Höhlenmalerei

Die älteste bekannte „Kunstsammlung“ der Welt ist mehr als 32000 Jahre alt und wurde erst 1994 entdeckt: Die im Flusstal des südfranzösischen Ardeche gelegene Höhle von Chauvet birgt nahezu 500 gravierte und gemalte Bilder von Tieren und Symbolen. Offensichtlich müssen Menschen schon lange vorher erste Versuche zur Malerei unternommen haben, denn diese Art von Kunst ist wohl kaum über Nacht entstanden:

Chauvethorses
Pferdeköpfe in der Höhle von Chauvet, entstanden ca. 31000 v. Ch.

Andere Bilder zeigen Löwen, Panther, Nashörner, Bären, Hirsche und Mammuths, sowie gelegentlich auch Menschen. Gemalt wurde mit Holzkohle sowie mit Ocker in unterschiedlichen Farbtönen. Obwohl mehrer tausend Jahre dazwischen liegen, ähnelt der Stil jenem in der wohl berühmtesten Steinzeithöhle, der 1940 entdeckten Höhle von Lascaux bei Montignac (Departement Dordogne).

An ihren Wänden zählten Archäologen rund 2000 Zeichnungen von Tieren und Symbolen (ca. 600 gemalt, der Rest geritzt). Die Höhle von Lascaux war für die Öffentlichkeit zwar nur zwischen den Jahren 1948 und 1963 zugänglich, bevor sie geschlossen wurde, um Schäden an den Bildern zu vermeiden. Es gibt allerdings inzwischen eine Nachbildung im Museum für Prähistorische Kunst Le Thot bei Montignac und einen gut gemachten animierten Rundgang durch die Höhle, die man somit auch vom eigenen Rechner aus erkunden kann.

Natürlich gibt es zahlreiche Spekulationen darüber, welche Bedeutung diese Malereien für ihre unbekannten Schöpfer hatten. Besonders häufig hört man, sie hätten wohl geglaubt, mit den Bildern Macht über ihre Beutetiere zu bekommen – eine Art Zauber also, um bei der Jagd erfolgreich zu sein und nicht hungern zu müssen.

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Ganze Herden von Tieren sind auf diesem Bild aus der Höhle von Lascaux zu sehen (Foto: Prof saxx / Wikipedia)

Besser gefällt mir die Erklärung von Horst Woldemar Janson, dem Verfasser des dicksten und besten Buches über Kunst, das ich besitze (The History of Art):

Wann haben Menschen damit begonnen, Kunstwerke zu schaffen? Was waren ihre Gründe? Wie sahen diese frühesten Künstler aus? Jede Geschichte der Kunst muss mit diesen Fragen beginnen – und mit dem Eingeständnis, dass wir sie nicht beantworten können.

Gerade einmal 10 von 1000 Seiten widmet Jason der Steinzeitkunst, als wolle er uns zeigen, wie wenig wir wissen. Immerhin steht fest, dass die Kunstwerke im Jungpaläolithikum entstanden sind, dem jüngsten Abschnitt der Altsteinzeit. Das genaue Alter der Höhle und der Zeichnungen von Lascaux ist aber noch nicht geklärt. Ursprünglich ging man von 17000 bis 19000 Jahren aus, neuere Funde in der Höhle wurden aber auf das Zeitalter des Solutréen datiert (18000 – 220000 v. Ch.), und einer der renommiertesten Lascaux-Forscher, Norbert Aujoulat, hält die Bilder sogar für noch älter.


Interessant für den Kunsthistoriker ist, dass zwar alle Bilder als Silhouetten gemalt wurden. Manchmal erkennt man aber auch den Versuch, perspektivisch zu zeichen. Einige Tiere sind nämlich fast komplett von der Seite abgebildet, die Hörner aber zeigen zum Betrachter. Mit Schwarz, Orange, Gelb und Rot war die Farbpalette der Steinzeitmaler ziemlich begrenzt. Man nutzte Mangan- und Eisenoxide aus der näheren Umgebung. In der berühmtesten Kammer der Höhle, dem Saal der Stiere, misst das größte Gemälde mehr als fünf Meter. Eindeutig zu erkennen sind in Lascaux Auerochsen, Hirsche, Pferde, Bisons, Katzen sowie zahlreiche weitere Tierarten. Unter all den Bildern ist nur ein einziger Mensch zu erkennen. Offenbar ein Jäger, der von seiner Beute verletzt wurde.

Die Höhle von Lascaux zählt zum Weltkulturerbe der Menschheit und ist seit 1998 von einem schwarzen Pilz bedroht, der trotz Gegenmassnahmen bislang nicht unter Kontrolle gebracht wurde und erste Schäden an den Bildern verursacht hat.

Schon 72 Jahre vor Lascaux war im Norden Spaniens die Höhle von Altamira entdeckt worden, die ebenfalls zahlreiche Malereien enthält, und die etwa von 16000 – 11000 v. Ch. genutzt wurde. Altamira war damit die erste Höhle, in der prähistorische Malereien entdeckt wurden. Anfänglich hielten die meisten Experten die Bilder für Fälschungen, weil sie den „Steinzeitmenschen“ derartige Kunstwerke nicht zugetraut hatten. In Altamira kam es durch die Besucherströme zu noch schwereren Schäden als in Lascaux, sodass die Höhle für die Öffentlichkeit gesperrt wurde. Auch Altamira ist Weltkulturerbe. Originalgetreue Kopien der Höhle findet man heute in unmittelbarer Nähe, aber auch im Archäologischen Nationalmuseum Spaniens (Madrid) sowie im Deutschen Museum in München.

 

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