GR 221 – 10. Estellencs – Banyalbufar

Nach der gestrigen „Route der Steinmännchen“ von Ses Fontahelles bis Estellencs bin ich froh, heute nur eine leichte Etappe vor mir zu haben. Zwar verliere ich dadurch den Anschluss an Sandra, Martin und Tim, die heute etwa doppelt so weit laufen wollen. Dafür brauche ich aber keinen Wecker zu stellen, kann am Morgen noch ein paar Mails erledigen und bin nach der Ankunft in Banyalbufar so erholt, dass ich noch einen Stadtrundgang, ein fettes Törtchen und natürlich ein gemütliches Bierchen einschieben kann. Dazu noch die wenig beeindruckende Statistik, heute ´mal vorne weg: 6,5 Kilometer mit 328 Höhenmetern in 2:12 Stunden.

Die Route hat heute einen ganz anderen Charakter als gestern: Es ist keine Steinwüste mehr sondern man bekommt Ausblicke auf die vielen Terrassen -natürlich in Trockenbau aus Steinen aufeinandergesetzt. Dann folgen hauptsächlich Waldwege, wie meine geschundenen Knie dankbar registrieren.

Erst muss man zwar stadtauswärts wieder zwei Mal an der ungeliebten Straße Ma-10 entlang. Dann aber geht es rechts bergauf und am Wegesrand gibt es erst Zitronen- und dann jede Menge uralte Olivenbäume zu sehen, die in einem Wettbewerb um die knorrigsten Figuren zu stehen scheinen.

Knorrige Olivenbäume am Wegesrand (Copyright 2017, Michael Simm)

Nach den ersten 1,5 Kilometern läuft man zumeist im Schatten, wobei die kleinen Palmen hier dem Ganzen schon fast einen subtropischen Charakter verlieren. Zum Glück ist die Temperatur viel angenehmer. An diesem 1. April sind es 16 Grad bei bedecktem Himmel. Im Gegensatz zu vielen anderen Strecken dürfte es hier im Sommer ganz gut auszuhalten sein. Erst der letzte Kilometer ist dann wieder so ein Kniekiller; steil und steinig geht es bergab zum Zielort Banyalbufar.

Es hätte schlimmer kommen können. Bis ins vorige Jahr hinein mussten gesetzestreue Wanderer nämlich einen Großteil der Strecke auf der Straße laufen. Ein Rechtsstreit mit dem Besitzer der Finca Es Rafal hatte seit 2004 den freien Durchgang verhindert, entnehme ich dem Mallorca-Magazin. Erst als zahlreiche Zeugen bekundeten, dass dieser uralte Weg schon immer frei und öffentlich gewesen sei, fällte das Gericht in Palma sein Urteil zugunsten der Wanderfreunde und der beiden Nachbargemeinden, die bis dato wegen des eigensinnigen Finca-Besitzer auch Umsatzverluste beim Tourismus hinnehmen mussten.

Als wollte man diesen Sieg gebührend feiern ist die heutige Etappe die erste mit duchgehender Beschilderung. Mit anderen Worten: Man bräuchte nicht einmal eine Wanderkarte. Ich finde, das sollte für einen offiziellen Fernwanderweg ebenso selbstverständlich sein, wie für jede x-beliebige Autobahn. 

Damit genug gebruddelt für heute. Lieber noch etwas Klugschisserei: Der Name Banyalbufar entstammt laut meinem Reiseführer dem maurischen und bedeutet „Der kleine Weingarten am Meer“, wobei dieser Garten mit seinen rund 2000 Terrassen noch immer mithilfe eines uralten Systems aus Zisternen und gemauerten Kanälen bewässert wird. Früher wurde hier der Malvasier-Wein angebaut, über den die Wikipedia schreibt: „Dieser Wein war nicht umsonst am Hofe der Könige von Aragón bevorzugt, für Jaume I. soll es mit ein Grund gewesen sein, die Insel zu erobern.“

Banyalbufar am GR 221 auf Mallorca: 552 Einwohner teilen sich etwa 2000 Steinterrassen (Copyright 2017, Michael Simm)

Probieren geht über studieren, denke ich mir. Checke ein im Hostal Baronia, das mit seiner genialen Sonnenterrasse just am heutigen Tag, dem 1. April aufgemacht hat. Ich schaue den Mehlschwalben zu, die zeitgleich mit mir eingetroffen sind. Und ich lasse mich trotz einiger weiterer Optionen im Ort dazu überreden, auch im Hostal zu Abend zu essen. Ein gutes Argument sind 13 Euro für das 3-Gänge-Menü. Da bleibt noch genug Geld für eine Halbliterflasche mallorquinischen Wein. Der „Son Bordils Negre“, Jahrgang 2010 aus dem 40 Kilometer entfernten Inca ist dunkel wie Stierblut, intensiv und powert ohne Ende.

Dem Wein verdanke ich es auch, dass ich in meiner doch eher kalten Kemenate mit ihrer schwachbrüstigen Heizung die Nacht gut überstehe, und tags darauf die nächste kleine Etappe nach Esporles frohen Mutes in Angriff nehmen kann...

GR 221 – 09. Ses Fontahelles – Estellencs

Den Wecker hätte ich heute nicht zu stellen brauchen, denn der Hahn war schneller. Immerhin war der Gockel ziemlich nah dran an der gewünschten Weckzeit von 7:00. Zum Frühstück um 7:30 hatte man uns ermahnt, pünktlich zu sein, sonst wäre der Kaffee kalt. Das haben wir denn auch gleich verstanden, als wir im schönen, aber unbeheizten Frühstückssaal vor unseren Brötchen saßen. So schafften wir lässig den Check-Out-Termin von 9:00 und – weil ich ja einen Ruf als Eigenbrödler zu verlieren habe – ließ ich Sandra, Martin und Tim schon ´mal den Berg hinauf kraxeln.

Inklusive einer kleinen Variante über den 928 Meter hohen Gipfel Mola de s´Esclop  („Der gewaltige Holzschuh“) würden mich heute 15 Kilometer Distanz und 890 Höhenmeter erwarten, entnahm ich der GR 221-Wanderkarte. Etwa ein Viertel davon ist als Bergpfad / Wandersteig ausgewiesen, und laut unserem Gastgeber würde uns dort eine Steinwüste erwarten, in der die Orientierung schwer fällt. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich schon den Kollegen hinterher hecheln, und bin gespannt, wie ich das durchstehe.

„Im Frühtau zu Berge“ will ich noch schnell auf Facebook posten, um mir Mut zu machen und Zuspruch von meinen Freunden einzuholen. Dumm nur, dass unsere Herberge ja in einem Funkloch liegt, wie ich mich erinnere. Also los. Steil bergauf, 600 Höhenmeter auf den ersten beiden Kilometern. Relativ schnell verschwindet der Pfad unter Geröll, und spätestens jetzt bin ich den Mallorquinern dankbar für ihre Steinmännchen.

Wo ist das Steinmännchen? Die Orientierung ist diesem Gelände wäre ohne diese Markierungen noch schwieriger (Copyright 2017, Michael Simm)

Besser als jedes Schild funktionieren die kleinen Pyramiden hier oben, und alle paar Schritte freue ich mich, 30 Meter weiter den nächsten zu sehen. So geht das etwa eine Stunde lang. Zwischen zwei Gattern, die es zu übersteigen galt, wird es dann grüner und leichter, danach aber geht es wieder steil bergan – sogar mit einer leichten Kletterpassage.

Fall Ihr hier durchkommt: Nach dem zweiten Gatter und vor einer großen Gruppe entwurzelter Bäume geht es über eine kleine Mauer rechts hoch. Jetzt heißt es wieder „Steinmännchen gucken“ und im Schweiße seines Angesichts den Berg erklimmen. Die Kollegen von heute früh hatte ich da zu meinem eigenen Erstaunen überholt und konnte nun stolz von oben her den Weg weisen. Die erwähnte Kletterpassage ist zwar nicht schwer, aber ausgerechnet da, wo man die Hände braucht, ist der Boden abwechselnd bedeckt mit Disteln und mit Ziegenkötteln.

70 Meter unter dem Esclop gabelt sich der Weg und ich schlage die freundliche Einladung von Sandra, Martin & Tim aus, sie auf den Gipfel zu begleiten. Die Ausrede war, dass ich ja den GR 221 machen will, und den müsste ich dann für etwa einen Kilometer verlassen, und alle meine Aufzeichnungen stimmen dann nicht mehr, und überhaupt.

Auf der Karte sah mein Weg genau so weit aus, wie der über den Gipfel, und beide waren hier noch als Bergpfad gekennzeichnet. Als beim Zusammentreffen der beide Wege am Coll des Quer weit und breit niemand zu sehen war, ist der Eigenbrödler-Michel natürlich weiterspaziert. Bergab ging es über einen Hang, der dekoriert war mit zahlreichen schwarzen Baumstümpfen, die an den großen Waldbrand von 2013 erinnern.

Dann wird der Wanderweg breiter und verläuft aus einer Höhe von 650 Metern fast den ganzen Rest der Strecke abfallend auf holprigen Fahrwegen und Schotterpisten. Zwei Mal muss man ein kleines Stück an der Ma-10 entlang laufen und erblickt dann am Hang liegend endlich das schöne Dorf Estellencs mit seinen zahlreichen Terrassen. Diesen zweiten Teil der heutigen Strecke fand ich nicht so toll, und musste mich dann noch über einen Materialschaden ärgern:

An meinem Deuter Futura 28 Rucksack, den ich heute den fünften Tag auf dem Buckel habe, ist die Schnalle für den Bauchgurt gebrochen. Ziemlich schwache Leistung, Herr Deuter. Die Folge ist natürlich, dass ich den Gurt nicht mehr zuziehen kann und der Rucksack dann nicht mehr richtig auf der Hüfte sitzt. Und das bedeutet, dass ich die nächsten acht Tage schwerer zu tragen habe und meine Schultern noch mehr leiden müssen.

Die Idee, vielleicht mal schnell bei Amazon Ersatz zu bestellen und in meine nächste Unterkunft schicken zu lassen scheitert an der Lieferzeit. Und auf der Webseite von Deuter finden ich bei „Händlersuche International“ nur eine Adresse in Spanien. Und die ist nicht in Palma, sondern in Madrid. Bin gespannt, ob ich für diese Schnalle wenigstens nach der Rückkehr Ersatz kriege und tröst mich mit dem Gedanken, dass das Material schneller schlapp macht, als ich.

Für die Statistiker möchte ich noch kurz erwähnen, dass es heute (gemessen mit der App Runtastic Pro) „nur“ 11,3 Kilometer und 656 Höhenmeter waren, für die ich satte 4:19 an reiner Gehzeit gebraucht habe.

Jetzt bin ich jedenfalls in Estellencs, das wie so viele Dörfer in diesem Teil der Insel an einem steilen Hang liegt. Hunderte von Jahren haben die Einwohner hier das Gelände terrassiert, doch die einzige Terrasse für die ich mich jetzt interessiere, liegt gegenüber meinem Hotel. Vom Vall Hermos hat man einen erhebenden Blick über das Meer, und es ist der ideale Platz für mein Ankunftsbier.

Überhaupt finde ich hier alles prima. In meinem Hotelzimmer im Maristel habe ich vom Balkon aus ebenfalls Meeresblick, sogar ein Spa gibt es hier, mit einem kleinen Pool, Hottub und Sauna. Dafür fehlt mir aber die Zeit, denn ich muss erst noch meine stinkigen Socken waschen, auf dem Balkon zum trocknen ausbreiten, und essen gehen, bevor hier alles dicht macht.

Ich folge der einzigen Empfehlung meines Reiseführers ins Restaurant Montimar, nur wenige Schritte von Hotel und Bierterrasse entfernt. Hier gibt es malorquinische Spezialitäten, und auf der Speisekarte stehen Lamminnereien ganz oben. Was bin ich froh, dass mittlerweile meine Wanderbekanntschaft Sandra aufgetaucht ist, denn Paella gibt es sogar in Spanien erst ab zwei Personen. Um uns herum lauter zufriedene Gäste. Ob Kaninchen oder Ferkel, der Koch versteht sein Handwerk.

Früh geht´s ins Bett-was soll man auch machen an einem Freitagabend in einem Ort ohne Kneipe? Noch ein Blick auf die Wanderkarte und die Gewissheit, dass es morgen nur eine kurze Etappe zu laufen gibt. Meinen Wanderkollegen ist der Weg nach Banyalbufar zu kurz oder sie haben weniger Zeit als ich und laufen deshalb morgen gleich durch nach Esporles. Mir doch egal. Ich bin hier auf Reisen und leiste mir den Luxus, jeden Tag in meinem eigenen Tempo zu gehen…

GR 221 – 08. Sant Elm – Sa Trappa – Ses Fontahelles

Angesichts einer etwas längeren Etappe habe ich den Wecker auf 7:15 gestellt – und prompt überhört. Dann kam auch noch per Mail zur Frühstückszeit Arbeit ins Haus. Aber da ich diese Tour ja auch als Probelauf für einen möglichen späteren Lebensabschnitt als digitaler Nomade betrachte, war dies eine ganz gute Übung. Einfach noch den Text redigieren und dafür den Abmarsch eine Stunde nach hinten verlegen. Habe ich gedacht.

Und jetzt ratet mal, wer am dritten Tag seiner Tour zum zweiten Mal vergeblich auf den Bus wartet? Inzwischen ist 12 Uhr durch, und ich sehe keine andere Möglichkeit, als wieder ein Taxi zu nehmen. Der Fahrer verdient sich seine 12 Euro in Rekordzeit. Anders gesagt: Er fährt wie eine gesengte Sau von Port d´Andraxt nach Sant Elm.

Na ja. Um 12:30 beginne ich endlich die heutige Etappe von der Bushaltestelle in Sant Elms über das zerfallene Kloster Sa Trappa zur Wanderherberge Ses Fontanelles. Der erste Kilometer führt sanft auf einer Fahrstraße durch den Wald bergan. Ab dem zweiten Kilometer beginnt der „richtige“ Wanderweg, dessen Grenzen durch viele längs liegende Äste und gelegentliche Steinmännchen markiert sind. Steil geht es bergauf und bei Kilometer 2,5 fließt zusätzlich zum Schweiß auch noch das Adrenalin.

You never walk alone – jedenfalls nicht auf dem Weg Sant Elm nach Sa Trappa.

Hier gibt es eine kurze, laut Wanderführer leichte, Kletterpassage die über die Felsen sehr nah an einem ziemlich tiefen Abgrund entlang führt. Nicht so gut für Leute mit Höhenangst, aber für so manches ergraute Pärchen offenbar kein Problem. Kurz danach blickt man auch schon auf die Ruine des Kloster Sa Trappa. Hier soll irgendwann einmal eine Wanderherberge entstehen. Geplant ist sie seit 2009. Meinem Wanderführer „präsentierte sie sich mehrfach als Baustelle“, und als ich dort vorbei lief, waren dort zwar viele Wanderer, aber keine Bauarbeiter. Pfui.

Die Aussichten aber waren wieder toll, der Weg ab hier nur sanft an- und absteigend und schwer zu verfehlen. Nächster Höhepunkt war dann der Mirador (=Ausssichtspunkt) d´en Josep Sastre. 450 Meter unter mir liegt das Meer, und im Westen wirkt die Insel Sa Dragonera aus dieser Perspektive noch zackiger, als sie ohnehin schon ist.

Eine Einzelwanderin beschämt mich damit, dass sie heute früh mit dem Bus von Palma nach Port d´Andraxt gefahren und dort in den GR 221 eingestiegen ist. Somit hat sie schon ´mal 7,5 Kilometer mehr als ich in den Beinen und ist an diesem Tag auch noch die einzige, die mich überholt! Später treffe ich Sandra wieder, wir stellen fest, dass wir heute das gleiche Ziel haben, und die Schmach lässt etwas nach als ich erfahre, dass sie bereits im Kaukasus und im Himalaya trecken war…

Erst am Putxet des Guixers – ca. 14 Kilometer nach dem Beginn des GR 221 – sehe ich das erste Schild, auf dem dieser Fernwanderweg ausgezeichnet ist. Von hier geht es dann recht easy auf einem Fahrweg bis zum Coll de Sa Gramola, wo ich die Straße Ma-10 treffe. Auf der Karte verläuft der Weg gestrichelt (für „in Planung“) an der Straße entlang, und es bleibt mir nichts anderes übrig, als den unzähligen Mietwagen und Rennradfahrern entgegen zu laufen, die hier hochkommen. Erst nach einem Kilometer gibt es wenigstens einen Grünstreifen an der Straße, und bald darauf erreiche ich die schön gelegene Herberge Ses Fontahelles.

Etwa 12 Kilometer und 650 Höhenmeter liegen hinter mir, gebraucht habe ich dafür 4:20 netto.

Freundlich begrüßt uns der deutsche Inhaber und zeigt uns die Räumlichkeiten: Den großen Schlafsaal für 12 Leute – heute nur mit vier Wanderern belegt, den Frühstücksaal und das Glöckchen am Haupthaus, das man läuten muss, um ein Bier zu bekommen. Alles sehr gepflegt, mit Chill-Out-Area, einem hauseigenen Mirador mit Blick aufs Meer, und nicht zuletzt: Einem ordentlichen Bad, heißes Wasser inklusive.

Noch zwei Wanderer sind heute hier: Vater & Sohn alias Martin & Tim. Die haben etwas größere Rucksäcke als ich und holen daraus zu meiner Überraschung allerlei Grillzeug hervor, das sie sogar teilen wollen. Die Versuchung ist groß, aber ich bleibe bei meiner Diät, die heute und morgen aus zwei mitgebrachten Baguettes und ein paar Nüssen besteht.

Morgen wird´s dann richtig hart, erfahre ich übereinstimmend von meinen Mitwanderern: Sandra hat eine Spezialkarte nur für den GR 221, deren Maßstab zwar 1:50000 ist, dafür aber auch alle Tagesetappen beschreibt. Was da drin steht, verrate ich Euch im nächsten Bericht zur Strecke Ses Fontahelles nach Estellencs. Und wer´s verpasst hat findet hier eine Übersicht zu den bislang sieben Beiträgen für meine Wanderung auf dem Trockenmauerweg.

GR 221 – 07. Sa Dragonera & mehr

Erneut genieße ich das üppige Frühstück und den freundlichen Service im Hostal Catalina Vera, arbeite ein wenig am Laptop und nehme dann den 10:50-er Bus nach Sant Elm. In Andraxt, wo ich umsteigen muss, kommt der Anschluss-Bus zu spät. Ich laufe durch die Gassen, suche und finde ein Taxi. Für 13 Euro geht es dann nach Sant Elm zur Bootsablegestelle. Nur um festzustellen, dass ich dort zeitgleich mit dem Bus ankomme, der offenbar just in dem Moment mit 20 Minuten Verspätung ums Eck kam, als ich mich auf die Suche nach dem Taxi machte…

So schaue ich in Sant Elm dem 11:45-Boot hinterher und habe an diesem Morgen nicht nur 13 Euro verloren, sondern auch wertvolle Zeit für mein Tagesziel, Sa Dragonera. Ich setzte um 12:15 über und zahle für eine Strecke, die man fast schon schwimmen könnte, wiederum 13 Euro. Nein, das letzte Boot zurück um 15:00 darf ich auch nicht nehmen, denn das ist schon voll, belehrt mich der gut gelaunte Abkassierer auf dem Boot. Ich bekomme ein Ticket für 14:30. Wieder ist eine halbe Stunde weg, sodass mir gerade noch zwei Stunden bleiben…

Dafür, dass ich mir das antue und unbedingt auf Sa Dragonera will, habe ich ein halbes Dutzend Gründe:

  1. Ich war noch nicht dort.
  2. Ich mag Inseln.
  3. Ich mag Naturparks – und dies ist einer von nur dreien auf Mallorca.
  4. Ich mag Tiere und ganz besonders Vögel – und hier soll es gleich mehrere seltene Vogelarten geben.
  5. Eigentlich gehört Sa Dragonera bereits zu dem Gebirge, das ich durchwandern will. Es ist sozusagen ein im Meer gelegener Vorposten der Serra de Tramuntana.
  6. Der Blick auf Sa Dragonera vom höchsten Punkt der gestrigen Wanderung war so umwerfend, dass auch dies meinen Wunsch bekräftigt hat, dort einen halben Tag zu verbringen.

Das Schicksal in Form eines unpünktlichen Busfahrers, unflexibler Bootstourenanbieter und strenger Zugangsregeln haben dann dafür gesorgt, dass der halbe Tag auf zwei Stunden geschrumpft ist.  Also runter vom Boot, rein ins Wärter-Häuschen und gleich den ersten Ranger dort gefragt, wo ich denn die besten Chancen hätte, einige der seltenen Vogelarten zu sehen?

Nun gibt es hier genau drei Wege: Einen kurzen und flachen zum nördlichen Leuchtturm, einen etwas längeren und flachen zum südlichen Leuchtturm, und den steilen Weg zum höchsten Gipfel mit seinen 386 Metern. Ja, ihr habt richtig geraten: Die beste Stelle zur Vogelbeobachtung sei dort oben, kurz unter dem alten Leuchtturm Faro Vell auf dem Gipfel, erklärte mir der junge Mann.

Ich hab´s versucht und schaffte doch nur drei Viertel der Strecke. Dabei war der Weg nicht zu verfehlen mit wunderschönen Ausblicken und im unteren Teil noch dazu einem Meer gelber Blüten.

Blick vom Puig de Far Vell auf der Insel Sa Dragonera zur nordwestlichen Küste von Mallorca (Copyright 2017 Michael Simm)

Was die Tierwelt angeht, so wurden laut Ranger an diesem Tag Eleonorenfalken gesichtet, Korallenmöwen, Gelbschnabelsturmtaucher, Balearensturmtaucher, sowie Mittelmeermöwen und Kormorane. Gesehen habe ich davon ca. 5000 Mittelmeermöwen und zwei Kormorane – beides Arten, die es auch daheim gibt, und die in die Kategorie „nichts besonderes“ gehören.

Zum Trost gab es gefühlt eine Milliarde Baleareneidechsen am Boden. Sie wuseln hier überall auch in den Ritzen der Steinmauern, erklimmen sogar Blumen und kleine Sträucher. Vor allem aber scheinen sie Mutproben zu mögen. Alle paar Schritte gab es welche die austesten wollten, wer gerade noch so unter meinen Sohlen durchwitschen konnte, ohne zerquetscht zu werden. Keine Sorge: Ich habe keine einzige platt gemacht.

Zwar habe ich auf Sa Dragonera weniger gesehen als erhofft, dennoch würde ich diese Insel unbedingt empfehlen und werde auch selbst einen zweiten Anlauf machen, sollte ich mal wieder in die Gegend kommen.

Wieder zurück in Sant Elm futterte ich eine Pizza bei Tigy´s, der zwar ordentlich und relativ preiswert ist, aber nicht so gut, wie die 8,4 Punkte in meiner Foursquare-App mich hoffen ließen. Die nächste Enttäuschung bereitete mir dann das Wassertaxi nach Port d´Andraxt, mit dem ich um 16:00 zurück wollte. Im Gegensatz zu meinem Bus am Vormittag kam es nicht zu spät. Sondern gar nicht.

So fand ich mich 75 Minuten später im gleichen Bus wieder wie am Vortag und wäre mit Umsteigen in Andraxt eine Stunde darauf im Hostal gewesen. Unzufrieden mit der Ausbeute des heutige Tages – um nicht zu sagen trotzig – habe ich mir dann aber spontan überlegt, dass ich doch lieber nach Hause laufen wollte. Und zwar nicht entlang der Straße Ma-1, sondern über die Serra de Binjorella östlich davon, wo auf meiner Wanderkarte ein verheißungsvoller Weg eingezeichnet war.

Dumm nur, dass mein Einstieg für diesen Weg am südlich von Andraxt gelegenen Coll Andrixtol nur über die Ausfallstraße in Richtung Peguera zu erreichen war. So musste ich zunächst jenseits der Leitplanken durch den Müll stapfen, den Touris und Einheimische hier reichlich hinterlassen haben. Wie üblich gab es keine Hinweisschilder, und erst im dritten Anlauf begriff ich, dass da, wo „Coll“ steht auch eine Erhebung gemeint ist.

Falls Euch also ebenfalls der Hafer stechen sollte und ihr es mir nachtun wollt: Der Weg geht vom höchsten Punkt der Verbindungsstraße rechts ab, ist ziemlich breit mit Anfangs weißem Untergrund, und schlängelt sich dann den Hang hoch in Richtung mehrerer Sendemasten. Wenn man ganz oben vor der verschlossen Tür des Geländes steht, liegt ein schmaler Weg links weniger Meter unterhalb, der durch ein wenig Kraxelei zu erreichen ist.

Ab hier wird es richtig schön. Man sieht zunächst südlich in der Ferne das Cap Andritxol, gerät dann aber auf die andere Seite des Hügels und schaut in das Tal zwischen Andraxt und Port d´Andraxt. Verfehlen kann man den Weg jetzt eigentlich nicht mehr; im Zweifelsfall folgt man den Spuren, die einige Mountainbiker hier hinterlassen haben. Kurz vor Port d´Andraxt kommt man durch Obstgärten in Richtung Straße und an dieser entlang die letzten paar Hundert Meter ans Wasser.

Für mich war´s damit dann auch mehr als genug für heute. Die morgige Tour von Sant Elm über Sa Trappa bis zur Wanderherberge Ses Fontahelles wird lang und endet offenbar in einem Funkloch. Außerdem gibt es dort nichts zu essen. Deswegen werdet ihr wohl bestenfalls übermorgen wieder von mir hören, wenn ich von Ses Fontahelles nach Estellencs gelaufen bin und in die Zivilisation zurückkehre. 

GR 221 – 06. Port d´Andratx – Sant Elm

Der erste Tag meiner Wanderung auf dem GR 221 beginnt mit blauem Himmel, einer Idealtemperatur von 18 Grad und einem feudalen Frühstück in meiner Unterkunft, dem Hostal Catalina Vera. Da ich hier noch zwei Übernachtungen vor mir habe, kann ich einen Teil meines Gepäcks zurück lassen und laufe mit geschätzten fünf Kilogramm auf dem Buckel zum Wasser.

Freunde, die ohnehin schon über meine Planungswut lächeln, beglücke ich gleich mal mit der ersten logistischen Panne: Zwar habe ich mein Navigationsgerät Teasi One2 geladen und eingesteckt – nur leider fehlt die Landkarte für Spanien, ohne die ich mit den tollen GPS-Daten nichts anfangen kann. Ich erinnere ich mich, das Kartenmaterial daheim am PC herunter geladen zu haben. Dumm nur, dass ich es dann offenbar nicht auf mein Gerät überspielt habe…

Sei´s drum: Mit dem Teasi war ich ohnehin nie so richtig zufrieden, und an diesem Tag erweist sich mein Handy mit der App von Outdooractive als vollwertiger Ersatz. Irgendwo auf der Strecke verliere ich das Teasi dann auch noch – als ob ein grimmiger Wandergott mir sagen wollte: “Konzentriere Dich auf das Wesentliche.“

Tu ich ja auch. Laufe durch Port d´Andraxt auf die andere Seite der Bucht und suche den Einstieg in diese Fernwanderung. Laufe daran vorbei, und versuche, als ich den Fehler bemerke, quer durch den Ort den Wanderweg zu erreichen. Vergeblich. Anscheinend gibt es keine Durchgangsstraße, also geht es wieder zurück ans Wasser bis von dort die Straße Carrer de Aldea Blanca abzweigt. Meine Karte und der Wanderführer sagen übereinstimmend, dass er hier beginnt, der GR 221.

Zu meinem Ärger gibt es nicht den kleinsten Hinweis. Kein Schild, keine Markierung, geschweige denn eine große Übersichtstafel, wie man sie bei uns an jedem Waldparkplatz findet. Dafür, dass wir jetzt gleich ein Schutzgebiet betreten, das als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde, und dafür, dass die EU alleine in den Jahren 2015 – 2020 fette 61 Millionen Euro für die Entwicklung des ländlichen Raumes spendiert hat, finde ich das eine ganz schwache Leistung, meine lieben Mallorquiner!

Falls Ihr also irgendwann einmal an dieser Stelle stehen solltet: Lauft die Carrer de Aldea Blanca hinauf, folgt der zweiten Abzweigung Cami de Calat d´Egos nach links und aus dem Ort heraus, immer steil bergauf und gelegentlich die vielen Kehren des Fahrweges schneidend. Den Spuren nach zu urteilen, donnern hier auch häufiger Mountainbiker bergab – die jedoch entweder lebensmüde sind oder zu den fortgeschrittenen Anhängern dieses Sports gehören.

Oben erreichen wir ein Joch, das Coll des Vents und werden mit den ersten schönen Ausblicken belohnt. Ein recht breiter, teils bewaldeter Weg führt am Westhang des Puic d´en Ric entlang und man sieht bereits den Sendemast in der Nähe des Pas Vermell. Dort an der steilen Felswand zu stehen und auf die zackigen Bergrücken der „Dracheninsel“ Sa Dragonera  zu schauen, war für mich der Höhepunkt der heutigen Etappe.

Highlight der ersten Etappe: Die Dracheninsel Sa Dragonera, gesehen vom Pass Vernell [Copyright 2017 Michael Simm]
Ein wenig suchen musste ich an diesem Eck aber schon wie es weiter geht, und insbesondere, wo der Einstieg in den Abstieg ist. Wie bereits gesagt gibt es hier Null Wanderschilder, und die sporadisch auftretenden roten Punkte an manchen Felsen stammen nicht etwa von der hiesigen Verwaltung, sondern von den Anbietern verschiedener – oft geführter – Touren. Als zuverlässiger erwiesen sich im Rückblick die Steinmännchen am Wegesrand, auch wenn ich sie am Anfang eher für eine Spielerei, denn für Wegweiser gehalten habe.

Der Weg war gut begangen, aber nicht überlaufen. Die meisten Wanderer Deutsche und gefühlt doppelt so alt wie ich. Das dürfte auch erklären, dass mich heute keiner überholt hat, obwohl ich bei steilen Stellen ´ne ziemliche Schnecke bin.

Rund drei Stunden hat die Etappe mit ihren 400 Höhenmetern gedauert, 2:45 waren es ohne Pausen. Gemessen habe ich von der Carrer de Aldea Blanca in Port d´Andratx bis zur Bushaltestelle beim Strand von Sant Elm. Die Entfernung  habe ich sowohl mit meiner App Runtastic Pro auf dem Handy gemessen – da waren es 7,65 Kilometer – als auch mit meiner Fitnessuhr Vivoactive HR von Garmin. Die vermeldete einen ganzen Kilometer mehr, was mir falsch erscheint. Im Zweifelsfall solltet ihr vielleicht dem Müller Wanderführer Mallorca glauben, dort sind es 7,5 Kilometer.

Eigentlich ist für Wanderer ja der Weg das Ziel. Aber der Ankunftsort Sant Elm ist auch sehr reizvoll, und so war ich nicht undankbar, dass der Bus zurück erst um 17:10 ging und ich somit vier Stunden Zeit hatte. Der kleine Ort, den Erzherzog Ludwig Salvator einst als schönsten von ganz Mallorca lobte, hat sogar einen Sandstrand, was entlang der Nordseite der Insel eine wahre Rarität ist. Richtiger Badebetrieb herrschte aber noch nicht, es war Ende März und kaum einer traute sich ins Wasser.

Dafür sitzt man gut in einem der vielen Eiscafés, trinkt ein Bierchen oder freut sich an der guten Küche. Ich war sehr zufrieden mit Es Moli, wo ich ein hervorragendes dreigängiges Mittagsmenü für 15 Euro hatte – freundlichen Service inklusive. Heim gekommen bin ich dann mit dem Bus über Andraxt, wo ich umsteigen musste und die halbstündige Wartezeit noch mit einem Kaffee verkürzt habe.

Abends dann noch ein wenig arbeiten am Laptop und natürlich bloggen über den heutigen Tag. Gut, dass ich mir Zeit genommen habe für diese Tour. Bin schon gespannt auf morgen, wenn ich Sant Elm erneut besuchen werde (mit dem Bus) und von dort mit dem Boot die unbewohnte Insel Sa Dragomera besuche.

GR 221 – 05. Die Anreise

Verschiedene Billigflieger landen auf dem imposanten Flughafen von Palma de Mallorca. Ich kam mit EasyJet vom Euro-Airport in Basel-Mulhouse zum Schnäppchenpreis von € 44 für Hin- und Rückflug, den ich im Januar mit acht Wochen Vorlaufzeit gebucht hatte, natürlich online. Aber obacht: Ich reiste nur mit Handgepäck.

Sie können EIN Handgepäckstück mit einer maximalen Größe von 56 x 45 x 25cm einschließlich Griffen und Rollen mit an Bord nehmen.

Normalurlauber werden sich schwer tun, das Zeug für 14 Tage in einen Tagesrucksack zu stopfen – und die zahlen dann für jede Richtung nochmals 30 Euro zusätzlich! Im Abschnitt „Ausrüstung“ verrate ich Euch, wie ich es geschafft habe, all meinen Krempel in einen Tagesrucksack zu packen. Und im Laufe dieser Reise werde ich erfahren, ob das funktioniert…

Jedenfalls betrug die reine Flugzeit 1:50 Stunden. Für die gesamte Anreise von meiner Offenburger Haustüre inklusive Bahnfahrt nach Basel und Bus zum Flughafen sowie auf Malle ebenfalls mit dem Bus nach Port d´Andraxt und die restlichen paar Meter zum Hotel war ich 9 Stunden unterwegs. Die Bahnfahrt war übrigens nicht im Flugpreis enthalten – auch das sollte man mit einkalkulieren, wenn man einen Billigflieger nimmt. So kamen bei mir trotz Sparticket und Bahncard 25 gleich noch weitere € 40 für die Hin- und Rückfahrt Offenburg-Basel dazu. 

Verrückte Zeiten: für die 130 Kilometer zum Flughafen und den Bus zu meinem Hotel zahle ich damit ebenso viel, wie für die knapp 1300 Kilometer Luftlinie zwischen den Flughäfen Basel und Palma de Mallorca. Anders gesagt: Bahnfahren ist zehn Mal so teuer wie Fliegen!

Wie dem auch sei: Auf dieser Reise kommt es mir nicht auf die Geschwindigkeit oder die Entfernung an. Ich schalte zwei Gänge zurück und werde in den nächsten zwei Wochen hauptsächlich zu Fuß unterwegs sein. Nur ab und zu zwingen mich die Logistik und ein schmaler Geldbeutel dazu, am Ende einer Wanderetappe auf dem Trockenmauerweg fremde Hilfe zu nutzen, um zur nächsten Unterkunft zu kommen.

Da ich eine Streckenwanderung mache und keine Rundwanderungen, würde mir ein Mietwagen dafür nichts nutzen. Taxis sind zwar billiger als bei uns. Noch günstiger ist es nach meinen Recherchen aber, den Bus zu nehmen. Unterstützt wird man dabei von der Verkehrsgesellschaft Concorci Transports Mallorca (CTM), die eine prima Webseite, unterhält, wo man sowohl das Streckennetz als pdf-Datei herunterladen kann, als auch viele Vorschläge für Ausflüge mit den öffentlichen Verkehrsmittel findet – und dies sogar in deutscher Sprache!

Busfahrten auf Mallorca sind relativ preiswert,und es gibt auch noch Rabatte für Vielfahrer. Die Voraussetzung dafür ist aber eine sogenannte Intermodalkarte. Wie das genau funktioniert hatte ich bei meinen Vorrecherchen nicht wirklich verstanden, immerhin wusste ich aber, dass diese Karte in den Informationsstellen des Intermodalbahnhofs in Palma erhältlich ist. Dies ist praktischerweise jener zentrale Bahnhof, der vom Flughafen aus auf dem Weg zu meinem ersten Hotel liegt. Busse dorthin verkehren alle 16 Minuten, brauchen 20 Minuten und kosten € 5 Euro.

Bis zu diesem Bahnhof lief alles glatt und nach Plan. Dann sagte man mir, ich solle erstmal eine Nummer ziehen. Und natürlich brauchte gleich der erste der sieben Leute vor mir länger, um sein Ticket zu kaufen, als ich für einen verdammten Bus. Nun ja, nach einer knappen Stunde und sogar auf deutsch beraten habe ich dann doch noch eine Intermodalkarte gekriegt und durfte sie bei einem weiteren Schalter auch mit dem Guthaben aufgeladen. Insgesamt 33 Euro latze ich für eine T20 Netzkarte, die 20 Fahrten über jeweils 2 Tarifgebiete erlaubt.

Warum es schlau ist, solch eine Karte zu haben, erfahrt ihr hoffentlich in den weiteren Kapiteln, jetzt geht es erst einmal weiter nach Port d´Andratx. Auf dem Bahnhof liegen Züge und Busse eng beieinander, alles wirkt sauber und hervorragend organisiert. Nur leider bekommen wir keinen Expressbus mehr, sondern statt dessen eine Tour durch sämtliche Orte zwischen Palma und meinem eigentlichen Ziel. Am Ende brauchen wir fast 90 Minuten für die geschätzt 25 Kilometer Luftlinie nach Port d´Andraxt.

Mein Hotel dort für drei Übernachtungen ist das Hostal Residència Catalina Vera, empfohlen von meinem Malle-Reiseführer aus dem Müller-Verlag und gebucht über Hotels.com. Preislich liegt es am unteren Ende der Skala für diesen schönen, aber leider auch recht teuren Ort. Die Einrichtung ist geschmackvoll, im Garten wachsen Zitronenbäume, die Leute sind freundlich und alles fühlt sich gleich familiär und gemütlich an. Das Hostal liegt nur zwei Straßen von der Meerespromenade entfernt. Außerdem sind jede Menge Bars, Restaurants und auch drei Supermärkte in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen – was natürlich auch daran liegt, das Port d´Andraxt ziemlich überschaubar ist.

Eine freundliche ältere Dame, die hier im Aufenthaltsraum die Stellung hält, muss ins Bett, und ich somit gleich den W-LAN-Bereich verlassen. Aber das passt schon. Zwar bin ich noch keinen Meter auf dem GR 221 gewandert, aber morgen steht die erste Etappe an. Also gehen wir jetzt alle ins Bett und wenn ihr wollt, erzähle ich Euch, wie´s weitergeht.

GR 221 – 04. Die Ausrüstung

Stolz wie Bolle bin ich, weil es mir gelungen ist, die Ausrüstung für mein Wanderprojekt GR 221 in einem Tagesrucksack unterzubringen. Nur neun Kilogramm wiegt er, ein weiteres Kilogramm dürften meine Wanderschuhe und die Klamotten ausmachen, die ich am Leibe trage. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so wenig Zeug gepackt zu haben für einen Urlaub, der inklusive Hin- und Rückreise immerhin 16 Tage dauern wird!

Die Übung in Genügsamkeit hat gleich mehrere Vorteile: Erstens spare ich Geld, denn bei meinem Billigflieger EasyJet hätte sich der Flugpreis mehr als verdoppelt, wenn ich einen richtigen Koffer oder auch nur einen größeren Rucksack gebraucht hätte. Zweitens muss ich auf der Wanderung natürlich weniger mit mir herumschleppen. Und drittens kann ich gleich mal üben, ob ich tatsächlich mit einem kleinen Rucksack auskommen würde, wenn ich mich wirklich einmal entschließen sollte, mein Geld als digitaler Nomade zu verdienen.

Zu diesem Test gehört auch, meinen Laptop mitzunehmen. Ohne den fühle ich mich sowieso nur als halber Mensch, wie manch leidgeprüfter ehemaliger Reisegefährte bescheinigen kann. Aber so kann ich bloggen und zur Not auch für meine Kunden da sein.

Jetzt aber wie versprochen die Ausrüstung, als Liste, wo möglich auch gleich verlinkt mit Amazon, wo ich einen großen Teil meiner Sachen einkaufe.

Mehr braucht es nicht für 14 Tage Wanderurlaub. Hoffentlich.

GR 221 – 03. Der Plan

Ja ja. Ich weiß schon. Pläne sind für Bürokraten. Pläne töten die Kreativität. „Nur ein Idiot hält Ordnung – ein Genie beherrscht das Chaos“, und natürlich der Klassiker

Der Mensch plant und das Schicksal lacht darüber!

Klopft Ihr nur Eure Sprüche, ich mache lieber einen Plan, als einen Haufen Zeit und Geld zu verschwenden für eine Reise, bei der ich wie Inspektor Clouseau von einem Fettnäpfchen ins nächste springe, wo ich ständig vor verschlossenen Türen stehe, das Beste verpasse oder ausgenommen werde wie eine Weihnachtsgans. Und erst Recht nicht brauche ich den Chor der Klugscheisser, der mir nach der Rückkehr triumphierend erklärt: „Das hätte ich Dir gleich sagen können“.

Nicht mit mir! Auf den vorherigen Seiten konntet Ihr bereits lesen, warum ich den GR 221 wandern will, und wie ich geplant habe. Auf einer weiteren Seite habe ich meine Ausrüstung gelistet (alles passt in einen Tagesrucksack!), und hier findet Ihr nun den Tourplan als Ergebnis meiner geistigen Klimmzüge, verlinkt zu den Berichten über jede einzelne Etappe.

Tag Strecke km HM Zeit
01 (Anreise)* 1450    9:00
02 Port d´Andratx – Sant Elm  7,7 400 2:44
03 (Parc Natural de sa Dragonera)**  11,0 420 3:20
04 Sant Elm – Sa Trapa – Ses Fontahelles  11,3 656 4:20
05 Ses Fontahelles – Estellenchs  12,0 761 5:15
06 Estellenchs – Banyalbufar  6,4 328 2:12
07 Banyalbufar – Esporles  7,3 436 2:13
08 Esporles – Valldemossa  8,9 658 3:36
09 Valldemossa -Deià  11,7 670 5:17
10 Deia – Refugi Muleta – Port de Soller  12,1 420 4:49
11 (Soller – Sa Font de Noguer)***   11,9 990 5:30
12 Sa Font de Noguer – Lluc  14,3 739 5:43
13 Luc – Pollenca  16,2 250 4:48
  Summe  119,8 6308 46:17

Anmerkung: In der Summe nicht enthalten sind -natürlich – die Anreise (*) und der Tag auf Sa Dragonera (**). Die Angaben für die ausgefallene Etappe Soller – Sa Font Noguer (***) stammen aus dem Mallorca-Wanderführer von Dietrich Höllhuber, wobei die Wegzeit auf 5 Stunden aufgerundet wurde. Alle sonstigen Entfernungen und Zeiten wurden gemessen mit der App Runtastic Pro. Aufzeichnungen mit meiner Smartwatch Vivoactive HR ergaben ungefähr 10 % längere Entfernungen, wurden hier aber nicht berücksichtigt.

GR 221 – 02. Die Planung

Eigentlich bin ich voll der Info-Hamster: Je mehr ich weiß, umso besser fühle ich mich. Diesmal aber scheint alles anders. Vor meiner Durchquerung des Tramuntana-Gebirges auf dem Fernwanderweg GR 221 habe ich mich sogar besonders gut informiert: Mit Google einmal quer durch´s Internet, wie immer bei Wikipedia nachgeschaut, eine Fernsehsendung gesehen, aktuelle Reiseführer gewälzt, Wanderführer und das neueste Kartenmaterial geprüft.

Nur leider fand ich oftmals widersprüchliche Angaben zum Trockenmauerweg. Und die lösen sich auch nicht auf, wenn man die vielen Berichte und Kommentare von Wanderern liest, die den Weg vor mir gegangen sind. Das beginnt schon mit der Länge des Weges:

Die offizielle Seite spricht von 83,7 Kilometern, die zur Hauptroute gehören, wobei die erste Etappe Port d’Andratx – Coma d’en Vidal und der dritte Abschnitt Esporles – Can Boi ohne nähere Erläuterung noch mit einem Warnschild versehen sind. „Die restlichen 72,5 Kilometer gehören zu Varianten“, heißt es. Die Angabe von 150 Kilometern aus der Fernsehinfo zu „Wanderlust“ bezieht sich demnach auf das gesamte Wegenetz und ist ziemlich irreführend.

Bei einer der zuverlässigsten und umfangreichsten Webseiten auf diesem Bereich, Outdooractive, ist die „eigentliche“ Route 115 Kilometer lang und in 44 Stunden zu bewältigen. Für die Hardcore-Wanderer von Alpenquerung.info sind es 140 Kilometer, und die schaffen das in 8 Etappen. Je mehr ich plane, umso größer wird die Verwirrung. Also mache ich das, was ich schon immer tue: Ich gehe meinen eigenen Weg, in meinem Tempo, und ich lasse mich überraschen, was es dabei alles zu entdecken gibt.

Als Eckdaten hatte ich meinen Hin- und Rückflug von Baseler Euro-Airport nach Palma de Mallorca, gebucht bei EasyJet zum Schnäppchenpreis von 50 Euro – allerdings nur mit Handgepäck. Wenn man den Hin- und Rückreisetag nicht rechnet ergibt das einen Zeitrahmen von 14 Tagen – lange genug, um sich zwischendurch auch ´mal bei einer kürzeren Etappe zu erholen oder eine Pause einzulegen, falls nötig.

Da war ich wohl zu langsam: Die Wanderherberge (Refugi) Tossals Verds war bereits sechs Wochen vor meiner Abreise ausgebucht, was mich zwingt, über einen Plan B nachzudenken. (Foto: Wikipedia CC BY-SA 3.0)

Weiter ging es mit den Unterkünften, die ich ca. 6 Wochen vor der Abreise gebucht habe. Wichtig, weil früh ausgebucht, sind die Wanderherbergen (Refugi), zu denen man sich von der offiziellen Seite durchklicken kann (Tatsächlich habe ich eine nicht mehr gekriegt: die mitten in den Bergen gelegene Tossals Verds, was mich dann zum Umplanen gezwungen hat). 

Sehr wertvoll für die Planung waren für mich zwei Bücher aus dem Michael Müller-Verlag, der sich auf Reiseführer spezialisiert hat und den ich wegen seiner detaillierten Informationen sehr schätze. In „Mallorca: Reiseführer mit vielen praktischen Tipps“ erfährt man allerhand über die Orte am Ausgang und Ende der Etappen, inklusive Hinweisen auf besondere Hotels und Restaurants. Und in „Mallorca MM-Wandern: Wanderführer mit GPS-kartierten Wanderungen“ finden sich detaillierte Beschreibungen zu 39 Wanderungen auf der ganzen Insel,von denen jedoch ein guter Teil Etappen und Abschnitte entlang des GR 221 beschreibt. Beide Bücher sind von 2016 und waren somit auch die aktuellsten im überaus großen Angebot der Malle-Reiseliteratur.

Obwohl ich eine großer Fan von GPS-Geräten bin würde ich mich bei einer „ernsthaften“ Wanderung in unbekanntem Gelände nicht alleine auf diese Spielzeuge verlassen wollen. Es genügt ein Defekt oder ein leerer Akku, und schon steckt man in Schwierigkeiten. Meine Ehre als Mann lässt es nicht zu, jemanden nach dem Weg zu fragen. Außerdem ist sowieso keiner da, wenn man einen braucht 😉

Nein, lieber sichere ich mich mit klassischen Karten ab. Die besten, die ich finden konnte, sind erst kurz vor meiner Wanderung in einer neuen Ausgabe erschienen: „Mallorca – Wanderkarte 1:35.000 (Kartenset mit Nord + Süd-Blatt): Alle Wege in der Serra Tramuntana“ heißt das wasser- und reißfeste Werk, das zumindest am heimischen Küchentisch einen sehr guten Eindruck macht. Es gibt zwar höher auflösende Karten im Maßstab 1:25000, aber meine wirken durchdachter und übersichtlicher zugleich, ohne dass ich Details vermissen würde.

Wie das dann im Gelände aussieht wird man sehen. Jedenfalls kennt ihr nun im Wesentlichen mein Planungsmaterial. Erwähnen sollte ich aber noch, dass ich mir vorgenommen habe, die kompletten 16 Tage nur zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein.  Wie die -auch auf deutsch verfügbaren – Busfahrpläne für die Insel zeigen, ist das Netz sehr gut ausgebaut. Das ermöglicht es, auch einmal ein paar Tage im gleichen Hotel zu bleiben, wenn man von dort zum Startpunkt einer Etappe und vom Ziel wieder zurück pendelt.

Mit diesen Rahmenbedingungen setzte ich mich schließlich an den Computer, breitete die Karten und Bücher neben mir aus, und buchte systematisch alles durch. Drei Tage netto hat das gedauert, und den Plan, der dabei herausgekommen ist, präsentiere ich im folgenden Abschnitt. Dann folgt noch eine Seite zu meiner Ausrüstung, und schließlich der ausführliche Reisebericht für die gesamten 14 Tage inklusive meiner 12 Etappen, den Unterkünften und sonstigen interessanten Beobachtungen (-> Übersicht).

GR 221 – 01. Die Idee

Schon klar: Die Idee, im Frühjahr nach Malle zu fliegen ist nicht sonderlich originell, dort zu wandern auch nicht. Ist mir aber egal, ich mache das jetzt trotzdem zu meinem Projekt: In den nächsten 14 Tagen will ich den Fernwanderweg GR 221 -auch bekannt als Trockenmauerweg- alleine und komplett durchwandern.

Die Betonung liegt auf „komplett“, denn was auf den ersten Blick nach einer überschaubaren Aufgabe ausschaut, erweist sich bei näherem Hinsehen als logistische und sportliche Herausforderung. Der Weg durch die im Norden der Insel gelegene Bergregion Serra de Tramuntana ist nämlich noch nicht fertig. Manche Abschnitte sind angeblich gesperrt, nicht beschildert oder nur zu bestimmten Zeiten / Wochentagen zugänglich. Die Unterkünfte sind teils dünn gesät, die Preise oft gesalzen. Auf manchen Abschnitten gibt es nur spartanisch eingerichtete Berghütten (Refugi) – und die sind dann auch noch schnell ausgebucht.

So sieht´s aus: Übersichtskarte zum Trockenmauerweg „Ruta de Pedra en Sec“, der im Norden Mallorcas von Port d´Andraxt bis nach Pollenca verläuft (Foto von Sarang, bearbeitet von Oltau via Wikipedia)

Dabei hatte alles so einfach ausgesehen: Inspiriert von einer Folge der Fernsehserie „Wanderlust“ wollte ich es dem britischen „Profi-Traveller“ Bradley Mayhew gleich tun, der frohen Mutes und scheinbar ohne Probleme die Serra de Tramutana durchquert hatte. Angeblich hat er sechs Etappen gebraucht für die 150 Kilometer. Angeblich.

Bei Wikipedia sind es aber neun Etappen, die offizielle Seite listet fünf offene Abschnitte plus sechs Varianten und nach meiner eigenen Planung werde ich elf Tage netto unterwegs sein, wobei ich an einem dieser Tage mangels Unterkunft wohl zwei Etappen bewältigen muss. Doch dazu später mehr.

Freunde, die schon mit mir unterwegs waren, bescheinigen mir, ein guter Planer & Reiseführer zu sein. Und da ich gerne schreibe und viele Freunde habe, wollte ich möglichst zeitnah auf Michels Universum darüber berichten. Gewünschter Nebeneffekt: Mehr Motivation, um dieses Projekt auch durchzuziehen, denn wer will schon als Looser nach drei Tagen abbrechen? Und dann gibt es ja noch den Plan, das Ganze als eBook zu veröffentlichen, wenn ich die Tour tatsächlich durchstehe…

Deshalb habe ich auch noch schnell aufgeschrieben, wie ich das ganze geplant habe, welche Tagesetappen dabei heraus gekommen sind, und mit welcher Ausrüstung ich unterwegs bin.

Morgen, am 27. März geht´s dann endlich los. Und wenn der Michel und seine Akkus durchhalten findet ihr hier bis zum 8. April jeden Tag einen neuen Bericht – Handyempfang bzw. W-LAN vorausgesetzt.