Brothers“ zu verdanken. Wer ihn gesehen hat, weiß Bescheid, die anderen sind selbst schuld, denn sie haben unter anderem reihenweise Gastauftritte berühmter Blues- und Soulstars verpasst sowie die wohl noch immer beste Autoverfolgungsjagd der Filmgeschichte. Die innerstädtische Hochbahn, unter deren Stahlträgern diese Verfolgungsjagd zum Teil statt findet, steht noch immer und bildet zusammen mit den Metra Commuter Trains und ungezählten Buslinien ein sehr gut ausgebautes Nahverkehrssystem. Wer will kann aber auch mit dem Mietwagen die Stadtautobahn entlang des Lake Michigan fahren, kilometerweit durch dreispurige Tunnelsysteme navigieren oder sich durch das Einbahnstraßensystem im Zentrum kämpfen, wo die Parkgebühren während der Hauptgeschäftszeiten schon mal 14 Dollar erreichen können – für eine halbe Stunde!
Wer auf Hochhäuser steht, riskiert hier einen schiefen Hals. An all den unterschiedlichen Gebäuden und Stilen konnte ich mich gar nicht satt sehen. Anscheinend gibt es hier keine strengen Bauverordnungen, die Architekten konnten sich so richtig austoben, die Bauherren wollten sich gegenseitig übertrumpfen und heraus kam ein ziemlich grandioser Mix aus Glasfassaden und Steintürmen in den verschiedensten Farben, mal mit und mal ohne Zinnen, Türmchen und anderem Zierat. Manch einem mögen die Fassaden bekommt vor kommen, und dies ist kein Zufall. Zwei Batman-Filme, nämlich Batman Begins und The Dark Night nutzten beide die Kulisse der Stadt.
Unter den Betonhaufen, den Stahltürmen und dem Asphalt gibt es — noch mehr Beton, Stahl und Asphalt. Zusammen mit gut 30000 Kongressteilnehmern konnte ich dies aus den Bussen heraus beobachten, für die man eine kilometerlange unterirdische Trasse zum McCormick Place gebaut hat. Dieses Veranstaltungszentrum bietet Platz für 100000 Menschen; man könnte aber auch ein paar Kirchen darin parken. Es gibt mehrere Autobahnanschlüsse, Zug- und Metrohaltestellen, Souvenirshops, überteuerte Pizza und einen integriertem McDonalds wo offensichtlich die Weltmeister im Schnellbraten und -verkaufen von Hamburgern arbeiten. Selbst zu den schlimmsten Stoßzeiten musste keiner länger warten als eine Viertel Stunde.
Zimperliche Vegetarier werden in Chicago weniger Spass haben als die Freunde saftiger Steaks, lauter Sportbars und voller Bierhumpen. Mein Tipp: Think globally, drink locally. In Chicago bedeutet das, auf Heineken & Co. zu verzichten und statt dessen die verschiedenen Sorten der Goose Island-Brauerei zu probieren. Am besten schmeckt das Bier natürlich mit Live Blues-Musik, auch wenn womöglich ein Großteil der Kneipen ihre Existenz den Touris oder Kongressbesuchern wie mir verdanken. Spass gemacht hat´s trotzdem. Und wo, bitte, findet man noch eine „Charly Love Blues Band“ und eine Nellie „Tiger“ Travis, deren Ausstrahlung und röhrender Gesang einem Nackenschauer auf den Buckel zaubern? Schade, dass die Nacht im Blue Chicago so kurz und die Arbeitstage so lang waren. Ich hoffe auf ein Wiedersehen und dann – das habe ich mir fest vorgenommen – werde ich mehr Zeit für Chicago mitbringen.
Gestern im Europapark Rust: Strahlende Sonne bei 28 Grad, gefühlte 40000 Besucher und der älteste Sack von allen – bin ich 😯
Der Blue Fire ist eine von derzeit 13 Achterbahnen im Europapark Rust.
Aber was soll´s, versprochen ist versprochen und außerdem wollte ich es noch einmal wissen. Manche Leute kommen hierher, weil sie es süß finden, wie hier halb Europa in Form von liebevollen Nachbauten reproduziert wird, andere kommen wegen der Eventhotels und wieder andere wegen Partys, Kino oder Konzerten. Von mir aus. Ich aber bereise Europa lieber selbst, bevorzuge die Originale gegenüber den Kopien und hatte eigentlich nur einen Grund hierher zu kommen: Wer so wie ich ein eingefleischter Achterbahn-Fan ist, muss den Europapark in Rust einfach besucht haben, denn dort steht gleich ein halbes Dutzend dieser Teile (Anmerkung: Im Sommer 2017 sind es 13!).
In mehreren Hundert Kilometern Umkreis gibt es nichts vergleichbares, was auch die Schweizer und Franzosen längst entdeckt haben. Ob ich nicht ein wenig zu alt bin für solchen Kinderkram, höre ich Sie kopfschüttelnd fragen. Ach was! Schließlich hat es der NASA-Astronaut John Glenn mit 77 Jahren zum vorläufig letzten Mal in den Orbit und zurück geschafft. Warum sollte dann nicht ein halbwegs fitter 47-Jähriger ein paar Sekunden freien Fall durchstehen, gewaltige Beschleunigungen, Loopings und pulstreibende Ausblicke aus schwindelerregender Höhe?
Also los mit Nichte Kira, deren Freundin Celina und dem fast schon 15-jährigen Nicolas, der uns als Routinier durch die Besuchermassen von einer Attraktion zur anderen lotste, während die technischen Details und allgemein Wissenswertes aus ihm heraus sprudelten, als wäre er ein wandelndes Lexikon. Danke, Kids, das war ein gelungener Tag! Leider ist das Gefühl, in einer richtig guten Achterbahn zu fahren, nahezu unbeschreiblich. Deshalb kann ich jedem nur raten, es selbst einmal zu versuchen.
Trotz der ätzenden Ansteherei hat es Kira, Celina, Nicolas und mir gewaltigen Spaß gemacht und – nein, keinem von uns ist es so schlecht geworden, dass uns Zuckerwatte, Eis, Hotdogs oder sonstige Snacks aus dem Gesicht gefallen wären. Im Gegenteil: Ich habe Lust auf mehr und dies war sicher nicht mein letzter Besuch im Europapark. Nur eins habe ich mir geschworen: In den großen Ferien lockt mich so schnell keiner mehr hierher. Muss ich ja auch nicht, denke ich mir schelmisch auf der Heimfahrt. Ich komme in der Nachsaison oder in der nächsten Vorsaison und muss dafür nicht einmal die Schule schwänzen. Manchmal ist es eben doch ganz prima, ein alter Sack zu sein 😛
Vorbemerkung: Dies ist der erste Gastbeitrag auf meinem Blog. Danke, Antje, für Deinen Mut und für diese ganz besondere Rezension. Hier also die Buchbesprechung von Einer, die mitreden kann, weil sie dabei war! (MS):
Es ist schwierig dieses Buch für eine ganze Nation zu empfehlen, da es sich ausschließlich um die erlebte Kindheit eines 1972 Geborenen, in Ostberlin, handelt. Diese Geschichte ist aber so genial und ehrlich geschrieben, dass ich meine verlorene Kindheit in den Zeilen wiederfinde. Schon dafür möchte ich dem Autor ganz herzlich danken. In „Mauergewinner – 30 DDR Sättigungsbeilagen“ ist es Mark Scheppert gelungen, so zu schreiben, wie wir es als Kinder in der DDR empfunden haben, es erdulden mussten und wie es wirklich war. Ganz ehrlich und direkt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, denn das mussten wir ja lange genug.
Alle Erzählungen und Erinnerungen habe ich fast 1:1 erlebt. Es ist als hätte man nach 20 Jahren sein eigenes Tagebuch wiedergefunden. Mark Scheppert beschreibt den gnadenlosen DDR-Alltag mit all seinen schönen und weniger schönen Facetten. Natürlich ging es bei mir um Jungs-Geschichten wenn Mark von seinen Mädchen-Geschichten schreibt, aber das ist ja klar. Wenn er eine Schlägerei in der Mahrzahner Disco beschreibt, dann haben wir Mädchen um unsere Freunde gebangt und uns hinter dem nächsten Häuserblock versteckt. Die Alkohol- Exzesse seines Vaters kenne ich zum Glück nicht aus der eigenen Familie aber aus dem erweiterten Kollektiv meiner Eltern. Von den Details zur Stasi möchte ich mich distanzieren, da Mark diese Betrachtung aus meiner Sicht etwas verharmlost. Aber alles was wir als unschuldige Kinder sonst erlebt haben, ist in diesem Buch endlich mal festgehalten.
Was mir nach so viel Jahren beim Lesen aufgefallen ist, ist die einzigartige Sprache, die sich in diesem abgeschotteten Ossi-Land entwickelt hat und sich nach der Wende aber ebenso zurück entwickelt hat. Ich bin auf Bezeichnungen und Wörter gestoßen, die ich quasi 20 Jahre nicht mehr gehört oder gesprochen habe, das ist schon ein ganz besonderes Gefühl des Verlustes.
Da ich von einem guten „Wessi“ Freund aufgefordert wurde: „Hey schreib doch zu diesem Buch eine Rezension“, habe ich mich gefragt: Warum sollte ein sogenannter „Wessi“ dieses Buch lesen? Als 1972 gebürtige Ostberlinerin, die seit 19 Jahren in der BRD lebt und ihr Herz ans Badische Land verloren hat, war das Buch eine Offenbarung, eine Zeitreise in die Vergangenheit, ein unverfälscht-ehrlicher Blick auf die eigene Kindheit. Vielleicht hilft dieses Buch den Wessis, ihre Ossi-Freunde noch besser zu verstehen? Denn in „Mauergewinner“ spürt man die Angst schon beim Lesen, die von unseren Lehrern, Eltern und Vorgesetzten verbreitet wurde, man spürt das Vergessene, Tragische, was nie mehr wiederkommt, was aber auch niemand will. Dennoch fühlt es sich wie eine verlorene Kindheit an, die nur einzig und allein in diesem lustigen, manchmal sprachlich sehr derben, aber liebevollen Buch beschrieben ist.
Es ist ein sehr persönliches Buch. Es ist ein lustiges Buch. Es ist ein politisches Buch. Es ist ein geschichtliches Buch und es ist ein Stück Vergangenheit von 17 Millionen Deutschen. Vielleicht reichen diese fünf Gründe ja, sich den „Mauergewinnern“ hinzugeben.
Darf man das? Ein Buch besprechen, das man nicht zu Ende gelesen hat? Sei´s drum – dies ist mein Blog und hier mache ich, was ich will. Auf Seite 213 von 300 war meine Geduld mit „The Tipping Point“ von Malcolm Gladwell (gelesen habe ich die englischsprachige Taschenbuchausgabe) jedenfalls zu Ende und wenn ich es recht bedenke, verlor ich das Interesse an diesem US-Nationalen Nr. 1-Bestseller wohl schon in der Mitte des Buches. „Wie kleine Dinge Großes bewirken können“ lautet der Untertitel des Schmökers. Dies ist ein Thema, das mich interessiert und außerdem lag das Buch auf dem Tisch mit dem großen Schild „buy 1, get 1 half price“. Jetzt aber genug der Entschuldigungen.
Der „Tipping Point“, das ist laut Buchdeckel jener „magische Moment, an dem eine Idee, ein Trend oder ein soziales Verhalten eine Schwelle überschreitet, umkippt, und sich wie ein Flächenbrand ausbreitet.“ Die Suche nach Gesetzmäßigkeiten, die erklären könnten, wie es zu diesem Umkippen kommt, beschäftigt den Autor Malcom Gladwell, der zehn Jahre lang als Reporter für die Washington Post gearbeitet hat, erst als Wissenschaftsjournalist, und dann als Leiter des New Yorker Büros. Als Business-Ratgeber sei das Buch großartig, lobte denn auch ein Kritiker, denn der „Tipping Point“ stecke voller neuer Theorien über die Wissenschaft der Manipulation.
Epidemien, behauptet Gladwell, gingen immer von einigen wenigen Leuten aus. Claro, würde ich entgegnen, denn sonst wären es ja keine Epidemien. Aber Gladwell hat noch mehr entdeckt: die Schlüsselpersonen, die eine Epidemie verbreiten, ließen sich anhand ihres speziellen Charakters und ihrer Talente in drei Gruppen unterscheiden: Die „Connectors“, das sind grob gesagt Leute, die sehr viele Leute kennen. Die „Mavens“ sind diejenigen mit Ahnung. Experten also, oder wandelnde Lexika, die noch dazu ein tiefes Bedürfnis haben, ihr Wissen anderen mitzuteilen. Und natürlich dürfen auch die „Salesmen“ nicht fehlen – gute Verkäufer die eine Idee oder ein Produkt an den Mann bringen. Als Beispiel muss die Wiederentdeckung der Hush Puppies herhalten, einer Reihe von Schuhen, die jahrzehntelang immer weniger verkauft wurden und dann binnen weniger Jahre Bestseller wurden, nachdem ein paar New Yorker Jugendliche sie für cool befunden hatten. Auch die amerikanische Revolution, hätte Gladwells Logik zufolge nicht stattgefunden oder wäre anders verlaufen, wenn Paul Revere (er warnte die Kolonialisten vor den heran rückenden britischen Truppen) ein anderer Mann gewesen wäre.
Dann ist da noch die Feststellung „Little things can make a big difference“. Natürlich kann man, wie Gladwell das tut, große Ereignisse so lange unter die Lupe nehmen, bis man einen scheinbaren Schlüsselfaktor entdeckt, ohne den das Ganze nicht statt gefunden hätte. Man kann aber auch den Standpunkt vertreten, dass irgendwann das Fass voll ist und dass der berühmte Tropfen, der zum Überlaufen führt, jede x-beliebige Kleinigkeit sein kann. Gladwell geht den ersten Weg und arbeitet nach dem Motto: „Was nicht passt, wird passend gemacht“.
Zugegeben: Gladwell schreibt angenehm flüssig, sei Stil ist lebendig und er ist leicht verständlich. Aber sein Bemühen – oder sollte ich sagen, seine Masche? – Gesetzmäßigkeiten herzuleiten, wo andere lediglich den Zufall am Werk sehen, wirkt streckenweise sehr ermüdend und vor allem sehr unwissenschaftlich. Spannend wird es dort, wo der Autor über die Verbreitung von Aids und Syphilis schreibt oder über das plötzliche Verebben eine Welle von Gewaltverbrechen in New York City, nachdem Bernie Goetz in der U-Bahn vier Schwarze nieder schoss und dadurch fast zum Volksheld wurde. Allerdings hat man diese Erzählungen anderswo auch schon gelesen und es beschleicht einen der Verdacht, dass hier Dinge in ein Schema gepresst werden, um eine vorgefasste Meinung zu untermauern. Eine saubere Recherche oder gar wissenschaftliche Arbeit, bei der auch andere Erklärungsmöglichkeiten überprüft würden, sieht jedenfalls anders aus.
Geradezu absurd wird es, wenn am Beispiel der Sesamstraße minutiös-langatmig erklärt wird, wie deren Macher durch fleißiges herum experimentieren zum Erfolg kamen oder wenn die religiöse Gemeinschaft der Hutterer, die Armee und die Firma Gore-Tex dafür herhalten müssen, die Zahl 150 zur magischen Obergrenze für erfolgreiche Gruppenarbeit zu erklären.
Nein, Herr Gladwell, so geht das nicht. Der Ansatz ist löblich, die Frage wichtig, doch in der Ausführung halte ich dieses Projekt für gescheitert. Abgesehen von einigen netten Anekdoten habe ich von dieser Lektüre nichts zurück behalten außer der Verwunderung darüber, wie ein Buch mit derart löchriger und angreifbarer Argumentation auf Platz 1 der (amerikanischen) Bestsellerliste klettern konnte. Wer mir nicht glaubt und sich lieber eine eigene Meinung bildet, kann hier das Original oder die deutsche Übersetzung bestellen und hilft damit, weitere Kritiken zu finanzieren.
Was sind das eigentlich für Menschen, die Türken? Wie leben sie in ihrem Land? Und wie denken sie über sich, über uns, über Gott und die Welt? Fragen, die mich bislang allenfalls am Rande interessierten, wurden im Frühsommer 2009 auf einmal wichtig. Nicht als ahnungsloser Touri wollte ich den zweiwöchigen Urlaub in Istanbul und in Kiyiköy am Schwarzen Meer verbringen, sondern als Reisender. Respektvoll, aber nicht unkritisch. Mit wachen Sinnen und stets bereit, Neues zu lernen, meine Vorurteile zu überprüfen und gegebenenfalls auch zu korrigieren.
Löwer, der 16 Jahre lang Auslandsreporter des „Stern“ war, durchreiste für dieses Buch die Türkei von Ost nach West mit leichtem Gepäck um – so der Klappentext – „ihren Menschen nahe zu kommen und zu verstehen, wie sie sich und ihre Zukunft in Europa sehen“. Das Ergebnis sind 30 einfühlsame, elegant geschriebene Porträts äußerst unterschiedlicher Menschen. Der Weg führt von ebenso armen wie bescheidenen Bergbauern im Karcal-Gebirge an der Grenze zu Georgien über den bedrohlich-verschlossenen und ungastlichen Scheich Seyed Abdul Bakir in dem Dorf Menzil bis zur Powerfrau Zeynep Gül Aktas, die an der Börse von Istanbul täglich Millionen bewegt. Dazwischen mischt Löwer sich unter die Scharen von Touristen, die bei Sonnenaufgang die gewaltigen Steinskulpturen auf dem 2150 Meter hohen Berg Nemrut Dagi bewundern, und er trifft in Derinkuyu auf den einsamen Forscher Metin Göksen, der ihm seine Theorien über die unterirdischen Höhlenstädte Kappadokiens erläutert.
Löwer spricht mit strengen Militärs und ebenso strengen Vätern, mit Baulöwen am Atatürk-Staudamm wie auch mit Gastarbeitern, die nach Jahrzehnten harter Arbeit als alte Mäner aus Deutschland in ihr sterbendes Heimatdorf Mentes zurück gekehrt sind, um dort ihren Lebensabend zu beschließen. Der Autor widmet ein Kapitel den Nöten der Istanbuler Hausfrau Perihan Pinar und beschreibt deren Alltag ebenso spannend wie in einem anderen Kapitel den traumhaften Aufstieg des Teppichhändlers Fettah Tamince zum Besitzer der Nobelhotelgruppe Rixos. Löwer ist ein exzellenter Schreiber und so schafft er es, auf jeweils einigen wenigen Seiten, den unbequemen, weil kurdischen Verleger Fatih Tas genau so eindrucksvoll zu porträtieren wie den Umweltschützer Hayrettin Karaca, den jedes Schulkind in der Türkei als „Herr der Eichen“ kennt und dessen Stiftung TEMA heute mit 264000 Mitgliedern die zweitgrößte zivile Vereinigung des Landes ist.
Hans-Joachim Löwer gelingt das Kunststück, mit leichter Feder auf gerade einmal 200 Seiten mehr Wissen und Verständnis über die Türkei zu vermitteln, als jeder noch so gute Reiseführer. Sein Buch „Atatürks Kinder“ ist das Beste, das ich seit langem gelesen habe und es hat mir große Lust gemacht auf weitere Reiseberichte dieses hervorragenden Journalisten.
Nachtrag: Wenn wir von hervorragenden Journalisten reden, darf Peter Scholl-Latour nicht fehlen. Der hat sich nämlich früher als andere mit dem heraufziehenden Konflikt zwischen dem Islam und der westlichen Welt befasst. Sein Reisebericht „Allahs Schatten über Atatürk: Die Türkei in der Zerreißprobe. Zwischen Kurdistan und Kosovo“ stammt zwar aus dem Jahr 1999 und ist damit nicht mehr ganz taufrisch. Angesichts des immensen Wissens und des gewaltigen Erfahrungsschatzes Scholl-Latours steht dieses Buch jedoch in meiner „Leseliste Türkei“ noch immer ganz weit oben.
Als Einstimmung und Vorbereitung zu einem Besuch in Istanbul habe ich mir dieses Buch gekauft, angelockt auch von den Lobgesängen auf dem Buchdeckel: „Ein wunderbares Istanbuler Lesebuch“, wird dort aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zitiert und in der Frankfurter Rundschau urteilte der Rezensent: „Ein fesselnder Liebesroman mit Istanbul in der Rolle der Geliebten.“
Um es vorweg zu nehmen: Angesichts der beeindruckenden Biographie des Autors – Orhan Pamuk ist nicht nur der einzige türkische Nobelpreisträger für Literatur sondern er wurde auch vor Gericht gezerrt und mit Todesdrohungen überhäuft, weil er sich kritisch mit der Vergangenheit seines Landes auseinander gesetzt hat – bin ich von dem Buch ziemlich enttäuscht.
Mir erscheint das Werk als die seltsame Verquickung einer Biographie aus Pamuks Kindheits- und Jugendtagen einerseits sowie dem melancholischen Blick auf Istanbul andererseits. Das Wort, das mir im Gedächtnis bleibt ist „Hüzun“ für eine spezifische Gefühlsregung, die sowohl Melancholie und Niedergeschlagenheit umfasst, in der aber andererseits auch eine Zuneigung für diese Stadt mitschwingt, die sich sowohl aus dem Verfall und der vermeintlichen Unterlegenheit gegenüber dem Westen speist, wie auch aus dem Rückblick auf eine unwiederbringliche Glanzzeit.
Eingeflochten sind Beschreibungen von Pamuks Gefühls- und Familienleben sowie die Versuche anderer, meist westlicher Künstler, die Stadt zu beschreiben.
Die Hoffnung, aus diesem Buch einen Nutzen auf den bevorstehenden Urlaub zu ziehen wurde enttäuscht und obwohl der Schmöker mehr als 400 Seiten umfasst, hat er bei mir nur eine sehr diffuse Ahnung hinterlassen, was es bedeutet, in dieser Stadt als (reicher, der westlichen Lebensart zugeneigter) Türke zu leben.
„Istanbul“ enttäuscht mich sowohl als Biograpie, wie auch als Stadtporträt und ich kann dem Buch allenfalls Mittelmäßigkeit bescheinigen. Wer sich lieber ein eigenes Urteil bildet, kann es z.B. bei Amazon bestellen und gerne auch im Kommentar seine eigene Rezension hinterlassen.
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